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Todesstoß in der 90. Minute

erstellt am 06.06.2010 um 20:30 Uhr
aktualisiert am 01.02.2017 um 12:48 Uhr | x gelesen
Schwabach (EK) Der Bayernliga-Traum des VfB Eichstätt ist geplatzt: Trotz der wohl besten Saisonleistung unterlag die Mannschaft von Trainer Erich Hock im Relegationsspiel am Samstagnachmittag in Schwabach dem Traditionsklub 1. FC Schweinfurt 05 mit 1:2 (0:1).
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: Todesstoß in der 90. Minute
Mehr als ein würdiger Vertreter des verletzten Marco Schiebel: Manuel Koob (im Bild) sorgt auf der linken Außenbahn für Wirbel.
Sie suchten noch einmal den Weg nach vorne, brachten den Ball ein letztes Mal über die Mittellinie geführt, und wirkten dabei schon stehend k. o. Es lief die 90. Minute im ersten Spiel der Bayernliga-Relegation, 1:1 zeigte die elektrische Anzeigetafel im Stadion des Schwabacher Sportclubs, und der FC Schweinfurt 05 wollte nur noch einmal für Entlastung sorgen. Denn die Aufsteiger vom VfB Eichstätt, die Überraschungsmannschaft dieser Saison in der Landesliga Süd, hatten ein großes Spiel abgeliefert und den ehemaligen Zweitligisten aus Unterfranken nah an den Rand einer Niederlage gebracht.

Begleitet von zwei Eichstätter Abwehrspielern führte Schweinfurts Sebastian Kneißl den Ball auf der linken Außenbahn und passte in die Mitte, wo Florian Hetzel aus rund 25 Metern einfach mal abzog. Vor allem war es ein Schuss aus Verzweiflung. Der erste und zugleich einzige Torschuss des so stark eingeschätzten Tabellenzweiten aus der Landesliga Nord in der gesamten zweiten Halbzeit. VfB-Torhüter Fabian Diez brachte seine Arme frühzeitig in Fangposition. Dieser Ball schien eine ganz sichere Beute. Doch der Thalmässinger konnte ihn nicht festhalten. Stattdessen prallte der Ball von seinen Armen zurück in den Strafraum.

Und da stand er dann: Visar Rushiti, mit 35 Saisontreffern der zweitbeste Torjäger aller drei bayerischen Landesligen. Er schnappte sich den Ball, umkurvte den hinterher hechtenden VfB-Keeper und schoss aufs Eichstätter Tor. Mit seinen 189 Zentimetern Körpergröße streckte sich Diez zwar noch so gut es ging. Doch der Ball flog an ihm vorbei und landete zum 2:1 für Schweinfurt im Netz. In den wenigen Minuten der Nachspielzeit versuchten die Eichstätter noch einmal alles, brachten den Ball aber nicht mehr gefährlich vor das gegnerische Tor. Dann kam der Schlusspfiff. Samstagabend, 17.20 Uhr, der VfB Eichstätt verpasst nach dem 1:2 im Entscheidungsspiel um die Meisterschaft gegen Heimstetten nun auch seine zweite Aufstiegschance und spielt deshalb auch in der nächsten Saison in der Landesliga.

Trost von Fans und Familie

Als es vorbei ist, schlagen die Eichstätter Spieler die Hände vors Gesicht, lassen sich enttäuscht auf den Rasen fallen, müssen von Fans und Familienangehörigen werden. Während die rund 600 Schweinfurter Anhänger das Spielfeld stürmen und mit ihrer Mannschaft den Sieg feiern, ist Fabian Diez, die tragische Figur an diesem heißen Juni-Tag, kaum zu trösten. Ausgerechnet Diez, der dem VfB Eichstätt mit seinen starken Paraden so manchen Saisonsieg rettete.

Unweigerlich erinnerte diese Szene an das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft 2002, als Nationaltorhüter Oliver Kahn zunächst alles hielt, was zu halten war – doch nicht den einen, letztlich entscheidenden Schuss von Rivaldo, den Ronaldo zum 1:0 abstaubte. So geknickt Kahn damals nach dem Abpfiff am Pfosten saß, so niedergeschlagen saß Diez am Ende im Strafraum. Eichstätts Torwarttrainer Thorsten Heinz sagte nur: "So grausam kann Fußball sein. "Das bereitet ihm die nächsten drei Wochen schlaflose Nächte."

