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"Grenzenlose Enttäuschung"

erstellt am 29.06.2018 um 17:09 Uhr
aktualisiert am 14.07.2018 um 03:34 Uhr | x gelesen
Wer hätte gedacht, dass der Weltmeister sich gegen die schon ausgeschiedenen Südkoreaner bis auf die Knochen blamieren würde?
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Der Weltmeister, der von den meisten Experten und Fans als einer der großen Favoriten auf den Titel galt, lieferte ein äußerst schwaches Spiel. Dieser Ballbesitzfußball, den Deutschland seit einiger Zeit spielt, stellte auch die biederen Koreaner vor keine großen Probleme. Warum der Bundestrainer die Flügel nicht mit Timo Werner und Julian Brandt besetzte, wie die letzten 20 Minuten gegen Schweden, sondern mit Marco Reus und Leon Goretzka, bleibt sein Geheimnis. Für mich unverständlich, warum Jogi Löw den gegen Schweden auf der zentralen Position so stark spielenden Reus durch seinen Liebling Mesut Özil ersetzte, der wie schon gegen Mexiko wieder einmal wahnsinnig enttäuschte. Man vermisste bei der deutschen Offensive jegliches Tempo und das Durchsetzungsvermögen im Eins gegen Eins. Der Gegner verteidigte mit Mann und Maus und versuchte mit gelegentlichen Kontern zum Erfolg zu kommen. Nachdem das parallel laufende Gruppenspiel Schweden gegen Mexiko ergebnismäßig nicht unbedingt für Deutschland lief, wurden unsere Spieler immer nervöser. Selbst ein Manuel Neuer ließ sich anstecken und verursachte eine gute Torchance, konnte aber mit einem hervorragenden Reflex retten. Trotz großer Feldüberlegenheit hatten wir nur noch eine hundertprozentige Torchance durch Mats Hummels kurz vor Schluss. Die Nachspielzeit brachte uns dann endgültig auf die Verliererstraße, da das Team auch ohne jegliche Disziplin anrannte. Bemerkenswert, dass von der Trainerbank praktisch gar keine Hilfe kam, sondern eine Art Schockstarre zu herrschen schien.
Die Medien überschlagen sich in härtester Kritik an der deutschen Mannschaft und dem Trainerteam. In der Tat haben sich die eigenen optimistischen Prognosen von Jogi Löw in keiner Weise erfüllt. Löw wies nach den schwachen Testspielen gegen Österreich und Saudi- Arabien jegliche Kritik mit dem Hinweis zurück, dass sich das deutsche Team noch bei jedem Turnier von Spiel zu Spiel gesteigert hätte und das würde auch bei dieser WM so sein, basta!
Wie konnte dies historische Debakel geschehen? Die erste Aussage vom völlig konsternierten Bundestrainer war, dass er für dieses einmalige Scheitern der deutschen Nationalmannschaft die Verantwortung übernimmt. Klingt edel und charakterstark, doch sein nächstes Interview klang schon ganz anders. Er habe zwar auch Fehler gemacht, doch er nicht alleine sei verantwortlich für das Fiasko, sondern es gäbe Vieles, was für das Scheitern verantwortlich wäre. Löw und auch DFB-Präsident Grindel wollen nach einer umfassenden Analyse, in der nächsten Woche die Öffentlichkeit informieren, wie es mit dem deutschen Fußball und der Nationalmannschaft weitergehen soll. Bundestrainer Löw wehrte alle Fragen nach seiner Zukunft mit dem Hinweis, dass er sich dazu erst nach gründlicher Überlegung äußern könne, ab.
Welche Fehler werfen die Experten dem in den letzten Jahren unantastbaren Bundestrainer vor? Fehler in der Vorbereitung, denn schon im Herbst 2017 zeigten sich in den Testspielen eindeutige Warnzeichen. Löw und sein Trainerteam setzten viel zu sehr auf ihre Weltmeister von 2014 und verschleppten den notwendigen Umbau, der beim Confed-Cup 2017 doch erfolgreich begonnen hatte. Ein weiterer Vorwurf ist, dass unser Team mit seinem 4:2:3:1-System viel zu leicht für jeden Gegner auszurechnen war. Mexikos Coach Osorio düpierte seinen deutschen Kollegen mit einfachsten Kniffen, ebenso wiederholte Südkoreas Trainer Tae-Yong dieses Kunststück im Spiel am Mittwoch. Wenn man bedenkt, mit wie viel Personal und moderner Technik der deutsche Trainerstab und die Scouting-Abteilung ausgestattet sind, ist dies ein Armutszeugnis für die Deutschen. Die Kritik am Krisenmanagement des DFB, das in der Erdogan-Affäre völlig versagte, der überflüssige Streit ums Quartier und die Überinszenierung der Mannschaft mit Slogans wie "Best never rest" taten neben noch nicht ausgeheilten Verletzungen (Boateng, Özil) und Formschwäche (Müller) ein Übriges für die immer schlechter werdende Stimmung in der Mannschaft.
Die Medien betrachten Löws Zukunft als offen. Der DFB hat mit dem Bundestrainer erst vor Kurzer Zeit seinen Vertrag bis 2022 verlängert, ohne jede Not! Für den deutschen Fußball dürfte dieses Debakel schwerwiegende Folgen haben. Doch Experten meinen, wir sind in der Realität angekommen, weil wir international sowohl in den U-Mannschaften als auch in der Champions League und der Europa League bis auf den FC Bayern schon lange nicht mehr wettbewerbsfähig sind.
Wollen Sie mit mir wetten, dass Bundestrainer Jogi Löw im Amt bleibt und nicht zurücktritt? Wäre stark und konsequent, wenn er den Weg freimachen würde für den meines Erachtens nach dringend notwendigen Umbruch!
Liebe PK-Leser, auch meine Kolumne ist vom Ausscheiden der deutschen Mannschaft betroffen und endet leider hiermit. Bleiben Sie gesund und munter, mit besten Grüßen, Euer Karsten!
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