Noch mit Sorgenfalten: FCI-Sportdirektor Angelo Vier.
FCI-Sportdirektor Angelo Vier.
Bösl
Ingolstadt
Herr Vier, Braunschweig hat sich gestern eigens für den Abstiegskampf bis zum Spiel am Sonntag in ein Trainingslager zurückgezogen. Wie hoch schätzen Sie denn die Gefahr für den FC Ingolstadt ein?

Angelo Vier: Wir haben es klar gesagt: In Braunschweig wird uns die Hölle erwarten. Aber wir werden die Mannschaft darauf einstellen, für uns ist das Spiel genauso wichtig. Es geht darum, dass wir den Klassenerhalt endgültig sichern.



Nach dem guten Spiel gegen den Club (1:1) folgten zwei klare Niederlagen in Düsseldorf (0:3) und gegen Kiel (1:5). Wie erklären Sie sich diesen jüngsten Einbruch? Ist das Enttäuschung oder Spannungsabfall, weil die Mannschaft die letzte Hoffnung auf Rang drei verpasst hatte?

Vier: Dieses ständige, abrupt wechselnde Gerede von Auf- oder Abstieg regt mich auf. Unsere Spiele gegen Bielefeld und den Club waren sehr gut. Die letzten beiden Spiele haben wir zurecht verloren.



Aber mit diesem Auf und Ab muss doch jede Mannschaft zurechtkommen.

Vier: Ja, sicherlich. Aber es hilft nicht, Panik zu machen und in die eine oder andere Richtung auszuschlagen. Wir haben nach dem Bochum-Spiel klar gesagt, dass unser Ziel ist, die Klasse zu sichern.



Trotzdem hatte der FCI ja nochmals die Chance, an Platz drei heranzukommen. Was fehlt dem Team, dass es diese Möglichkeiten immer wieder nicht nutzen konnte.


Vier: Dass es diese Chance überhaupt gab, liegt an der Liga. Kaum ein Team war ausgeglichen und stabil in dieser verrückten Saison. Selbst Düsseldorf als Spitzenreiter hatte kürzlich drei Spiele hintereinander verloren. Aber sie haben es am ehesten geschafft, Konstanz hinzubekommen. Es ist eben auch eine hohe Leistungsdichte in der Liga.



Fakt ist aber, dass die Mannschaft nach der Winterpause nur drei Siege erreicht hat.


Vier: Es geht in den Spielen um Nuancen. Der Start nach der Winterpause war okay. Wir haben es dann nach den drei verlorenen Spielen gegen St. Pauli, Duisburg und Bochum, in denen wir auch zwei Elfmeter verschossen haben, trotzdem wieder hinbekommen, dass wir danach die Spiele zu unseren Gunsten drehen konnten. Gegen Dresden, in Heidenheim - und auch der Punktgewinn davor in Darmstadt war wichtig. Darum muss man den Fokus immer auf das nächste Spiel legen, man kann nicht vorausplanen. Für Braunschweig geht es um die Existenz, und da müssen wir bestehen.



Bei den Fans überwiegt aber die Enttäuschung, dass der FCI immer wieder die Möglichkeit verpasst hat, um den Aufstieg mitzuspielen.


Vier: Das verstehe ich absolut, und natürlich werden wir nach der Saison detailliert analysieren, wo die Ursachen liegen. Die Kunst ist es, während der ganzen Saison auf diesem Niveau eine Konstanz reinzubekommen. Das ist nicht nur eine Frage der Qualität, sondern auch der Mentalität, die man immer wieder bringen muss.



Kapitän Marvin Matip hat nach dem 1:5 gegen Kiel die Charakterfrage gestellt. Hat der Mannschaft in dieser Saison die mentale Stärke gefehlt, und war das das Hauptproblem?


Vier: Das kann man nicht so pauschal sagen. Fakt ist: Die 2. Bundesliga ist eine Mentalitätsliga, da muss man immer an die Grenzen gehen, um hier erfolgreich zu sein.



Wird Trainer Stefan Leitl an den beiden Spielen gemessen, ob es mit ihm in der kommenden Saison weitergeht?


Vier: Nein. In diesen beiden Spielen geht es einzig und allein darum, die Zukunft des Vereins zu sichern.



Es wird ohnehin einen Umbruch geben, weil Verträge auslaufen und Ziele nicht erreicht wurden. Ist Stefan Leitl nach dieser Saison noch unverbraucht genug, einen Neuaufbau einzuleiten?


