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Ingolstädter Extremkletterer Daniel Gebel über spektakuläre Wände und die Faszination seines Sports

"Die ersten Gurte habe ich selbst genäht"

Scheidegg
erstellt am 08.02.2012 um 23:25 Uhr
aktualisiert am 06.12.2018 um 13:00 Uhr | x gelesen
Scheidegg (DK) Felsen, Berge, bunte Griffe, Seile und Magnesium – das ist die Welt von Daniel Gebel. Der 32-jährige Ingolstädter (Foto) war am Bau der Ringseer Kletterhalle beteiligt und ist selbst erfolgreicher Kletterer. Er ist bei zahlreichen Erstbesteigungen auf der ganzen Welt unterwegs gewesen und war 2006 einen Turnus lang Mitglied des Expeditionskaders des Deutschen Alpenvereins. Unsere Mitarbeiterin Sabine Olfen traf sich mit ihm zum Interview nahe seiner neuen Heimat in einer Kletterhalle in Scheidegg.
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Scheidegg: "Die ersten Gurte habe ich selbst genäht"
Extrem: Der Ingolstädter Bergsteiger wagt sich auch ins Eis - Foto: p
Scheidegg

Ganz provokant gefragt: Muss man ein bisschen lebensmüde sein, wenn man so extrem klettert wie Sie?

Gebel: Nein, das hat damit gar nichts zu tun. Ich glaube, es gibt bessere Methoden, sein Leben aufs Spiel zu setzen als beim Klettern oder Bergsteigen. Diesen wahnsinnigen Freeclimber, der, um der Grenze zwischen Leben und Tod nahe zu sein, solo (Anmerkung der Redaktion: ohne Seil) in irgendwelche wilden Wände einsteigt – den gibt es eigentlich nicht. Gerade diejenigen, die solo klettern, das sind oft die, die am kontrolliertesten unterwegs sind.

Was ist dann der Reiz des Kletterns?

Gebel: Man hört auf diese Frage immer sehr viel Pathetisches. Bei mir ist es tatsächlich so, dass ich ein bisschen mit meiner Leistungsgrenze spielen will. Und zwar in verschiedenen Spielformen. Es wird nicht langweilig. Wenn ich mal das Gefühl habe, dass ich beim Klettern gerade unmotiviert oder in einer schlechten Phase bin, gehe ich Bergsteigen, Skibergsteigen oder Eisklettern.

Was hat Sie zum Klettern gebracht?

Gebel: Ich habe einmal ein „Was-ist-Was-Buch“ über Höhlen in der Stadtbücherei in die Hand bekommen. Es hat mich total fasziniert, dass sich Leute in Höhlen abseilen und welche Gurte und Abseilgeräte sie verwenden. Ich habe dann begonnen, mir das Material selbst zu bauen. Ich habe Rucksäcke und Schultaschen auseinandergeschnitten und die Gurtbänder zu Klettergurten vernäht und bin damit dann in Bäumen rumgeklettert. Da ist dann mal einer gerissen, ich bin gestürzt und habe mir zwei Rippen gebrochen. Daraufhin haben meine Klassenkameraden zusammengelegt und mir zum Geburtstag einen richtigen Klettergurt geschenkt.

Und dann ging es richtig los mit dem Klettern?

Gebel: Ja, ich habe mir noch ein Seil und eine Reepschnur gekauft und bin dann immer mit dem Fahrrad nach Konstein ins Altmühltal gefahren, um zu klettern. Dort hat mich ein erfahrener Kletterer beobachtet. Er hat mich eines Abends nach Hause gebracht und meinen Eltern gesagt, es wäre besser, wenn ich einen Kletterkurs machen würde. Die haben mich zur Alpenvereins-Sektion Neuburg geschickt und damit bin ich immer mehr reingerutscht in die Kletterszene.

Später waren Sie im Expeditionskader des Deutschen Alpenvereines. Wie kommt man denn in solch ein erlesenes Feld hinein?

Gebel: Der Klettersport entwickelt sich momentan in den Alpenvereinen im Bereich Sport- und Hallenklettern rasant. Der Grundgedanke für den Expeditionskader ist der, den jungen Kletterern zu zeigen, dass es nicht nur das Klettern in der Halle gibt, sondern auch eine Dimension darüber hinaus. Man kann sich mit seinem Tourenbericht bewerben, danach wird man mit etwas Glück zu einem Sichtungscamp eingeladen, und dort wird sehr genau selektiert.

Was empfinden Sie, wenn Sie eine spektakuläre Wand durchstiegen haben?

Gebel: Nach einer Sportkletterroute fühlt man eine wahnsinnige Begeisterung. Trotzdem bin ich nach so einer Wand meistens froh, dass es vorbei ist. Ich bin froh, dass ich das jetzt hinter mir habe, nicht noch mal das Material da reinschleifen und nicht noch mal da hoch muss.

Haben Sie Angst vor einem Sturz oder sogar Todesangst?

Gebel: Nein, überhaupt nicht. Das soll sich jetzt nicht heroisch anhören, sondern die Angst ist etwas, was man mit der Zeit mehr und mehr ausblendet. Beim Sportklettern darf die Angst sowieso nicht dabei sein. Wolfgang Güllich (Anm. d. Red: Sportkletterer und Stunt-Double für Sylvester Stallone in Cliffhanger, starb 1992 in Ingolstadt nach einem Autounfall) hat einmal gesagt: „Wer Angst vor dem Stürzen hat, wird nie in die oberen Schwierigkeitsgrade vordringen können.“ Ich glaube, die brenzlichsten Situationen treten tatsächlich beim Bergsteigen auf. Da sind immer wieder Situationen dabei, wo einem bewusst wird: „Wenn ich jetzt einen Fehler mache, bin ich weg.“ Aber das ist keine Angst, sondern nur eine verschärfte Wahrnehmung.

Haben Sie selbst schon einmal einen schweren Sturz erlebt?

Gebel: Nein. Einmal ist mir ein Griff ausgebrochen, das war dann ein Sturz so an die zehn oder zwölf Meter. Ich bin auf eine Platte gefallen und habe mich an den Armen und Oberschenkeln ein bisschen aufgeschürft.

Gibt's denn eine Route, die ihnen ganz besonders in Erinnerung geblieben ist.

Gebel: Wir haben vorletztes Jahr in Südafrika eine Erstbegehung gemacht am Yellowwood Amphitheater. So eine alpine Mehrseillängenroute. Das waren mit Sicherheit die schönsten Längen, die ich je von unten als Erster begehen durfte.

Welche Kletterer beeindrucken Sie ganz besonders?

Gebel: Es sind nicht die, die wahnsinnige Leistungen erbringen. Sondern es gibt ein paar Persönlichkeiten in diesem Sport, die bringen ein gewisses Charisma mit. Und ich denke, das waren Wolfgang Güllich und Kurt Albert. Aber auch Lynn Hill (Anm. d. Red.: erfolgreiche Kletterin und erster Mensch an der legendären „Nose“ im Yosemite-Nationalmark) ist unglaublich. Als ich sie das erste Mal gesehen habe, merkte ich zwei Minuten, bevor sie ums Eck kam, schon diese Aura, die sie umgibt.

 

Was Daniel Gebel über Angst, Risikovermeidung und den Sprung zum Profikletterer sagt, sehen Sie auf www.donaukurier.de im Video-Interview. Außerdem verrät der Extremkletterer Tipps und Tricks für Einsteiger.

 

Donaukurier
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