Andächtiges Beobachten: Die Trainingsgäste beim 1. FC Nürnberg blicken wohlwollend auf die Leistung der jungen Mannschaft.
Andächtiges Beobachten: Die Trainingsgäste beim 1. FC Nürnberg blicken wohlwollend auf die Leistung der jungen Mannschaft.
Missy
Nürnberg
Das letzte Spiel der vergangenen Saison verlor Nürnberg 2:3 gegen Düsseldorf. Die Fans stürmten nach Abpfiff trotzdem freudentrunken den Rasen, der Aufstieg stand schließlich bereitseine Woche lang fest. Schon nach dem Sieg in Sandhausen gab es einen Platzsturm der Freude. 600 Fans beim Trainingsauftakt, 22000 Vereinsmitglieder, 22000 verkaufte Dauerkarten - beim Club herrscht Euphorie. Mal wieder. Doch dieses Mal ist die Wortwahl eine andere.

Marcus Ott steht am Trainingsplatz des 1. FC Nürnberg. An diesem Mittwoch Vormittag sind keine 600 Zuschauer da, eher 70. Es nieselt leicht. Ott trägt ein Trikot von Eduard Löwe, vergangene Saison hat er nur drei Heimspiele verpasst. Der Club ist mit acht Bundesliga-Aufstiegen Rekordhalter in Deutschland. Die Fan-Kurve ist realistischer geworden, sagt Ott. Wenn die Einstellung stimmt, würden die Fans auch Niederlagen verzeihen, erklärt er. "Ein Abstieg wäre nicht schlimm." Ungewöhnliche Worte.

Es wäre ja auch nicht der erste. Achtmal stieg Nürnberg bislang aus der ersten Liga ab, auch das ist Rekord. Jetzt ist der Club als Außenseiter wieder da. Deshalb tun sie im Verein alles dafür, die Erwartungshaltung klein zu halten.

Staatsempfang im bayerischen Heimatministerium in Nürnberg zwei Tage zuvor. Eigentlich ein schwieriger Rahmen für Understatement. Sportmannschaften bekommen selten einen Staatsempfang. 400 geladene Gäste, Eintrag ins Gästebuch der Staatsregierung - es hat vielleicht ein klein bisschen geholfen, dass Ministerpräsident Markus Söder ausgewiesener Nürnberg-Fan ist. Als Fan leiser Töne ist er dagegen nicht bekannt: "Mit der Ehrung verbindet sich die Verpflichtung, auf keinen Fall mehr abzusteigen." Diese Worte kommen einem vertrauter vor. Dann der Auftritt FCN-Aufsichtsratschef Thomas Grethlein: Man dürfe keine überzogenen sportlichen Erwartungen hegen, sagt er. Gegensätze tun sich auf.

Am Trainingsgelände klingen die Fans eher nach Grethlein als nach Söder. Winfried Meier ist ein typischer Trainingskiebitz. Ein älterer Herr, der schon vieles, wenn nicht gar alles gesehen hat. Während auf dem Trainingsplatz Umschaltmomente geübt werden, fachsimpelt er mit Freunden über die Mannschaft. Meier ist schon zu Spielen gefahren, als der Fußball ohne Umschaltmomente auskam. Oder sie zumindest nicht so nannte. "Beim Club war im negativen Sinn eigentlich immer was los", sagt Meier. Jetzt sei Ruhe eingekehrt und die brauche der Verein auch. Um von den Schulden herunterzukommen und um den Klassenerhalt zu schaffen. Klar, mit der Mannschaft könne er sich gut identifizieren: "Man ist nah dran und die Spieler sind nicht arrogant. Beim Club ist es wie in einer Familie." Doch der Dauerkartenbesitzer sieht das große Ganze. Bundesliga-Fußball verspricht höhere TV-Gelder und ein ausverkauftes Stadion. Der Verein befände sich in den richtigen Händen. Zum Beispiel in denen von Trainer Michael Köllner.

Anfangs wurde Köllner nicht nur von Meier, sondern von vielen Fans kritisch beäugt. Selbst spielte er nie höherklassig, außerdem spricht er nicht die Sprache der Clubberer. Köllner spricht oberpfälzerisch. Doch er verkörpert die Ruhe, nach der sich die Nürnberger offenbar gesehnt hatten.

Im Gespräch mit unserer Zeitung spricht der Trainer vom Ziel Klassenerhalt, ohne das Wort explizit zu nennen. Wie soll das gelingen? Mit einem der kleinsten Etats der Liga und dieser jungen Mannschaft? "Wir wollen stabil bleiben", sagt Köllner. "Und uns schrittweise weiterentwickeln." Um die Mannschaft herum brauche es dafür Ruhe. Er klingt ein bisschen wie Winfried Meier, der Trainingskiebitz. Nur eben mit oberpfälzerischem Zungenschlag. Schon in der vergangenen Saison habe seine Mannschaft einen Fußball gespielt, der in die Bundesliga passt.

Dieser Fußball entfachte Euphorie in Nürnberg. Doch der Tenor am Valznerweiher ist: Ein Abstieg wäre kein Weltuntergang. Wie passt das zusammen, diese Vorfreude und diese Akzeptanz, dass es wieder runtergehen könnte?

"Euphorie und Realismus schließen sich nicht aus", sagt Köllner. "Unsere Fans wissen beides zu vereinen." Und dann kommt ein entscheidender Nachsatz: "Die Fans wissen auch, mit welcher Mannschaft wir aufgestiegen sind."

Armin Wack steht im T-Shirt im Nieselregen und beobachtet die Passübungen der Profis zwei Meter vor ihm. "Es ist eine junge Mannschaft, ohne Star, die über das Kollektiv kommt", sagt er. Die Euphorie sei nicht nur wegen des Erfolgs groß, sondern weil das Team aus Spielern aus der Gegend besteht. "Der Club pflegt auch wieder vermehrt die Region", sagt Wack. Auch das mögen die Fans.

Als das Training vorbei ist, muss der Trainer, den sie anfangs so skeptisch beäugt haben, die meisten Fotowünsche erfüllen. Dann spricht er noch über das kommende Testspiel gegen Seligenporten und das Training in Lichtenfels. Alles in der Region.