Vier: Die Kritik an Stefan Leitl kommt ja von außen, nicht von uns. Er wurde zuerst gelobt, dann kritisiert, je nachdem, ob wir näher an den Aufstiegs- oder Abstiegsrängen waren. Wir im Verein machen das nicht situationsabhängig, sondern bewerten das gesamtheitlich. Das geschieht nach der Saison. Zudem hat der Trainer die Mannschaft erst nach dem dritten Spieltag übernommen. Jetzt gilt unser Fokus nur den Spielen gegen Braunschweig und Kaiserslautern.



Trotzdem braucht der Verein eine Orientierung, wo es hingehen soll. Leitl kommt aus dem Verein, ist aber noch unerfahren. Welche Perspektiven hat er beim FCI?


Vier: Stefan kennt den Verein und ist ehrgeizig. Er hat als junger Trainer eine andere Dynamik und Energie. Die Ausrichtung der Mannschaft, welchen Weg wir gehen wollen und welche Philosophie verfolgt wird, das werden wir nach der Saison mit dem Trainer erarbeiten und festlegen.



Sie haben im Winter gesagt, dass die jungen Spieler beim FCI eine größere Rolle spielen sollen. Dies ist aber kaum geschehen. Lag das an der Tabellensituation oder daran, dass sie sich nicht genügend in den Vordergrund gedrängt haben?


Vier: Von beidem etwas. Es ging entweder um den Aufstieg oder gegen den Abstieg. In ruhigen Phasen könnte man Talenten sicherlich leichter eine Chance geben. Außerdem müssen die Spieler auch diese Gier zeigen. Zudem standen Maximilian Thalhammer oder Frederic Ananou schon in wichtigen Spielen von Anfang an auf dem Platz, um zwei positive Beispiele zu nennen.



Danach ging das aber nicht weiter.


Vier: Richtig, das liegt aber auch an den Spielern selbst. Das gehört mit zur Analyse nach der Saison. Keiner kann sagen, er hätte bei dem Trainer keine Chance bekommen. Bei jungen Spielern gibt es außerdem Leistungsschwankungen, die man sich aufgrund der hohen Leistungsdichte in unserem Kader nicht erlauben kann. Das macht es den Jungen schwieriger.



Sie haben in der Winterpause Patrick Ebert geholt, der sich aber nicht durchsetzen konnte. Würden Sie eine solche Verpflichtung nochmals machen?


Vier: Wir haben von vorneherein gesagt, die Verpflichtung kann eine Chance für beide Seiten sein. Klar war, wenn er es hinbekommt fitzuwerden, kann er uns weiterhelfen. Das war kein Risiko für den Verein.



Dann hat es ja nur einen Sinn, wenn er für die kommende Saison bleibt.

Vier: Nein, erst einmal ging es nur um die Rückserie. Er hat uns dabei in zwei Spielen gegen Greuther Fürth und in Aue geholfen. Danach hat er kontinuierlich an seinem körperlichen Zustand gearbeitet und seine Erfahrung im täglichen Training eingebracht. Aber wir haben ihn auch geholt, um auf Ausfälle flexibel reagieren zu können. Er kann beispielsweise auf der Position von Kittel spielen. Dass Sonny die ganze Saison durchspielt, damit konnten wir nicht rechnen. Dass er fast jedes Spiel macht, ist super für uns und macht alle glücklich. Generell ist unsere Verletztenstatistik bis zum heutigen Tag fast bei null.



Umso mehr muss man sich fragen, warum mit dem Kader nicht mehr drin war?


Vier: Moment. Wir haben eine hohe Leistungsdichte, ja. Aber es spielt nicht nur die Qualität eine Rolle, da gehören noch andere Dinge dazu.



Das heißt, Sie wollen sich nach der Saison von einigen Spielern trennen, die noch einen Vertrag beim FCI besitzen?


Vier: Es wird nach der Saison eine Analyse geben. Jetzt geht es darum, dass alle sich auf die beiden letzten Spiele fokussieren, egal ob bei einem Spieler der Vertrag ausläuft oder noch fortbesteht.



Sie haben vorhin Sonny Kittel erwähnt. Gibt es für ihn schon Anfragen anderer Klubs?

Vier: Nein. Wir stehen in engem Kontakt mit Sonny. Er ist ein wichtiger Baustein für uns auch für die nächste Saison.



Was erwarten Sie beim Spiel in Braunschweig von der Mannschaft?


Vier: Leidenschaft, Einstellung und die Mentalität, sich dagegen zu wehren, was da auf uns zukommen wird. Da wird ein volles Stadion sein, und es werden große Emotionen kommen. Darauf müssen wir uns vorbereiten.



Dafür gibt es die richtigen Spieler in der Mannschaft?


Vier: Ja, der Trainer wird die richtigen Spieler für die Partie auswählen und aufstellen.



Das Interview führte Gottfried Sterner.