Montag, 25. Juni 2018
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Der Riedenburger Oliver Riess bangte erst um seinen Karateanzug - und feierte dann damit seinen größten Erfolg

"Sowas vergisst man nie"

erstellt am 12.06.2018 um 19:31 Uhr
aktualisiert am 12.06.2018 um 20:58 Uhr | x gelesen
Es sei das Bauchgefühl, meint Oliver Riess, das ihm sagt, welcher Anzug der richtige ist.
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Schöne Erinnerung: Auf dem Karateanzug steht unten links sogar Oliver Riess? Name in japanischer Schrift.
Schöne Erinnerung: Auf dem Karateanzug steht unten links sogar Oliver Riess' Name in japanischer Schrift.
Foto: Pickl
Etwa zehn Stück hatte er getestet, seine Techniken damit durchgeführt, seine Abläufe gemacht. Und bald wusste er, welchen der zehn er drei Monate später mit zur Karate- und Kobudo-Weltmeisterschaft in Dubai nehmen würde. "Das ist eine Intuitionsgeschichte", sagt Riess. Der Anzug wurde noch gekürzt, schließlich darf die Hose nach den Regularien nicht über die Knöchel gehen, und schon ging der Flieger im April 2004 mitsamt der kostbaren Fracht in die Vereinigten Arabischen Emirate. Das Problem: Als Riess in Dubai ankam, war der Koffer weg. Mitsamt dem Anzug.

Oliver Riess kann sich noch gut an die Anfänge erinnern, als er im Jahr 1987 als kleiner Bub in die neu gegründete Karateschule in Riedenburg (Landkreis Kelheim) kam. Sein damaliger Trainer war anfangs etwas skeptisch, ob sich Riess für die richtige Sportart entschieden hatte. Mittlerweile ist Karate längst zu seinem Lebensmittelpunkt geworden. Riess betreibt seit 18 Jahren eine Karateschule in Riedenburg mit 150 Schülerinnen und Schülern, und seit 2006 zudem eine Schule in Laimerstadt mit 40 Leuten. An vier Abenden pro Woche gibt er sein enormes Wissen weiter - und das mit Erfolg: Einer seiner Schüler steht mittlerweile im Perspektivkader für die Olympischen Spiele 2024.

Riess selbst ist Träger des 5. Dan im Shorin Ryu Seibukan Karate und zählt damit in dieser Stilrichtung zu den drei erfolgreichsten Karateka in Deutschland. Im Jinbukan Kobudo trägt der 44-Jährige den 3. Dan; 1998 wurde er in Atlanta mit der Mannschaft Weltmeister im Kumite und Vizeweltmeister in der Kata.
Seinen größten Einzelerfolg aber feierte Riess 2004 bei der WM in Dubai - das konnte selbst der verschwundene Anzug nicht verhindern. Denn zu Riess' großem Glück tauchte das Gepäck noch rechtzeitig vor dem WM-Auftritt auf. "Allerdings war in den Koffer Flüssigkeit gekommen, der Anzug war voller Dreck. Und ich hatte ja nur einen dabei", erzählt Riess. Doch der Riedenburger fand rechtzeitig eine Reinigung - und landete am Ende auf dem vierten Platz der Weltmeisterschaft. "Und dann hat der Anzug zwei Tage lang durchgefeiert", erinnert sich Riess und lacht.
Als der neue Karate-Star nach der WM in Deutschland landete, gab es allerdings eine weitere Überraschung. "Auch beim Rückflug war wieder ein Koffer weg - meiner! ", erzählt Riess. Doch auch hier wurde die kostbare Fracht wiedergefunden - und seitdem bewahrt Riess seinen Anzug mit einer Extra-Hülle im Schrank auf. "Den Gürtel dazu hab' ich auch noch, den gebe ich auch nicht mehr her", sagt Riess. "Sowas vergisst man nie. Das sind wunderbare Erinnerungen, deshalb habe ich den Anzug auch nie weggeworfen. "

Es ist das primäre Erkennungsmerkmal in jedem Sport - das Trikot. Über die Jahre hinweg haben sich Beschaffenheit und Design stetig verändert, nur eines bleibt für immer: die Gedanken an die darin errungenen Erfolge. Julia Pickl