Philipp Zimmermann
Nürnberg

Am Ende brachen alle Dämme binnen Sekunden. Die fünf Minuten nach dem Abpfiff, die der Stadionsprecher erbeten hatte, um eine geordnete Öffnung der Tore zum Innenraum zu organisieren, hatten die Clubfans getrost ignoriert. Eine Minute nach dem Schlusspfiff befanden sich bereits mehrere hundert Zuschauer auf dem Platz, wenige Minuten später war vom Grün des Rasens nichts mehr zu sehen. Zehntausende hatten das Feld für sich erobert, um mit der Mannschaft den Aufstieg in die Bundesliga zu feiern.

Dass Gegner Fortuna Düsseldorf Minuten zuvor aus einem 0:2-Rückstand in der Nachspielzeit noch einen 3:2-Sieg gemacht hatte und den Nürnbergern so noch die Meisterschaft in der 2. Bundesliga entrissen hatte, interessierte zu diesem Zeitpunkt schon längst niemanden war. Es war das erhoffte und erwartete Gänsehaut-Finale einer Nürnberger Saison, die so endete, wie es das fränkische Selbstverständnis nicht anders zugelassen hätte: Mit der Rückkehr des Traditionsvereins in die Bundesliga.

Als der Fan-Platzsturm nach ersten chaotischen und nicht ungefährlichen Szenen schnell in zumindest halbwegs geordneten Bahnen ablief, stand der rauschenden Aufstiegs-Fete nichts mehr im Wege. Dass am Ende sogar der akribische Architekt des Rekordaufstiegs, Trainer Michael Köllner, erstmals öffentlich so richtig aufdrehte, passte zu diesem aus Nürnberger Sicht denkwürdigen Nachmittag. „Jetzt kommt mein Lieblingslied und ich will euch alle hören“, brüllte der Coach von der Haupttribüne aus den Massen entgegen, bevor die treue Anhängerschar kollektiv ihre Schals zur Vereinshymne „Die Legende lebt“ in die Lüfte hob.

Während der Partie hatte Köllner sich von der Volksfeststimmung um ihn herum noch nicht anstecken lassen, sondern, von oben bis unten in Schwarz gekleidet, energisch Anweisungen gegeben und heftig mit den Unparteiischen diskutiert. Nach dem Schlusspfiff entlud sich dann auch bei ihm die Anspannung einer intensiven Saison. Lange hatten die oft so über-euphorischen Clubfans mit dem eher ruhigen, analytischen und mahnenden Oberpfälzer Köllner gefremdelt, an diesem Sonntagnachmittag schlossen sie ihn wohl endgültig in ihr Herz.

Der Spielplan und das zumindest bis zur Pause sommerliche Wetter hatten es den 50000 Zuschauern im ausverkauften Max-Morlock-Stadion leicht gemacht, diese Zweitliga-Saison mit einer rauschenden Party zu beenden, standen Nürnberg und Düsseldorf schließlich bereits vor dem Anpfiff als sichere Aufsteiger fest. Und was so eine Bundesliga-Rückkehr mit Fans, Stadt und Stadion macht, war von der ersten Sekunde an spürbar. Als es nach zwölf Minuten 2:0 für den Club stand, erzeugten die Zuschauer Lärm, als hätte der FCN soeben den DFB-Pokal gewonnen. Während der 90 Minuten war in gewohnt zurückhaltender Nürnberger Art bereits vom „Europapokal“ vom „Bayernjäger Nummer eins“ und kurz vor Schluss gar vom „deutschen Meister FCN“ zu hören und zu lesen.

Dass die Realität in der Bundesliga eine andere sein wird, sollte allen klar sein, war aber an diesem fränkischen Feiertag natürlich egal. Die eindrucksvollen Szenen nach dem Abpfiff sollten dabei nur der Anfang einer weiteren kurzen Nürnberger Nacht sein. Bereits in der Vorwoche war die Mannschaft nach der Rückkehr aus Sandhausen und dem feststehenden Aufstieg von Tausenden am Vereinsgelände empfangen worden. Am Sonntagabend gab es nun eine weitere Verabredung zwischen Team und Fans: Um 19 Uhr traf man sich vor dem Stadion, um die Party angemessen fortzusetzen. Oder um es mit den Worten des Trainers zu sagen: „Die nächsten ein zwei Tage werden wir feiern, als ob es kein Morgen gibt.“ Eine gute Mannschaft tut, was ihr Übungsleiter sagt. Dass auch die fränkischen Fans diesem Aufruf bereitwillig gefolgt sind, versteht sich von selbst. 6100 ausgeschenkte Liter Freibier dürften ihr Übriges getan haben.