Ingolstadt: "Genau das, was ich gesucht habe"
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Ingolstadt

Start 2007: Der erste Eindruck

 

Ich kann mich noch gut erinnern, als ich zum ersten Mal nach Ingolstadt kam, um mir ein Spiel anzuschauen. Ich bin von der Autobahn abgefahren und habe mich direkt gefragt: Wo steht denn eigentlich ein Schild? Wo geht's denn hier zum Stadion? Peter Jackwerth und Jürgen Press waren meine ersten Ansprechpartner. Peter hatte ich in Siegen kennengelernt, nachdem Ingolstadt Steffen Wohlfarth, der bei den Sportfreunden ein Probetraining absolvierte, verpflichten wollte. In Ingolstadt hat Peter mir dann nach dem MTV- auch das ESV-Stadion gezeigt. "So sieht es beim Spiel aus", hat er gesagt. "Ist das Licht schon an", war damals meine Gegenfrage. Aber diese Dinge waren alle nicht so wichtig. Ich habe beim FC Ingolstadt Leute getroffen, die einfach Bock auf Fußball hatten. Und das war genau das, was ich gesucht habe.

 

Die wichtigsten Weichenstellungen

 

Als ich hierher kam, war der FCI noch ein e.V. Um den Klub auf den Profifußball vorzubereiten, war somit die baldige Ausgliederung der Profiabteilung in die Fußball GmbH ganz wichtig. Der Stadionbau mit den neu geschaffenen Trainingsplätzen und die Entwicklung des Nachwuchsleistungszentrums waren weitere Meilensteine, weil der Klub dadurch erst seine Heimat bekommen hat. Zuvor haben die Jugend-Mannschaften beim MTV, beim ESV, in Zuchering, in Irgertsheim, beim TSV Nord oder auf der Fohlenweide trainiert und gespielt. Außerdem fällt mir die Audi-Schanzer-Fußballschule ein. Hier waren am Anfang alle skeptisch und haben eher gesagt: Das brauchen wir nicht. Ich habe trotzdem das Budget freigeschaufelt und nach zwei, drei Monaten konnten dann alle sehen, wie gut sich das Pflänzchen entwickelt.

 

Mein Rückhalt innerhalb der FCI-Familie

 

Es liegt auf der Hand, dass hier Peter Jackwerth eine besondere Rolle spielt und für mich in all den Jahren eine sehr, sehr wichtige Person war und ist. Gleich beim ersten Treffen haben wir gemerkt, dass die Chemie stimmt, und hätten am liebsten gleich mit der Arbeit begonnen. Die Kontinuität in den Gremien hat aber dazu geführt, dass sich im Grunde auch zu allen Aufsichtsräten ein echtes Vertrauensverhältnis entwickelt hat. Schließlich haben wir über die Jahre auch viel miteinander erlebt. Dabei gab es sicher auch mal das eine oder andere sehr kritische Gespräch. Aber es ging um die Sache - und am Ende haben wir immer eine Lösung gefunden. Weitere wichtige Personen sind natürlich Franz Spitzauer (Geschäftsführer Finanzen und Marketing), der 2009 dazu kam, Thomas Linke, mit dem ich mich in sportlichen Fragen immer eng abstimme oder auch Geschäftsstellenleiter Florian Günzler, mit dem ich von Anfang an zusammenarbeite.

 

"Gärtner-raus"-Rufe: Die schwierigste Phase

 

Uns ist im Abstiegskampf 2011/12 vorgeworfen worden, dass die Mannschaft nicht ligatauglich sei, was zu Kritik und schließlich auch zu den "Gärtner-raus"-Rufen im Stadion geführt hat. Reaktionen in dieser Form, das muss ich ehrlich sagen, waren mir bis dahin fremd und das hat sehr weh getan, schließlich hatten wir den Verein in vielen Breichen weiterentwickeln können. Im Nachhinein lagen wir auch dieses Mal mit der Bewertung richtig, schließlich haben wir die Liga vorzeitig gehalten. Nachdenklich gemacht hat mich damals vor allem, dass meine Familie öffentlich beschimpft worden ist. Es folgten wichtige Entscheidungen. Zum einen die wichtige Entscheidung, unseren Trainer Benno Möhlmann zu beurlauben, zum anderen habe ich dem Aufsichtsrat im Rahmen der Veränderung der Organisationsstruktur die Installierung eines Sportdirektors vorgeschlagen, weil mein Aufgabenbereich einfach zu groß geworden war. Insgesamt war das eine sehr intensive Zeit, die mich in der Öffentlichkeit sicher auch etwas vorsichtiger hat werden lassen.

 

Die mühsame Rückkehr in die Zweite Liga

 

Nach dem ersten Aufstieg in die 2. Bundesliga war zum ersten Mal ein richtiger Schub durch die Region gegangen. Im Jahr darauf sofort wieder runter zu müssen, war deshalb natürlich besonders bitter, zumal wir parallel auch noch das Stadion gebaut haben. Dennoch bin ich heute der Meinung, dass dies für die Entwicklung des Vereins eine ganz wichtige Phase war. Dieses gemeinsame Leiden und die vielen Emotionen haben uns noch mehr zusammengeschweißt. Der Aufstieg in die Bundesliga steht natürlich ein Stück weit über allem. Aber für mich persönlich war das Jahr 2010 mit der am Ende erfolgreichen Relegation und dem Stadionbau sicher die intensivste Zeit beim FCI. Als die Rückkehr in die Zweite Liga feststand, habe ich sicher drei oder vier Tage gebraucht, um das zu verarbeiten.

