Kroatien-Fans beim FC Ingolstadt: Torwart Fabijan Buntic (links) und Co-Trainer Andre Mijatovic.
Kroatien-Fans beim FC Ingolstadt: Torwart Fabijan Buntic (links) und Co-Trainer Andre Mijatovic.
Sterner
Reischach
Nichts deutet darauf hin, dass der aus Rijeka stammende Kroate derzeit die aufwühlendsten Momente in der Fußballgeschichte seines Heimatlandes erlebt. Vor dem WM-Finale Frankreich gegen Kroatien am Sonntagabend (17 Uhr/ZDF und Sky) haben wir in elf Fragen an den 38-Jährigen, der den kroatischen Teamchef Zlatko Dalic aus seinem Fußballlehrerlehrgang kennt, seine Gefühle, seine Eindrücke aus dem Turnier und die Aussichten vor dem Finale eingefangen.
 
Mit welchen Gefühlen erleben Sie diese Tage?
„Ich bin sehr stolz. Dass so ein kleines Land wie Kroatien, das ein paar mehr Einwohner hat als Berlin, im Finale steht, ist nicht selbstverständlich. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl.“

Wie haben Sie den Einzug ins Finale verfolgt?
„Das Halbfinale gegen England habe ich mir ganz alleine in meinem Hotelzimmer angeschaut. Ich wollte das Spiel einfach ohne Kommentare und provozierende Sprüche sehen und habe mich voll auf das Spiel konzentriert. Es gab Phasen, in denen ich nicht mehr geglaubt habe, dass wir es schaffen. Beim 1:1 war ich noch ganz ruhig, aber beim 2:1 bin ich explodiert.“

Was beeindruckt Sie an der kroatischen Mannschaft?
„Sie ist in der K.-o.-Phase in allen drei Spielen zurückgelegen und jedes Mal zurückgekommen. Das spricht für den Teamspirit, die Mannschaft gibt nicht auf. Auch die Ruhe auf der Bank und untereinander beeindruckt mich. Bei früheren Turnieren waren wir immer unzufrieden, haben reklamiert.“

Wo liegen die Stärken auf dem Platz?
„Die Mentalität spielt eine große Rolle. Gegen England hatten wir große Probleme, uns im Mittelfeld Räume zu erarbeiten. Auf den Außenpositionen sind wir ohnehin nicht so gut besetzt. Aber dann kam diese eine Flanke, und das Spiel hat sich nach dem 1:1 komplett gedreht. Die Mannschaft spielt nicht so viele Chancen heraus, aber sie hat die Qualität und Geduld auf den einen Moment zu warten.“

Welche Rolle spielt Trainer Zlatko Dalic?
„Er stellt die Mannschaft immer in den Vordergrund und wirkt auf der Bank sehr ruhig und positiv. Für mich ist ein Nationalcoach ohnehin mehr Betreuer als Taktiker. Er muss die Mannschaft zusammenbringen. Das ist sein Verdienst. Ich weiß, dass er ein emotionaler Typ ist, aber wie er sich auf diesem Niveau unter Kontrolle hat, ist schon beeindruckend.“

Welcher Torwart ist im Endspiel besser?
„Was spektakuläre Paraden betrifft, hat der Franzose Lloris ein paar mehr gehabt, aber Subasic war zweimal im Elfemterschießen der entscheidende Faktor. Dieses Duell ist für mich ausgeglichen.“

Wer hat die bessere Verteidigung?
„In der Innenverteidigung sind Frankreichs Umtiti und Varane jünger, spielen bei spanischen Topklubs international auf höchstem Niveau und sind als Einzelspieler ein Stück besser. Aber Lovren und Vida haben viel Erfahrung, vor allem Vida ist ein absoluter Turnierspieler, als Duo sehe ich die Kroaten daher leicht vorne. Auf den Außenbahnen haben die Franzosen mit Pavard und Hernandez Vorteile, weil sie immer nach vorne marschieren.“

Bei wem liegen die Vorteile im Mittelfeld?
„Kroatien ist eingespielter, vor allem weil Modric und Rakitic schon seit Jahre bei großen Turnieren agieren. Da können Pogba und Kanté nicht mithalten. Allerdings wird es spannend sein zu beobachten, ob wir weiter mit einem Sechser und zwei Zehnern spielen, während Frankreich normalerweise mit zwei Sechsern und einem Zehner spielt.“
 
Und schließlich der Angriff, wer ist hier besser?
„Wenn man es nur auf die Mittelstürmer reduzieren könnte, dann wäre Mandzukic gegenüber Giroud klar im Vorteil. Mandzukic ist wertvoller für das Team, er läuft viel und strahlt mehr Torgefahr aus. Aber Griezmann und Mbappe sind schon Extraklasse, wobei mich bei Mbappe nervt, dass er schon so oft fällt, obwohl er noch ganz jung ist. Rebic spielt ein sensationelles Turnier, und Perisic, der schwach begann, kommt jetzt in Form. Er war gegen England der entscheidende Faktor.“

Zusammengefasst: Wer ist für Sie im Finale Favorit?
„Im Finale gibt es keinen Favoriten. Beide Mannschaften haben es verdient. Frankreich hat vielleicht mehr Druck, weil sie nach dem EM-Finale gegen Portugal nicht noch ein Endspiel verlieren wollen. Klar kann der Kräftevergleich ein Nachteil für Kroatien sein, aber das habe ich schon gegen England gedacht. Andererseits geben solche Glücksmomente einen Extraschub, und da sprintet dann ein Modric, Perisic oder Mandzukic auch nach 120 Minuten noch. Ich glaube, Kroatien kann befreit aufspielen, es wird ein Spiel auf Augenhöhe.“

 Wo werden Sie das Spiel verfolgen?
„Ich hoffe zu Hause mit meiner Familie. Wir sollten also rechtzeitig loskommen, zur Not haben wir aber auch Fernseher im Bus. Ich hoffe, wir gewinnen, und können dann zum Autokorso zum Rathausplatz fahren. Das haben wir schon nach dem Viertelfinale gemacht, und ich glaube, meine Jungs haben erstmals so richtig gespürt und verstanden, was es heißt, Kroate zu sein.“