Heute vor 40 Jahren: der 27. Juni 1977. Montag, Siebenschläfertag, wie heute.

Die ostafrikanische Republik Dschibuti wird unabhängig von Frankreich. In Bonn sprechen sich bei der SPD-Klausurtagung der Parteivorsitzende Willy Brandt und Fraktionschef Herbert Wehner aus. In Vatikanstadt wird der 50-jährige Joseph Ratzinger, Erzbischof von München und Freising, zum Kardinal ernannt. 
 

Ein Sexfilm zur Prime Time - in Eichstätt!


Dem katholischen Eichstätt ist das wurscht, dort läuft um 20 Uhr im Burg-Theater-Kino "Heißer Sex aus Dänemark". Ein Träger bayerisches Vollbier kostet 5,98 Mark. In der ARD läuft um 20.15 Uhr "Klimbim" mit Ingrid Steeger, im ZDF um 19.30 Uhr "Fantomas" mit Louis de Funes.

Es hat knapp 20 Grad, als sich an diesem lauen Juniabend ein Mann auf den Weg zum Rundfunkhaus unweit des Hauptbahnhofs macht. 30 ist er geworden vor gut einem Monat, er wohnt in einem der hässlichen Apartmenthochhäuser, die für die Olympischen Spiele 1972 in München hochgezogen wurden. In seiner Autobiografie "Herbstblond" wird Thomas Gottschalk 35 Jahre später wie folgt über diese Zeit reflektieren:

"Wir machten großes Radio mit kleinem Aufwand. Es gab keinen Redakteur, keinen Producer, keinen Autor. Das war alles ich. Meine Sekretärin war dazu da, das Chaos in meinem Büro erträglich zu halten, und sorgte dafür, dass die Laufpläne ordnungsgemäß ausgefüllt waren. Im Rückblick war dies die unbeschwerteste und beruflich die glücklichste Zeit meines Lebens." Und weiter: "Ich spüre eine tiefe Verbundenheit zu der Generation, die statt mit Laptops und Handys mit mir groß geworden ist." 

In den deutschen Single-Charts steht Boney M. mit "Ma Baker" ganz oben, gefolgt von "Yes Sir, I Can Boogie" (Baccara) und "Orzowei" von den Oliver Onions. 
 
Keine Ahnung, woran Gottschalk am 27. Juni 1977 auf dem Weg zum Rundfunkhaus gedacht hat. An die aktuellen Charts jedenfalls nicht. Ein Blick auf den Laufplan eben jenes Abends zeigt, dass keiner der Songs, die er an diesem Abend auflegen sollte, in den deutschen Top 40 vertreten ist. Stattdessen: wie immer das Instrumentalstück "Pelican Dance" am Anfang, außerdem eine frühe Nummer von Pink Floyd, The Who, Dr. Feelgood, Badfinger. Und Udo Jürgens. 

Laufplan "Pop nach acht" vom 27. Juni 1977. "Platten bringt Herr Gottschalk zur Sendung mit".
Netz-Fundstück, unbekannte Herkunft
Gottschalk war damals der bunte Hund beim Bayerischen Rundfunk (BR). Zu Gesprächen mit dem Programmdirektor erschien er mit Cowboystiefeln, Jeans und T-Shirt. Auf dem prangte irgendeinen Konterfei eines Musikers. Er erhielt als Erster beim BR waschkörbeweise Fanpost, weil er es verstand, die jungen Hörer einzubinden. Es gab die Klassen-Charts, also telefonierte er zwischen 20 und 21 Uhr mit dem Klassensprecher - und der Rest der Schule hörte zu. Er schrieb einen Fortsetzungsroman in der "Bravo". Bands, die im Circus Krone nebenan auftraten, schauten auf einen Sprung bei ihm vorbei. Als Styx ("Boat On The River") mit der Akustikgitarre einen ihrer Songs live im Studio spielten, dürfte das einer der allerersten Unplugged-Auftritte on air gewesen sein. Die Techniker im Studio nebenan schlugen die Hände über dem Kopf zusammen, die Radiofans vergötterten ihn dafür. 

Als die Platten im Kofferraum Wellen schlugen

 
Vorbereitung? Nicht seine Sache. Spätestens seit dem Zeitpunkt, als er gemeinsam mit seiner frisch Angetrauten Thea an einem Nachmittag vor einer "Pop nach acht"-Sendung an einem Münchner Badesee war und die im Kofferraum verstauten Platten ob der gewaltigen Hitze allesamt Wellen schlugen und deshalb unbrauchbar waren, merkte er, dass er dann am besten ist, wenn er improvisiert. Dass er an jenem Abend den vorgegebenen Laufplan komplett über den Haufen schmiss, sich jedoch keiner seiner Vorgesetzten bei ihm meldete, bestärkte ihn, sich die Freiheit zu nehmen, die seine tägliche Radiosendung so populär machte.  
 
Ich kann nur für mich sprechen: Kurz nach 20 Uhr saß ich - Jahrgang 1967 - vorm Radio, am Tapedeck waren die Tasten Pause, Rec und Play gedrückt, um sofort aufnehmen zu können, wenn was Gutes kam. Es gab, was live war. Kein Internet und damit auch keinen Podcast, kein Streaming. Hattest du die Sendung verpasst, war das unwiederbringlich.
 
Es gab Sondersendungen. Die Sechziger, die Siebziger, Queen, die Stones, die aus dem Boden gestampfte Sondersendung am Abend nach der Ermordung John Lennons, wo ihm die alten Radiokumpels Jim Sampson, Jürgen Herrmann und Fritz Egner zuarbeiteten. Gottschalk war auch später noch gut, als er in den 1980er Jahren gemeinsam mit Günther Jauch nachmittags die "B3-Radioshow" moderierte. Besonders die Improvisationen der beiden bei der Übergabe kurz vor 16 Uhr waren legendär. Der Luftikus und der Streber, die sich gegenseitig auf den Arm nahmen.

So großartig, vogelfrei und unterhaltsam wie zu "Pop nach acht"-Zeiten vor rund vier Jahrzehnten sollte er nie mehr werden. Und so kann es wohl auch kein anderer mehr hinbekommen, denn heute ist der Großteil der Radiosendungen nach Airplay-Mustern vorgegeben.
 

Einmal im Monat auf Sendung


Bei all der Kritik, die Gottschalk im Laufe all der späteren Jahre über sich ergehen lassen musste, muss man seine Anfangszeit im Radio davon getrennt sehen. Er hat das getan, was ihm am meisten Spaß gemacht hat. Seine Schnoddrigkeit hat ihn irgendwann zum Fernsehen gebracht. Heute wird das Vermögen des inzwischen 67-Jährigen auf 85 bis 130 Millionen Euro geschätzt, er wohnt abwechselnd in Berlin und im kalifornischen Malibu.
 
Seit Januar dieses Jahres ist er zurückgekehrt zu seinen Wurzeln: Jeden ersten Sonntag im Monat moderiert er die dreistündige Sendung "Gottschalk - Die Bayern 1 Radioshow". Musikalisch mag er stehen geblieben sein. Aber die Musik von damals war ja auch nicht die schlechteste.