Ein: Mode als politisches Statement
Ob um den Hals gelegt – oder, um die Frisur zu unterstützen: So ein Tuch ist vielfältig verwendbar, das wusste schon Königin Karoline von Bayern, deren Porträt in der Landesausstellung im Neuen Schloss zu sehen ist. Bild: Moritz Kellerhoven, Königin Karoline von Bayern, Wittelsbacher Ausgleichsfonds, München
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Solche auf den ersten Blick unschuldigen modischen Accessoires, die auf den zweiten Blick für ein politisches Statement des Trägers stehen, findet man auch in früheren Zeiten. Ein besonders schönes Bild der bayerischen Königin Karoline in der Landesaustellung „Napoleon in Bayern“ bietet in der Kleidung eine solche Botschaft, die damals ganz klar war, aber heute kaum mehr entschlüsselt werden kann.

Karoline trägt ein für diese Zeit typisches weißes, tief dekolletiertes Kleid mit hoch angesetzter Taille, das an die Mode der Antike angelehnt ist, darüber einen roten Kaschmirschal. Um ihr dunkles Haar hat sie ein langes weißes Stoffband gewickelt, womit sie ihre Frisur im antiken Stil nach oben hält. Ungewöhnlich ist aber, dass ein Teil des Bandes unter dem Kinn entlanggeführt wird.

Ihr großes Vorbild für diese ungewöhnliche Bandage ist Königin Luise von Preußen (1776 bis 1810), deren berühmtes Porträt von Johann Gottfried Schadow genau diese Wickelung um Haar und Kinn zeigt. Gemeinsam mit ihrer Schwester wurde sie in der sogenannten „Prinzessinnengruppe“ als ganzfigurige Marmorskulptur dargestellt. Das anmutige Bildnis der beliebten Kronprinzessin verbreitete sich rasend schnell in Form von Grafiken, kleinen Büsten und Porzellanbildern. Nach der Entstehung der Gruppe im Jahr 1797 gab es in den Modejournalen sofort Abbildungen von der ungewöhnliche Wickelung um Haar und Kinn, wollten die modebewussten Damen schon damals die „Promis“ und ihre Mode nachahmen. Leider verschwand die reizende „Prinzessinnengruppe“ ziemlich schnell aus der Öffentlichkeit, weil Luises Ehemann, der preußische König Friedrich Wilhelm III., die Ausstrahlung seiner Frau als zu erotisch empfand und deshalb die Skulptur der Öffentlichkeit entzog. Doch gab es mittlerweile genügend Kopien, um das Bild zu verbreiten. Die Bandage um Kopf und Kinn war also am Anfang keineswegs ein politisches Zeichen, sondern eine kleine modische Extravaganz der jungen preußischen Kronprinzessin.

Rund zehn Jahre später überredete sie maßgeblich ihren Mann, Frankreich den Krieg zu erklären. Die schlecht ausgebildeten Preußen erlitten eine dramatische Niederlage, und 1806 zog Napoleon als Sieger in Berlin ein. Luise hasste ihn als „moralisches Ungeheuer“, dennoch erklärte sie sich auf Bitten ihres Mannes und dessen Berater bereit, ihn am 6. Juli 1807 in Tilsit zu einem Vier-Augen-Gespräch zu treffen. Offenbar hoffte man darauf, dass ihr Charme und ihre Schönheit den Franzosen dazu bringen würden, weniger hart mit den preußischen Verlierern umzugehen. Das war ein sehr gewagtes Spiel, denn Napoleon verachtete politisch aktive Frauen und hatte Luise als „schwertfuchtelnde Amazone“ bezeichnet, die den Preußen dasselbe schreckliche Schicksal bescheren würde wie Helena den Trojanern. Trotz der gegenseitigen Vorbehalte war Napoleon neugierig auf die schöne Königin, die sich für diesen Tag besonders attraktiv gab und für das Gespräch von dem preußischen Staatsmann Fürst von Hardenberg gründlich instruiert war. Der französische Kaiser glaubte gar, „Hardenbergs Papagei“ sprechen zu hören, musste aber letztendlich anerkennen, dass Luise eine wohlunterrichtete, geistvolle und kluge Frau war, die hartnäckig immer wieder auf ihre Themen zurückkam und souverän das Gespräch beherrschte. Das berühmte Vier-Augen-Gespräch der beiden führte nicht zu dem gewünschten Erfolg. Trotz ihrer Fürsprache wurde Preußen massiv zur Kasse gebeten.

Genau in dieser spannungsvollen Zeit entstand das Gemälde der bayerischen Königin Karoline, die mit der Kopfbandage ein politisches Statement für Königin Luise abgibt. Jeder in der damaligen Zeit wusste, was damit gemeint war, denn jedem war klar, dass dieses Tuch für die preußische Königin stand. Und nicht nur für Luise, sondern auch für ihre antinapoleonische Haltung, für ihren Mut und ihre Politik.

Wie stand es denn um die politische Haltung der bayerischen Königin? Sie hegte eine tiefe Abneigung gegen Frankreich im Allgemeinen und gegen Napoleon im Besonderen. Dieser war verantwortlich für die Ermordung ihres Jugendschwarms, des Herzogs von Enghien. Ihre antinapoleonische Haltung erreichte ihren Höhepunkt, als der Kaiser die Eheschließung seines Stiefsohns Eugène de Beauharnais mit Prinzessin Auguste Amalia Ludovika beschloss. Sie war quasi das Pfand, das Kurfürst Max für die bayerische Königskrone gab. Als er nach München zurückkehrte, wagte er es nicht, seiner Frau und der Tochter unter die Augen zu treten, wohl wissend, dass ihm von den beiden ein Sturm der Entrüstung entgegenschlagen würde.

Diese Hochzeit, die auch in der Landesausstellung ausführlich thematisiert ist, kam gegen den heftigen Widerstand der beiden Frauen zustande. Doch während sich die unglückliche Braut beim Anblick des Bräutigams heftig ihn diesen verliebte und in eine unerwartet glückliche Ehe eintrat, war Karoline nicht willens, mit ihrer Meinung zurückzuhalten. Es kam in München zu heftigen Szenen zwischen ihr und Napoleon, bis dieser sie mit dem Hinweis erpresste, das Schicksal Bayerns liege in seinen Händen. Nun versteht man sicher besser, was sie ohne Worte mit dem schlichten weißen Kopfband in ihrem Porträt zum Ausdruck bringen wollte: schweigenden Widerstand.

 

Die Autorin Kerstin Merkel ist Kunsthistorikerin. Sie wurde 2010 zur Honorarprofessorin der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt ernannt.