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Australien ist weit mehr als Kängurus, Aborigines und Didgeridoos. Wieviel mehr, das schreibt uns Florian Schiegl. Jeden Mittwoch. Er lebt und arbeitet für vier Monate in Sydney. Seine Freundin, die in Sydney für einen Rechtsanwalt tätig ist, liefert die Fotos dazu.
 
02.09.2008 16:53 Uhr | x gelesen
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Auf Fußball-Entzug in Australien


Sydney (DK) Sydney, die Olympiastadt von 2000, ist eine Sporthochburg. Rugby Union, Rugby League, Football nach Australian Rules, Cricket – all das kann man sich in den Stadien der Metropole live anschauen. So viel Angebot lässt das Herz des Sportfans höher schlagen. Allerdings nur das des australischen.


Australien ist ein sehr sportbegeistertes Land. Auch ich bin ein überaus eifriger Stadiongänger, selbst sportlich aktiv und lasse auch keine wichtige Fernsehübertragung aus. Das müsste eigentlich gut zusammenpassen, könnte man glauben.

Folge 10
Sportart Nummer eins in Australien, deutlich zu erkennen an der imposanten Zuschauerzahl: Rugby.
Kathrin Schierl
Doch leider können sich die „Aussies“ für Sportarten erwärmen, mit denen der Kontinentaleuropäer im Allgemeinen und ich im Besonderen nur wenig anfangen kann. Rugby Union, Rugby League, Australian Rules Football, also alle Varianten des rüden Sports mit dem eiförmigen Ball, sind für den Unwissenden kaum zu unterscheiden. Jeder Australier behauptet aber, genau die Version, die er gerne sieht, sei das einzig wahre Rugby. Cricket hingegen ist weit weniger brachial, dafür aber todlangweilig. Bei Fernsehübertragungen dieser Sportart kann man die Augen kaum länger als zehn Minuten offen halten.

Schlechte Zeiten also für den eingefleischten Fußballfan. Dazu schlagen noch die Nachrichten aus der Heimat aufs Sport-Gemüt: Der heimische SV Zuchering krebst nach dem Abstieg auch in der Kreisklasse am Tabellenende herum, der FC Ingolstadt empfängt in der Zweiten Liga einen sehenswerten Traditionsverein nach dem anderen. Und ich bin 16.000 Kilometer entfernt und muss die Bundesligaergebnisse am nächsten Tag im Internet nachlesen. Hoffentlich weiß ich überhaupt noch, was Abseits ist.

Folge 10
Ein feierlicher Moment: Die Wallabies und die All Blacks während der Nationalhymnen.
Kathrin Schierl
Es musste dringend Abhilfe her. Mangels Alternativen also doch zum Rugby! Da wir uns für keinen der acht Sydneyer Erstligisten im Rugby League entscheiden konnten oder wollten, drängte sich der Klassiker im Rugby Union, das übrigens auch in Europa gespielt wird, nahezu auf: Australien gegen Neuseeland oder Wallabies gegen All Blacks, wie Eingeweihte dieses Duell der Rugby-Giganten nennen.

Die Partie fand im Olympiastadion der Spiele von 2000 statt. Das weckte zumindest meinen Stadien-Entdeckergeist. Doch meine Fußball-Entzugserscheinungen konnte die Partie kaum lindern. Die Regeln und die Taktik überblickte ich als Neuling, der sich sogar eingelesen hatte, nur bedingt. Die meisten Spielzüge wirkten, als würden die Teams die Losung „Alle auf den Ball“ beherzigen. Fußballern versucht man das bereits in der F-Jugend auszutreiben. Auch warum das Spiel, das Australien mit 34:19 gewann, gleich Eingang in zwei Wertungen – den Tri Nations Cup und den Bledisloe Cup – fand, blieb schleierhaft.

Folge 10
Kein Regentanz, sondern Rugby: die All-Blacks mit imposanter Geste.
Kathrin Schierl
Stadion-Stimmung, geschweige denn Fangesänge, kam trotz des starken Spiels der Wallabies keine auf. Wir fühlten uns, als wären wir im Theater oder im Kino. Nur der Haka, der Kriegstanz der neuseeländischen Ureinwohner Maori, den die All Blacks vor jedem Spiel mit martialischen Ge¬sten und Gesängen aufführen, um den Gegner einzuschüchtern, hatte großen Unterhaltungswert. Zum Rugby-Fan hat mich dieses Duell trotzdem nicht gemacht.

Der Entzug ging also weiter. Und bei so manchem Spaziergang durch den Park musste ich mich schon sehr beherrschenden, um die kickenden Jungs nicht mit einer beherzten Blutgrätsche vom Ball zu trennen.

Folge 10
Auswärtsspiel: Die Fans von Perth Glory lassen sich an zwei Händen abzählen.
Kathrin Schierl
Doch dann begann auch in der ersten australischen Fußball-Liga, der A-League, endlich die Saison. Das ortsansässige Team heißt Sydney FC, spielt im 45.000 Zuschauer fassenden Sydney Football Stadium und wurde vor einigen Jahren bereits von Trainer Pierre Littbarski, einem der Helden meiner Kindertage aus der deutschen Weltmeisterelf von 1990, zur australischen Meisterschaft geführt. Keine schlechte Adresse also.

Tickets bekamen wir für die Partie gegen Perth Glory aus Westaustralien. Zwar waren nur gut 11.800 Zuschauer im weiten Rund, die Fankurve „The Cove“ machte aber Stimmung wie sie wohl drei Stadien voll mit Rugby-Fans nicht zu Stande brächten. Aus Perth waren etwa 20 Gästefans angereist – bei 4.000 Kilometern Entfernung muss es sich dabei aber auch um wirklich eingefleischte Anhänger handeln.

Folge 10
Schönes Stadion - wenige Fans. Fußball ist nicht DIE Sportart in Australien.
Kathrin Schierl
Das Niveau war zwar mit europäischen Eliteligen nicht im Ansatz zu vergleichen und teilweise reihte sich Abwehrfehler an Abwehrfehler. Trotzdem bekamen wir viel geboten: Zwei Elfmetertore, eine Rote Karte und insgesamt sieben Treffer beim 5:2-Sieg des hellblauen Sydney FC. Dass die Auswechselbänke aus Gartenstühlen bestanden und die Zuschauer, die keine überdachten Plätze hatten, beim einsetzenden Regen sofort in die überdachten Blöcke – der Vorteil eines nur zu einem Viertel besetzten Stadions – flüchteten, konnte da meinen wiedergefundenen Fußball-Seelenfrieden auch nicht mehr stören.

Jetzt werde ich es wohl bis zum Rückrundenstart der Fußballbundesliga, zu dem ich ja lange wieder zu Hause sein werde, aushalten. Vielleicht statte ich dem FC Sydney aber auch noch einen zweiten Besuch ab.


Von Florian Schiegl

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