Und dabei, versucht Kapitän Dominik Schmidramsl zu erklären, "haben wir uns die Schweinfurter taktisch so gut zurechtgelegt". Die Hock-Elf habe gewusst, dass die Unterfranken ab der 60. Minute abbauen. Mal mit einem, mal mit zwei oder sogar mit drei Stürmer spielte der VfB forsch nach vorne und zwang den so genannten "Schnüdel" sein Spiel auf. Vor allem Reservespieler Manuel Koob, der sich bei seinen Kurzauftritten in den vergangenen Tagen bestens in die Mannschaft einfügte und am Samstag von Beginn an den verletzten Marco Schiebel vertrat, sorgte im ersten Abschnitt auf der linken Außenbahn für mächtig Wirbel.

FC 05-Keeper Andreas Bäuerlein musste nach einem Freistoß des ebenso quirligen Markus Hörmann schon eine Glanzparade auspacken, um Koobs Nachschuss zu parieren. Sein Schlenzer war auf bestem Wege, im Torwinkel einzuschlagen, doch Bäuerlein pflückte das Leder aus der Luft (19.). Nach weiteren Chancen von Hörmann und Benjamin Schmidramsl hätte spätestens in der 27. Minute der überfällige Führungstreffer der Eichstätter fallen müssen: Hörmann hatte bei einer Flanke viel Zeit, suchte im Strafraum Dominik Betz, fand ihn auch, doch dessen platzierten Kopfball lenkte Bäuerlein mit einer weiteren spektakulären Flugeinlage über die Torlatte.

Die Mannschaft von Interimstrainer Steffen Rögele, die auf ihren gesperrten Toptorjäger Pascal Kamolz (36 Saisontreffer) verzichten musste, blieb bis dahin den Beweis ihrer Offensivstärke (117 Tore in 38 Spielen) schuldig. Wie aus dem Nichts schlugen die Schweinfurter dann aber zu: Einen kurzen Moment lang haben die Domstädter den FC 05 kombinieren lassen, schon stand es 1:0. Hetzel versenkte den Ball mit einem staubtrocken, humorlosen Schuss aus 18 Metern im rechten unteren Eck (32.). Die Hock-Elf brauchte fast eine halbe Stunde, um sich von diesem Schock zu erholen. Fortan versuchte sie es aber wieder mit weiten Bällen in die Spitze, mit Erfolg. Wenn auch durch einen zweifelhaften, von Hörmann sicher verwandelten Foulelfmeter – der von drei Schweinfurtern umzingelte Marco Witasek war von Wladimir Slintchenko im Strafraum scheinbar elfmeterwürdig zu Fall gebracht worden – gelang dem VfB der hochverdiente Ausgleich (72.).

Dem Siegtreffer näher

Die Eichstätter bekamen die zweite Luft. Der 2:1-Führungstreffer schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Die Versuche von Markus Jörg (73.), Witasek (75.) und dem eingewechselten Stefan Zehentmeier (80.) waren aber entweder viel zu schwach oder flogen knapp am Tor der Schwein- furter vorbei. Und als Betz nahe der rechten Eckfahne seinen Gegenspieler stehen ließ und scharf nach innen passte, fehlte lediglich ein geeigneter Abnehmer, der den Ball im Netz versenkte (84.). Danach hatten sich nicht nur die Spieler, sondern auch die Zuschauer bereits auf die Verlängerung eingestellt, als Rushiti dem Spiel die entscheidende Wendung gab. "Das es so endete, wollte ich nicht", sagte Fußballabteilungsleiter Max Zintl. Der tragische Ausgang für den VfB Eichstätt ist bekannt.

1. FC Schweinfurt: Andreas Bäuerlein, Benjamin Demel, Wladimir Slintchenko, Sebastian Kress (81. Klaus Grütze), Eray Cadiroglu, Sebastian Kneißl, Florian Saluschka, Florian Hetzel, Marc Reitmaier (60. Steffen Konrad), Michael Kraus, Visar Rushiti (92. Manuel Schwarm).

VfB Eichstätt: Fabian Diez, Viktor Stoll, Simon Böhm (70. Stefan Zehentmeier), Benjamin Schmidramsl, Michael Hofstetter, Dominik Schmidramsl, Manuel Koob, Markus Jörg, Markus Hörmann, Marco Witasek, Dominik Betz.

Tore: 1:0 Florian Hetzel (32.), 1:1 Markus Hörmann (72., Foulelfmeter), 2:1 Visar Rushiti (90.). – Schiedsrichter: Christian Dietz (1. FC Kronach). – Zuschauer: 1500.

Von Roland Münch
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