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Australien ist weit mehr als Kängurus, Aborigines und Didgeridoos. Wieviel mehr, das schreibt uns Florian Schiegl. Jeden Mittwoch. Er lebt und arbeitet für vier Monate in Sydney. Seine Freundin, die in Sydney für einen Rechtsanwalt tätig ist, liefert die Fotos dazu.
 
04.08.2008 13:12 Uhr | x gelesen
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Mehr als Oper und Harbour Bridge


Sydney (DK) Canberra und die Blue Mountains liegen zwar bis zu 300 Kilometer von Sydney entfernt, trotzdem ist das für australische Verhältnisse noch Umgebung. Viel Trubel war weder in der Stadt noch in den Bergen. Canberra ist für eine Hauptstadt recht fad, dafür war die Natur in den Blue Mountains umso imposanter.


Mühselige Wanderung.
Katrhin Schierl
Als wir beinahe knöcheltief im Morast standen, war die Weltmetropole plötzlich ganz weit weg. Wir kämpften uns durch unwegsames Gelände voran und mussten immer wieder Büsche und Gestrüpp beiseite schieben. Teilweise glich der Weg einem Moorgebiet und ich musste – weil über 1,80 Meter – bei einigen Felsvorsprüngen den Kopf einziehen. Doch nach gut zwei Stunden Fußmarsch lag er vor uns, der in düsteres, fast magisches Licht getauchte Wasserfall.

Die Wanderung zu einem der Wentworth Falls war unser erster Ausflug, der uns über die Stadtgrenzen Sydneys führte und unseren australischen Horizont über Opernhaus und Harbour Bridge hinaus erweiterte.

Auch imposant: der Wentworth Fall.
Kathrin Schierl
Einen Tag lang ließen wir den Großstadtdschungel hinter uns und tankten Natur und Ruhe in den eineinhalb Autostunden westlich von Sydney gelegenen Blue Mountains. Auch das darauffolgende Wochenende, das uns in die australische Hauptstadt Canberra führte, war von so etwas wie Abgeschiedenheit und Ruhe geprägt und ließ uns die Bekanntschaft mit Sydneys Umgebung – denkt man in australischen Kategorien, gehört die etwa 300 Kilometer entfernte Hauptstadt sicherlich noch dazu – vertiefen. Dennoch könnten beide Ziele unterschiedlicher nicht sein.

Irgendwo im Nirgendwo

Canberra von oben.
Kathrin Schierl
Beginnen wir mit Canberra. Die Hauptstadt hat keinen besonders guten Ruf und gilt als langweilig. Leider müssen wir das bestätigen. Wirklich verwundern kann dies aber nicht. Und auch die Schuldigen daran, dass keine aufregendere Stadt als Australiens Regierungssitz und Verwaltungszentrum fungiert, sind leicht auszumachen: Es sind Melbourne und Sydney. Beide Städte konnten sich nach dem Zusammenschluss der einst voneinander unabhängigen Kolonien zum Common­wealth of Australia, also dem, was wir heute als Australien kennen, im Jahr 1901 nicht einigen, welche Metropole denn Hauptstadt spielen sollte.

Wir vor dem neuen Parlament.
Kathrin Schierl
So plante man einfach auf dem Reißbrett eine neue (Haupt-)Stadt – irgendwo im Nirgendwo, etwa auf halber Distanz zwischen beiden Streithähnen. So entstand Canberra und kam nach der Fertigstellung der wichtigsten Bauten 1927 auch zu Hauptstadt-Ehren.

Wie aber so häufig in Städten, die nicht natürlich gewachsen sind, wirkt auch Canberra aufge­setzt und leblos. Die als Gartenstadt an einem künstlichen See angelegte Siedlung gilt als Paradies für Radfahrer, für Besucher sind die weiten Wege aber zeitraubend und nervtötend.

Weiträumig, geometrisch, verschlafen

Das ist die Achse mit altem und neuem Parlament.
Kathrin Schierl
Die Stadt ist an sich reizvoll geplant und hat kulturelle wie architektonische Höhepunkte zu bieten: Der Capital Hill ist von in konzentrischen Kreisen angelegten Ringstraßen umgeben und die wichtigsten Gebäude und Monumente – Altes und Neues Parlament, War Memorial – liegen in einer Flucht. Das National Museum, das wir uns genauer anschauten, die National Gallery und die National Library of Australia gehören auf ihren Gebieten zu den wichtigsten Museen Australiens. Im Botschaftsviertel erinnern die in landestypischen Stilen erbauten jeweiligen Vertretungen an Expo-Pavillions. Nur für die deutsche Botschaft hat man sich wohl das Finanzamt von Wanne-Eickel zum Vorbild genommen.

Dennoch fehlt der Stadt das, was man bei einem Menschen als Persönlichkeit oder Charisma bezeichnen würde. Canberra ist für meinen Geschmack einfach zu weiträumig, zu geometrisch, zu verschlafen und klappt – bis auf einige wenige Straßenzüge – zu früh seine Gehsteige hoch.

Und der auf dem Black Mountain über der Stadt stehende Fernsehturm setzt der Hauptstadt im wahrsten Sinne des Wortes noch die Krone auf. Bautechnisch macht es sicher Sinn, ein derartiges Gebäude auf einen Berg zu setzen und dessen Höhe dafür auszunutzen. Steht man aber vor dem Telstra Tower, der nur etwa die Hälfte der Normalgröße seiner Artgenossen erreicht, wirkt er etwas wie eine Karikatur. Genauso wie Canberra ein bisschen wie die Karikatur einer Hauptstadt wirkt.



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Von Florian Schiegl

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