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erstellt am 13.07.2018 um 18:08 Uhr
aktualisiert am 13.07.2018 um 18:11 Uhr | x gelesen
Als amtierender Meister in der Fahrer-, Hersteller- und Teamwertung war Audi in die DTM-Saison 2018 gestartet. Nach nicht einmal der Hälfte der Rennen herrscht große Ernüchterung, die Ingolstädter haben vor der fünften Station im niederländischen Zandvoort an diesem Wochenende bereits alle Titel abgehakt.
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DTM-Chef
Gerhard Berger muss dringend einen neuen DTM-Teilnehmer finden, sonst steht die Serie vor dem Aus.
Uwe Anspach
Als die Feuerwerkskanonen rechts und links der Start- und Zielgeraden am Hockenheimring in die Höhe schossen und wenig später blaue und gelbe Konfetti auf  René Rasts Nase tanzten, knallten auch in Ingolstadt die Sektkorken: Audi hatte im Oktober das Triple der DTM gewonnen:  den Fahrer-, Team- und Markentitel.   Am Ende der Saison  landeten vier Audi-Piloten auf den ersten vier Plätzen der Fahrerwertung,   in der Markenwertung  standen die Ingolstädter mit 230 Punkten Vorsprung an der Spitze. Acht von 18 Rennen hatten sie für sich entschieden. 
 
Neun Monate später ist   im Audi-Motorsportzentrum in Neuburg  niemandem mehr zum Feiern zumute – zumindest nicht in der DTM-Abteilung. Nach drei Jahren, in denen Audi mit dem jeweils stärksten Gesamtpaket antrat, sind die  Ingolstädter  abgestürzt. In der Markenwertung sind sie mit 122 Punkten abgeschlagen Letzter,  während Mercedes mit 421 vor BMW mit 313 Zählern führt. Einen Sieg feierte Audi in diesem Jahr noch nicht. Sinnbildlich für die Krise stand das jüngste Rennwochenende am Norisring. Sowohl im  Qualifying als auch im  Rennen am Samstag schaffte es keiner der sechs Audi-Piloten   unter die ersten Zehn, im  Rennen am Sonntag war der siebte Platz von Nico Müller das beste Resultat.  Ein Heimrennen zum Vergessen.  Während zwischen Mercedes und BMW ein spannender Kampf um den Titel entbrannt ist, müssen die Ingolstädter   zugucken und haben die Saison bereits vor der Halbzeit an diesem Wochenende im niederländischen Zandvoort abgeschrieben. „Den Titel brauchen wir uns nicht einzubilden“, sagte   Audis DTM-Chef Dieter Gass am Rande des Rennens am Norisring. „Diesen Rückstand kann man realistisch so schnell nicht aufholen, um noch Meister zu werden.“
 
Doch warum  ist der RS5 in dieser Saison plötzlich nicht mehr konkurrenzfähig?  Das hat drei Gründe. Zum einen wurde in der Winterpause das Reglement geändert.  Alle drei Hersteller haben nun  das gleiche Aerodynamik-Paket,   die aerodynamischen Bauteile an den Autos wurden reduziert.   Die   Einheitsteile sollen  die Marken  noch näher zusammenführen. Einheitliche Autos, ausgeglichener Wettbewerb. Die Kosten sollen  gesenkt und der Abtrieb reduziert werden. 
 
Die Folge: Der Spielraum der Ingenieure wird immer kleiner. Die Vorteile, die sich Audi im vergangenen Jahr in der  Aerodynamik erarbeitet hatte, waren somit dahin, vor allem im Bereich der Radhäuser, 2017 ein großer Trumpf der Audi-Ingenieure.  „Letztes Jahr haben wir im Rennen durchaus Boden gutmachen können, weil wir mit den Reifen besser umgegangen sind“, sagt Gass. Dass Audi derzeit hinterherfahre, sei  frustrierend, aber nicht überraschend. „Wir haben diese Saison viel Boden verloren durch die Angleichung der Aerodynamik. Wir haben nicht mehr viele Schrauben zum Drehen.“
 
 Durch die Angleichung in der Aerodynamik kommt es in dieser  Saison   umso mehr auf starke Motorenpower an –  der zweite Grund für den Abstand des Autobauers zur Konkurrenz:   „Alle Teams haben die gleichen aerodynamischen Voraussetzungen, da ist Audi nicht benachteiligt worden“, sagt DTM-Chef  Gerhard Berger.  „Ich glaube, der Audi ist im aerodynamischen Bereich genauso konkurrenzfähig wie Mercedes oder BMW.   Das Audi-Manko scheint momentan eher auf der Motorenseite zu bestehen. Dort muss angesetzt werden“, findet der ehemalige Formel-1-Fahrer. 
  Das Rennen am Norisring legte diese Schwäche  schonungslos offen, als die Konkurrenz auf den langen Geraden nur so davonzog. „Jetzt ist angesagt, mal richtig zu kämpfen. Gerade im Motorenbereich müssen sie etwas aufholen, und das werden die auch machen. Audi hat eine hervorragende Technikmannschaft“, sagt Berger.
 
