In Montreal ist es sehr lange sehr kalt. Wie hält man das nur aus?
Schulze-Reimpell
Montreal
Jean-Willy Kunz, der festangestellte Organist des Montreal Symphony Orchestra, findet die alljährliche Eiszeit sogar ganz angenehm. Der gebürtige Franzose, der seit 2004 in Kanada lebt, empfindet die Zeit als „ungemein intensive, weil man nicht hinausgehen kann und dadurch mehr zum Studieren kommt.“

Weniger lustig finden die Schneestürme und die Rekordtemperaturen die Sängerinnen und Sänger der Audi-Jugendchorakademie. Sightseeing macht da wenig Spaß. Aber: Es gibt einen Ausweg. Da man in den Wintermonaten kaum ins Freie gehen kann, haben die Montrealer eine Art Stadt unter und neben der Stadt gebaut. Das unterirdische Montreal umfasst inzwischen Gänge in der Länge von 32 Kilometern – die größte unterirdische Passage der Welt. Und hier lässt es sich bei angenehmen 20 Grad Celsius leben.

Die Unterwelt ist so weit ausgebaut, dass man etwa den 15-minütigen Weg vom Hotel Le Dauphin bis zum Maison symphonique, dem Konzerthaus, fast durchgehend trockenen Fußes gehen kann. Im Stadtzentrum türmen sich die Passagen in drei oder vier Stockwerken untereinander, man kann sich innerhalb weniger Minuten im Dickicht der Tunnel hoffnungslos verirren.

Die wenige Freizeit wird von den jungen Musikern so gut es geht genutzt. In kleinen Gruppen schwärmen sie aus, besuchen den mystisch blau schimmernden Nachbau des Pariser Notre-Dame oder tummeln sich im reizvollen historischen Hafenviertel. Vor allem aber sitzen sie in Bars und Restaurants, spielen Karten, unterhalten sich – zumindest so lange bis die Gastronomie (meist bereits ziemlich früh) schließt. Und man isst einige der Quebecer Spezialitäten, etwa Poutine – ehrlich gesagt eher eine kulinarische Katastrophe aus durch Bratensoße labbrig aufgeweichten Pommes frites kalorienreich angereichert durch geschmolzenen Käse.

Dabei werden Freundschaften geschlossen. Denn die Treffen des Audi-Chores sind nicht nur Gelegenheit, gute Musik zu machen, sondern auch Beziehungsmarkt, eine Art Dauerparty unterbrochen von ausgesprochen diszipliniert durchgeführten Proben und Konzerten. Fast alle Chormitglieder erzählen, dass sie Freunde gefunden haben, die sie auch außerhalb der Probezeiten treffen. Was noch fehlt im fast zehnjährigen Bestehen des Chores sind Eheschließungen und Kinder.


Die Audi-Jugendchorakademie ist auf Tour. Zwischen dem 10. Und 15. Dezember sind die jungen Sänger in Montreal, um drei Konzerte zusammen mit dem Dirigenten Kent Nagano und dem Montreal Symphony Orchestra zu geben. Unser Musikredakteur Jesko Schulze-Reimpell begleitet den Chor und berichtet.