Donnerstag, 19. Juli 2018
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Ingolstädter Teilnehmer läuft Halbmarathon wieder rückwärts - in diesem Jahr sogar auf der Strecke

Rückwärts ins Ziel

Ingolstadt
erstellt am 06.04.2018 um 22:51 Uhr
aktualisiert am 19.07.2018 um 09:50 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Rund 1400 Läufer haben sich bis jetzt zum Ingolstädter Halbmarathon am 28. April angemeldet. Ein ganz besonderer Teilnehmer ist sicherlich Michael Binder. Wie alle anderen läuft auch er die volle Distanz über 21,1 Kilometer auf der Strecke durch das Stadtgebiet - allerdings rückwärts.
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Rückwärts über die Strecke: Michael Binder läuft den diesjährigen Halbmarathon mit dem Rücken zum Ziel.
Rückwärts über die Strecke: Michael Binder läuft den diesjährigen Halbmarathon mit dem Rücken zum Ziel.
Eberl
Ingolstadt
Im Jahre 2014 war Binder die Distanz des Halbmarathons schon einmal auf diese Weise gelaufen, aus Sicherheitsgründen damals aber auf einem Laufband in der Saturn-Arena, zeitgleich zum eigentlichen Wettbewerb. Bei der diesjährigen Auflage darf der außergewöhnliche Läufer nun zum ersten Mal auf der Strecke zusammen mit allen anderen Teilnehmern starten.

Mit dem Rückwärtslaufen angefangen hat Michael Binder vor acht Jahren. "Ich bin den Halbmarathon zuvor schon einige Male vorwärts gelaufen und meine Zeiten sind einfach nicht mehr besser geworden", erzählt er. Außerdem habe er zunehmend Rückenprobleme bekommen. Dies komme vor allem daher, dass beim Vorwärtslaufen zuerst die Ferse aufgesetzt und dann über den Vorderfuß abgerollt werde. Auf diese Weise werden die Erschütterungen direkt auf die Wirbelsäule übertragen. Da kam ihm die Idee, es doch einfach mal anders herum zu versuchen. Und er hatte Erfolg: Der neue Laufstil, bei dem hauptsächlich der Vorderfuß belastet wird, sorgte bei Binder tatsächlich für eine Entlastung des Rückens. Die neue Technik habe er sich über Internetforen selbst beigebracht, ausprobiert und dann das Training intensiviert. "Das Rückwärtslaufen liegt mir einfach", sagt er.

Bei den Veranstaltern des Ingolstädter Halbmarathons stieß der außergewöhnliche Laufstil zu Beginn allerdings auf wenig Begeisterung. "In den ersten Jahren wurde ich immer wieder abgewimmelt", sagt der 50-Jährige. Die Unfallgefahr sei den Ausrichtern einfach zu hoch gewesen. Für die Entscheidung hatte Binder zwar durchaus Verständnis, probierte es allerdings immer wieder. Nachdem er dann vor vier Jahren den Halbmarathon erstmals auf einem Laufband bestreiten durfte, startete er heuer einen neuen Versuch. Und siehe da, vor wenigen Wochen bekam er die Zusage. "Dieses Mal darf ich wirklich auf der Strecke laufen", sagt Binder stolz. Damit habe er eigentlich gar nicht mehr gerechnet und sich daher schon auf eine erneute Teilnahme auf dem Laufband eingestellt. Umso mehr freut er sich jetzt.

Seit November trainiert Binder ausschließlich das Rückwärtslaufen, meist draußen. Bei schlechtem Wetter weicht er aufs Laufband ins Fitnessstudio aus. Die unerwartete Entscheidung der Veranstalter bringt den Rückwärtsläufer jetzt allerdings etwas in Zeitnot. "Es sind nur noch gut drei Wochen, und der Unterschied vom Laufband zur Strecke ist schon sehr groß", gibt er zu bedenken. Im Gegensatz zum Laufband schaut sich der Läufer je nach Strecke natürlich öfter um. Meistens überblicke er dabei die nächsten Meter in die Ferne und drehe sich erst nach einiger Zeit wieder um. "Man verlässt sich draußen einfach viel stärker auf sein Gehör", erklärt er. Es fehle beim Rückwärtslaufen natürlich auch der Blickkontakt mit dem Gegenverkehr, daher müsse das Ausweichen richtig koordiniert werden. "Einen Unfall hatte ich aber bisher noch nie", sagt Binder.

Damit das auch beim diesjährigen Halbmarathon so bleibt, läuft Binder die Distanz mit zwei Begleitläufern. Das ist eine Auflage der Veranstalter. "Wir werden eine Art Dreieck bilden, die anderen beiden laufen also vorwärts hinter mir und warnen mich vor Hindernissen", erklärt er. Aktuell ist er noch auf der Suche nach den beiden Helfern. "Das ist gar nicht so einfach, denn sie sollten den Halbmarathon idealerweise locker bewältigen und ihn nur als Aufbau nutzen, damit sie sich voll und ganz auf mich konzentrieren können", sagt er. Damit er auf der Strecke zumindest nicht allzu viele Läufer überholen muss, wird Binder im vorderen Bereich des Teilnehmerfelds starten.

Das Schwierigste beim Rückwärtslaufen ist Binders Ansicht nach aber die mentale Belastung. "Wenn man nichts sieht, ist das etwas völlig anderes", sagt er. Den Laufstil vergleicht er gern mit der Vertrauensübung, bei der man sich blind nach hinten fallen lässt und von einem Partner aufgefangen wird. "Das kostet schon Überwindung", erzählt er. Gesundheitliche Beschwerden durch das Rückwärtslaufen hat Binder übrigens bisher nicht. Ganz im Gegenteil, der Rücken mache nach wie vor keine Probleme und auch Ärzte, mit denen er bis jetzt darüber gesprochen habe, haben nie Zweifel geäußert. Ungeübten Neulingen rät Binder beim Rückwärtslaufen trotzdem zur Vorsicht. "Es sieht einfacher aus, als es ist. Man muss langsam anfangen und sich an die Distanz herantasten".

Die Reaktionen auf den ungewöhnlichen Laufstil fallen bei den Trainingsrunden laut Binder ganz unterschiedlich aus. Von "Oh, das ist aber interessant!" bis "He, Sie laufen ja falsch rum!" sei schon alles dabei gewesen. Michael Binder will den Stil aber auf jeden Fall beibehalten. "Ich liebe beim Rückwärtslaufen einfach die Herausforderung. Und ich will aktiv sein und nicht zu Hause rumsitzen", so der Familienvater. Und wenn es beim Wettkampf in Ingolstadt gut läuft, meldet er sich vielleicht sogar bei der Weltmeisterschaft der Rückwärtsläufer in Bologna an. "Erstmal muss ich jetzt aber den Halbmarathon schaffen, das wird schwer genug", sagt er und lacht. Auffallen wird er den Zuschauern an der Strecke dabei auf jeden Fall.
Marius Ritter