Stellen wir uns einmal folgende Situation vor: Ein Schweizer bemüht sich, mit einem Deutschen Hochdeutsch zu sprechen und dieser entgegnet ihm, er habe nicht gewusst, dass man Schweizerdeutsch so gut verstehe.
 
Oder: Zwei Schweizer treffen in einem Hostel in Amsterdam auf zwei Deutsche. Man hat sich noch nicht begrüßt, unterhält sich vorerst auch nicht miteinander. Während die Schweizer die Gespräche der Deutschen problemlos mitverfolgen können, scheint das umgekehrt eher schwieriger zu sein. Nach einiger Zeit wendet sich die Frau des deutschen Paares schließlich an die Schweizer und fragt: „Excuse me, where do you come from?“

Zugegeben, die zweite Anekdote stellt dann doch eher eine Ausnahme dar. Dafür geschieht erstere umso häufiger. Fakt ist, Schweizerdeutsch ist ein deutscher Dialekt, den zu verstehen manchen Deutschen Mühe bereitet. Doch was ist das genau für eine eigenartige Sprache, die westlich des Bodensees gesprochen wird?

Zunächst einmal ist sie gar nicht so weit vom Bayerischen entfernt. Wenn der Bayer „oans, zwoa, drei“ zählt, klingt es im Osten der Schweiz ziemlich ähnlich: „oas, zwoa, drü“. Und auch der Stein, „Stoa“, wird in beiden Regionen gleich ausgesprochen. 200 Kilometer weiter westlich in Bern, also beinahe an der französischen Sprachgrenze, zählt man aber schon ganz anders: „eis, zwöi, drü“. Der Stein heißt jetzt statt „Stoa“, „Stei“ (sprich: „Schtei“). Schweizerdeutsch als einen einheitlichen Dialekt gibt es also schon mal gar nicht. Vielmehr ist das „Schwizerdütsch“ eine Sammelbezeichnung für unzählige lokale Dialekte.

Wer denkt, Verständigungsprobleme könnten nur zwischen Deutschen und Schweizern auftreten, der irrt. Manch ein Deutschschweizer hat nicht zuletzt mit dem Walliserdeutsch seine lieben Probleme. Hier heißt zum Beispiel eine Eidechse „Lattüechi“, während es im Berndeutsch noch „Eidechsli“ heisst. Oder, „dr Schmätterling“ wird im Wallis als „Pfyfalter“ bezeichnet. Und wenn wir schon bei den Klischeeausdrücken sind: Der schweizerische „Oachkatzlschwoaf“ ist das „Chuchichäschtli“, zu dt. Küchenkästchen.

Gerade im Berndeutschen sind die aus der französischen Sprache übernommenen Ausdrücke auffällig. Interessanterweise sind viele davon auch im Bayerischen geläufig: Merci, Trottoir (Bürgersteig), „exgüsee“ (von excusez-moi, dt. Entschuldigung), Velo anstatt Radl, Panasch (Radler) usw. Manch ein Schweizer hat bei der Umstellung ins Hochdeutsche seine Mühe damit, diese Wörter nicht weiter zu verwenden.

Auf diese Art und Weise entstanden unzählige Helvetismen; schweizerdeutsche Wörter, die sich über die Zeit in die hochdeutsche Sprache eingeschleust haben. Einige davon werden sogar im ganzen deutschsprachigen Raum verwendet: Man denke an Müsli, Putsch oder Gletscher. "Heimweh" soll einst eine Schweizerische Krankheit gewesen sein.

Ein Hinweis zum Umgang mit Schweizern: Wenn ein Schweizer von „Ausgang“ spricht, sitzt er nicht hinter Gitter, sondern will am Abend einfach nur auf eine oder zwei Stangen (das Standartmaß für Bier: 0,33 l) weggehen. Und das Morgenessen (oder: „z´Morge“) ist übrigens das Frühstück.

So weit, so gut. Schweizerdeutsch ist ein deutscher Dialekt, der mit dem Bayerischen viele Gemeinsamkeiten hat – und erst recht mit dem Schwäbischen. Es gibt jedoch einen gewichtigen Unterschied, und das ist der Stellenwert, der dem Dialekt in der Schweiz beigemessen wird: So wird in TV und Radio – abgesehen von den Nachrichten – grundsätzlich Schweizerdeutsch gesprochen. Bei der Einführung von Hochdeutsch im Kindergarten laufen die Bürger Sturm und in der Musik dominiert der Dialekt unverkennbar. In der Schule Hochdeutsch zu sprechen, empfindet man als lästige Pflicht.

Für viele Schweizer ist Hochdeutsch wie eine Fremdsprache. Das alles mag die Langsamkeit der Sprache und den starken Akzent so manchen Schweizers erklären. Und auch, warum Deutsche oft Hochdeutsch mit Schweizerdeutsch verwechseln.