Der  geringere Abtrieb führt außerdem dazu, dass es nun mehr auf die Fahrerleistung und weniger auf die Ingenieurskunst ankommt. Die Zuschauer erleben  spannende Rad-an-Rad-Duelle – vorausgesetzt, alle drei Hersteller fahren auf einem ähnlichen Niveau.  Und hier liegt der dritte Grund für Audis Misere: Im Gegensatz zur vergangenen Saison gibt es keine Performance-Gewichte mehr, mit denen Leistungsunterschiede der drei Hersteller ausgeglichen wurden. 
   
„Das ganze Fahrerfeld liegt innerhalb von weniger als einer Sekunde. Wenn du da zwei oder drei Zehntel zu langsam bist, aus welchen Gründen auch immer, sei es aerodynamisch, sei es mangels Motorleistung oder eines Fehlers bei der Fahrwerksabstimmung, dann bist du sofort im Feld hinten. Und genau das ist heuer Audi passiert“, erklärt Berger. „Audi fehlen momentan zwei, drei Zehntel, und das macht gleich den Eindruck, als wären sie ganz schlecht. Das ist nicht der Fall!“
 
Ein Trost für die Ingolstädter: In der nächsten Saison schließt sich die DTM mit der japanischen Super-GT-Serie zusammen. Das Reglement wird erneut geändert, der Turbo-Motor  ersetzt  den altgedienten V8-Motor. Dann werden die Karten neu gemischt.
 
Aktuell aber fährt Audi in der DTM noch hinterher, während es in der Formel  E umso besser läuft. Vor dem Saisonfinale an diesem Wochenende in New York   haben die  Ingolstädter     in der elektrischen Serie noch Chancen auf den Titel. Dass Audi  seinem Konkurrenten Mercedes folgt, die DTM verlässt und sich künftig voll auf die Formel E konzentriert, glaubt Berger allerdings  nicht. „Nur weil sie jetzt mal fünf Rennen nicht ganz oben auf dem Siegerpodest stehen, wird Audi nicht sagen, das interessiert uns nicht mehr. Im Gegenteil, das wird sie eher anspornen“, meint der  Österreicher. 
 
Doch den Audi-Vorständen   dürfte der Blick auf das Tableau  kaum gefallen.  Zudem steht auch die DTM vor einer ungewissen Zukunft, noch immer hat Berger keinen Ersatz für Mercedes gefunden. Die Ingolstädter pochen auf eine schnelle Entscheidung, wie es nach dem Ausstieg der Stuttgarter weitergeht. „Was die politische Situation anbelangt, kann ich nicht sagen, wie die Karten derzeit liegen. Das ist natürlich Sache von Audi“, sagt Berger.     Doch der DTM-Chef kämpft um seine Serie, und er glaubt an den Autobauer. „Es wird eine Riesenherausforderung für Audi, den Trend wieder zu drehen“, sagt  Berger. „Und sie werden es drehen.“
 

Gerhard Berger im Interview

 
Herr Berger, wie tief sind Ihre Sorgenfalten, wenn Sie an die Zukunft der DTM denken?
Gerhard Berger: Generell glaube ich, helfen dir Sorgenfalten nicht weiter. Man muss Tag für Tag versuchen, die Themen abzuarbeiten und die Plattform so attraktiv zu machen, dass der eine oder andere Hersteller sich überlegt, dort teilzunehmen.

Mercedes steigt am Ende der Saison aus. Stand heute fahren 2019  mit Audi und BMW nur zwei Teams in der DTM. Ist die Serie so überhaupt noch überlebensfähig?
Berger: Die DTM hat ja schon des Öfteren ein oder zwei Jahre mit nur zwei Herstellern überbrückt. Grundsätzlich glaube ich also, dass das möglich ist. Allerdings wäre es sehr wünschenswert, wenn wir zumindest für 2020 und die Folgejahre eine klare Perspektive  hätten.

Sie sind seit Monaten auf der Suche nach Ersatz für Mercedes. Was ist dran an Gerüchten mit Aston Martin oder Maserati?
Berger: Es gibt einige Gespräche mit verschiedenen Herstellern. Aston Martin ist einer davon, der das Thema schon konkret diskutiert. Ein solcher Hersteller wäre sehr erstrebenswert, denn das ist eine Premiummarke, wie wir sie uns wünschen. Daher liegt darauf auch ein starker Fokus. Aber Sie wissen, wie das immer ist mit laufenden Gesprächen – bis eine Entscheidung wirklich gefallen ist, muss man Geduld haben.
 