 

Entscheidungen, die immer schwerfallen

 

Ich habe zu allen Mitarbeitern eine enge Bindung. Deshalb muss ich zum Beispiel bei einer Trainerentlassung immer auch ein bisschen schlucken, weil es neben der menschlichen Bindung immer auch eine menschliche Enttäuschung gibt. Wenn ich zum Beispiel an Horst Köppel denke, den ich noch aus meiner aktiven Zeit kannte, das war nicht einfach. Es gab aber auch andere Beispiele, da fällt mir Benno Möhlmann ein. Benno hat beim entscheidenden Gespräch zu mir gesagt: "Harald, ich verstehe dich. Du kannst in dieser Situation gar nicht anders entscheiden." Ähnlich war es dann bei Markus Kauczinki. Ich bin froh, dass ich eigentlich zu allen ehemaligen Trainern und Weggefährten immer noch einen vernünftigen Kontakt habe.

 

Prägende Spielertypen - sportlich und menschlich

 

Es gibt natürlich zahlreiche Spieler, die das in sie gesetzte Vertrauen extrem zurückgezahlt haben. Darunter fällt mir Stefan Leitl ein, der in schwierigen Phasen immer die Ärmel hochgekrempelt hat. Dann erinnere ich mich an "Zecke" Neuendorf. Als der gesagt hat: "Wenn ich reinkomme, dann drehen wir das Spiel", haben ihm die Jungs im Team geglaubt. Fabian Gerber hat eine ganze Reihe ganz wichtiger Tore für uns geschossen. Ein Spieler, auf den von außen vermutlich niemand kommt, war übrigens Artur Wichniarek. Schließlich hat er nur eine Woche bei uns trainiert und ist dann durch seinen Bandscheibenvorfall schon wieder ausgefallen. Artur kam 2011 als polnischer Nationalspieler in einer Phase, als es schlecht lief. Dann ist er in der ersten Mannschaftssitzung aufgestanden und hat sofort die etablierten Spieler in die Pflicht genommen. "Fangt endlich an, das auf den Platz zu bringen, was ihr von den anderen verlangt", hat er zum Beispiel gesagt. Das gab einen unheimlichen Schub und am Folgewochenende stand plötzlich eine ganz andere Mannschaft auf dem Feld.

 

Lehrreiche Erfahrungen und Enttäuschungen

 

Natürlich denkt man manchmal: Hätten wir diese oder jene Entscheidung anders oder früher getroffen, hätten wir vielleicht nicht diese Probleme bekommen. Anders herum weiß auch niemand, ob wir zum Beispiel in der Saison 2008/09 dringeblieben wären, wenn wir Thorsten Fink früher beurlaubt hätten. Hinsichtlich der Spieler muss man sagen, dass wir im Fall von Christoph Knasmüllner gescheitert sind. Er war ein herausragendes Talent im Mittelfeld. Wir haben es aber nicht geschafft ihn so zu führen, dass er bei uns über fünf oder sechs Jahre ein Schlüsselspieler werden konnte. Oder der Tunesier Ahmed Akaichi, ein sehr guter Stürmer, der uns in bestimmten Phasen auch das eine oder andere Mal den Kopf gerettet hat. Bei ihm haben wir aber auch Fehler gemacht, weshalb die Integration nicht wie gewünscht funktioniert hat. Aber so etwas gibt es im Fußball immer wieder mal. Am Beispiel Marcel Tisserand sieht man, dass wir daraus gelernt haben und uns weiterentwickeln.

 

So sieht die Konkurrenz den FC Ingolstadt

 

Ich weiß, dass uns in der ersten und Zweiten Liga sehr viel Respekt entgegengebracht wird. Jörg Schmadtke (heute Sportdirektor beim 1. FC Köln) zum Beispiel, den ich seit unserer gemeinsamen aktiven Zeit bei Fortuna Düsseldorf kenne, hat sich erst vor nicht allzu langer Zeit in der TV-Sendung "Doppelpass" sehr positiv über unsere Entwicklung geäußert. Im Austausch mit Heidenheims Manager Holger Sanwald, Fürths Präsident Helmut Hack oder mit Bayern-Verantwortlichen merkt man schon, dass sie sehen, was wir als Verein geleistet haben. Bei den Tagungen mit 36 Profiklub ist es spürbar, dass wir in der Bundesliga-Gemeinschaft angekommen und angenommen sind. Die schönste Anerkennung ist aber ohnehin, dass wir in der Bundesliga dabei sind und uns mit den 17 besten Klubs des Landes messen können.

 

Wo steht der FCI in zehn Jahren?

 

Ich bin sicher, dass wir das Zeug und den Ehrgeiz dazu haben, auch in zehn Jahren ein Bundesligist zu sein. Ob ich selbst dabei bin? Das liegt nicht in meiner Hand. Ich habe beim FCI immer versucht, das Vertrauen, das ich bekomme, zurückzuzahlen. Mit diesem Job ist mein Traum, in einem Verein gestaltend tätig zu sein, in Erfüllung gegangen. Und natürlich möchte ich das auch noch einige Jahre weitermachen.