Erzielte gegen Aue sein erstes Pflichtspieltor für den FC Ingolstadt: Charlison Benschop (links) sieht sich auf einem guten Weg zu alter Stärke. An Ingolstadt schätzt er die offensive Spielweise aber auch die medizinische Betreuung.
Erzielte gegen Aue sein erstes Pflichtspieltor für den FC Ingolstadt: Charlison Benschop (links) sieht sich auf einem guten Weg zu alter Stärke. An Ingolstadt schätzt er die offensive Spielweise aber auch die medizinische Betreuung.
Bösl
Ingolstadt
Natürlich sagt Charlison Benschop auch Sätze, die man eben so sagt, wenn man neu bei einem Verein ist. Offen seien die neuen Kollegen, ohnehin ein "geiles Team" mit vielen guten Charakteren. "Ich glaube, ich habe mich noch nie so schnell eingelebt in einer Mannschaft", sagt Benschop über den FC Ingolstadt. Der Verein habe viel Potenzial, schon vor drei Jahren gab es Kontakt, alles gut also. Aber der 29-jährige Stürmer nennt auch einen erstaunlichen Punkt, der für einen Wechsel nach Ingolstadt gesprochen habe: die medizinische Abteilung. "Sie haben mir in der Vorbereitung gut geholfen."

Dass die medizinische Versorgung für ihn kein Randaspekt ist, hat einen guten Grund: Von 2015 bis 2018 spielte Benschop bei Hannover 96, wegen Verletzungen lief er aber nur 19-mal für die erste Mannschaft auf. Schambeinreizung, 17 Spiele verpasst. Wadenverletzung, 28 Spiele verpasst. "Es ist mega frustrierend", sagt der Niederländer. "Wenn du verletzt bist, dann hängst du immer ein bisschen hinten dran." Vergangenheit. Benschop will nicht mehr zurückblicken, auch wenn er in Ingolstadt anfangs mit Knieproblemen zu kämpfen hatte. Benschop will spielen.

Im Training merkt man ihm diesen Tatendrang an. Der 29-Jährige bietet sich dauernd an, fordert den Ball, lobt Mitspieler, sucht häufig den Abschluss - und zeigt einen guten Torschuss. Benschops Lieblingsspieler? Didier Drogba.

Für FCI-Trainer Stefan Leitl könnte Benschop künftig äußerst wichtig werden. Beim 3:2-Heimsieg gegen Aue traf der Stürmer bereits, neben seinem Torinstinkt bringt er zudem physische Präsenz mit. Das Gardemaß von 1,91 Meter Körpergröße verdankt er seinen Genen, das Wissen, diese Körperlichkeit einzusetzen seinem Intermezzo bei Stade Brest.

"In Frankreich ist das Spiel sehr physisch", erklärt Benschop. "Zweikämpfe über den ganzen Platz - die Jungs sind alle 1,90 Meter groß." Nicht selten verließ er das Spielfeld mit Prellungen oder ähnlichen Blessuren. Zuvor spielte Benschop in Holland bei RKC Waalwijk und AZ Alkmaar. "Da habe ich eine schöne Zeit gehabt und viele Spiele in der Europa League gespielt." Von Brest ging es nach Düsseldorf, dort traf er in zwei Spielzeiten 25-mal.

Nach seinem Gastspiel in Hannover ist der 29-Jährige wieder in der zweiten Liga. Auch hier wird ein körperbetonter Fußball gespielt. "Da ist viel Tempo im Spiel", sagt Benschop, der sich bei der Ingolstädter Spielweise gut aufgehoben fühlt. "Bei uns wird viel Druck auf die gegnerischen Verteidiger ausgeübt, um so schnell wie möglich zum Torabschluss zu kommen." Er selbst sei ein Spieler, der aus Umschaltmomenten zügig in Schussposition gelange. "Wie wir hier spielen, das passt zu mir", sagt Benschop und grinst. Er vermittelt dabei das Gefühl, dass er auch abseits des Rasens für die Schanzer wichtig werden könnte.

Es ist im Profifußball mittlerweile gern gepflegte Tradition, dass Neuzugänge zum Einstand ein Lied singen müssen. Auch beim FC Ingolstadt zelebrieren sie dieses Ritual. Im Trainingslager musste auch Benschop ran und intonierte kurzerhand eine eigene Komposition. "Ich habe ein eigenes Lied geschrieben und vorgesungen, das war ein schöner Spaß." Gemeinsam mit Osayamen Osawe sorge er für die Stimmung in der Kabine, auch privat verbringen die beiden viel Zeit. Als Osawe anfangs noch keine Bleibe hatte, wohnte er übergangsweise bei der Familie Benschop. "Wenn man in der Kabine rumfragen würde, wer die Spaßvögel sind, dann wären Osayamen und ich ganz oben auf der Liste."

In erster Linie will Benschop aber vor allem in den Audi-Sportpark Stimmung bringen. "Ich will wichtig für die Mannschaft sein, als Stürmer versuchst du natürlich Tore zu schießen", sagt der 29-Jährige. Und deswegen ist Benschop von der rund zweistündigen Vormittagseinheit angetan: Viele spielerische Übungen, am Ende bittet Co-Trainer Andre Mijatovic die Stürmer zum Abschlusstraining. "Alles mit dem Ball ist schön", sagt Benschop lächelnd. Beinahe hätte er diese Trainingseinheit aber verpasst.

Denn ursprünglich war ein Einsatz im Nationalteam geplant. Benschop steht im Kader der Auswahl Curaçaos, seinem Geburtsland. In der Jugend spielte er noch für die niederländische U21-Nationalmannschaft. "Ich habe dann lange Zeit nichts gehört von Holland, aber man muss auch realistisch sein. Holland hat einen Riesenkader", sagt Benschop. Irgendwann müsse man sich eben entscheiden. Und für sein Heimatland zu spielen, sei ein "spezielles Gefühl". Die Familie mütterlicherseits lebt dort, auf der Straße erkennt man ihn. Es gefällt ihm, für die eigenen Leute zu spielen.

In dieser Länderspielpause entschied er sich aber, in Ingolstadt zu trainieren. Curaçao besiegte Grenada, Benschop traf im Test gegen St. Gallen. Seine Einsatzzeiten in den vergangenen Spielen wurden immer länger. "Ich habe das Gefühl, dass ich bereit bin", sagt Benschop vor dem Spiel am Sonntag in Bochum. "Aber ich habe immer noch Geduld, ich weiß, woher ich komme und wo ich jetzt stehe." Damit es mit der Gesundheit und der Fitness weiter bergauf geht - und die medizinische Abteilung nicht mehr einer der erst genannten Vorzüge seines neuen Vereins ist.