Bis wann rechnen Sie mit einer Entscheidung?
Berger: Ich würde sagen, in den nächsten acht Wochen müssten wir mehr wissen.

Am Norisring einigte sich die DTM mit der japanischen Super GT auf die Umsetzung des sogenannten Class-One-Reglements. Ist die Zusammenarbeit mit der Super GT der Königsweg?
Berger: Das ist ein Teil unserer Zukunftsstrategie, die wir schon seit Längerem verfolgen. Sie wurde bereits lange vor meiner Zeit in der DTM ausgelegt. Ich bin sehr froh, dass wir das jetzt zum Abschluss gebracht haben. Die Kooperation mit den Japanern eröffnet sehr viele neue Perspektiven. Es geht nicht unbedingt darum, dass etwa Honda jetzt sofort in der DTM mitfährt. Vielmehr können Japaner und Europäer in einem ersten Schritt gemeinsame Rennen veranstalten. Wir wollen 2019 in Japan und in Europa jeweils ein gemeinsames Rennen fahren, man kann sich aber beispielsweise auch in China treffen. So versuchen wir, an Internationalität zu gewinnen, die von allen Beteiligten immer gewünscht war.

Was verändert sich mit dem neuen Reglement, welche Pläne gibt es für die nächste Saison?
Berger: Ein konkreter Schritt ist, dass wir versuchen, nächste Saison zwei gemeinsame Rennen zu organisieren. Und es gibt nächstes Jahr in der DTM ein anderes Motorenkonzept, wir fahren künftig Vier-Zylinder-Turbomotoren mit zwei Litern Hubraum – die Super GT-Serie fährt bereits nach diesem Motorenkonzept. Uns kommt das auch sehr gelegen, denn damit erhöht sich die Leistung von 530 PS auf 600 Plus.

Sind Sie fest davon überzeugt, dass die DTM zukunftsfähig ist?
Berger: Absolut. Die DTM ist nach der MotoGP wahrscheinlich das beste Motorsport-Produkt, das es derzeit gibt. Da wird Rad an Rad gekämpft, da gibt es ein ausgeglichenes Feld, super interessante Rennen und eine riesige Fangemeinschaft. Am letzten Rennwochenende waren insgesamt 95 000 Leute am Norisring. Das ist ein Wert, der dort über viele Jahre geschaffen worden ist – von dem träumen alle anderen Plattformen. Daher ist es für mich ganz klar, dass man dafür  kämpfen muss. Abgesehen davon ist das Reglement mit zahlreichen Einheitsteilen einmalig. Das haben die drei Hersteller über die letzten Jahre mühsam entwickelt, und das ist wirklich ein Vorteil dieser Serie, denn es reduziert die Kosten. Das würden andere Serien wahnsinnig gerne haben. Und durch den Zusammenschluss mit Japan ist die Sache jetzt ziemlich rund.

Sie als ehemaliger Formel-1-Fahrer sagen also, die DTM ist besser als die Formel 1?
Berger: Na ja, die Formel 1 ist immer die Spitze des Motorsports, da brauchen wir nicht reden. Dort gibt es auch interessante Rennen, aber unterm Strich gibt es zwei, maximal drei Fahrer, die unter normalen Umständen ein Rennen gewinnen können. In der DTM wissen wir nicht, wer in Zandvoort die Nase vorn hat, das kann auch der sein, der am Norisring ganz hinten war. Das ganze Starterfeld befindet sich innerhalb von weniger als einer Sekunde. Daher ist bis zur Zielflagge nie etwas entschieden. Man weiß auch nicht, wie sich die Meisterschaft entwickelt. Das ist so unberechenbar, dass es für den Fan  wahnsinnig interessant ist. Und das ist das Problem der Formel 1, die halt sehr berechenbar ist.

Haben Sie Angst, dass die Formel E zur übermächtigen Konkurrenz der DTM wird?
Berger: Ich habe grundsätzlich keine Angst vor irgendetwas. Die Formel E ist eine ganz andere Geschichte. Sie ist eine marketingorientierte B2B-Plattform, dort trifft man sich, um auch Geschäfte zu machen. Die Formel E hat den Vorteil, dass sie ihre Rennen in den Metropolen austragen und dort entsprechend gut vermarktet werden kann. Aber als Rennsportprodukt ist sie mit MotoGP, Formel 1 oder DTM nicht vergleichbar.
Julia Pickl
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