Eine bittere Niederlage mussten die Schanzer gegen Kiel einstecken.
Ralf Lüger
Ingolstadt
Auch am Tag nach der höchsten Heimniederlage in der Zweitliga-Geschichte des Klubs steht Sport-Geschäftsführer Harald Gärtner vor einem Rätsel. "Das ist keine Frage der Qualität, sondern vor allem der Mentalität. Nach dem 1:3 ist die Mannschaft in alle Bestandteile zerfallen und hat keine Gegenwehr gezeigt. Das ist alarmierend", sagt der 49-Jährige am Montag und schüttelt den Kopf. Sein Mantra vor den verbleibenden beiden Partien bei Eintracht Braunschweig und gegen den 1. FC Kaiserslautern ist wenig überraschend: "Jetzt müssen sich alle nochmal fokussieren und alles dafür tun, damit die Mannschaft die letzten noch notwendigen Punkte einfährt und wir den Klassenerhalt sichern." Um sicher zu gehen brauchen die Ingolstädter als Tabellenneunter noch einen Sieg.

Wenn Gärtner, selbst ehemaliger Zweitliga-Profi, derzeit über seinen Klub spricht, wechselt sein Tonfall immer wieder - mal ist er enttäuscht, dann wieder kämpferisch. Er habe bereits vor Wochen darauf hingewiesen, dass es noch mal knapp werden könne und Mannschaft und Trainer gewarnt, betont er zum Beispiel immer wieder. Kurze Aufwärtstrends wurden in der Folge aber regelmäßig von Negativphasen abgelöst. Zuletzt blieb der Klub gar viermal hintereinander ohne Sieg (4:11 Tore) und verspielte in den Vergleichen gegen das Top-Trio 1. FC Nürnberg (1:1), Fortuna Düsseldorf (0:3) und Holstein Kiel (1:5) die x-te und zugleich letzte Aufstiegschance. Prompt kracht es im Teamgefüge. Kapitän Marvin Matip sprach am vergangenen Sonntag offen davon, dass der Kader ein Charakter- und Mentalitätsproblem habe.

"Marvin ist der Kapitän und will Erfolg haben. Er hat das Recht, so etwas zu sagen", zeigte Trainer Stefan Leitl anschließend Verständnis. Durchaus denkbar, dass sich der 40-jährige Übungsleiter insgeheim auch ein bisschen darüber gefreut hat, dass jemand den Finger derart in die Wunde gelegt hat - so, wie er selbst es während der laufenden Saison nicht tun kann. Schließlich braucht er die Spieler noch.

Offiziell denkt Leitl derzeit ausschließlich an das nächste Spiel ("Nur das ist jetzt wichtig"). In einer ersten Maßnahme strich er bereits den trainingsfreien Tag in dieser Woche - dass er die Aufstellung für das Braunschweig-Spiel ändert, hat er angekündigt.

In Bezug auf die kommende Saison wird derweil von offizieller Seite gemauert. "Die anderen Themen gehen wir danach an. Dann wird es sicher auch Entscheidungen geben, die wehtun. Aber im Moment zählen nur die letzten beiden Spiele", sagt Gärtner. Es zeichnet sich jedoch ab, dass der FC Ingolstadt auch im Falle des Klassenerhaltes im sportlichen Bereich vor einem Umbruch steht.

So ist beim Blick auf den Kader die Zukunft von Alfredo Morales, Tobias Levels, Max Christiansen, Moritz Hartmann und Patrick Ebert, deren Verträge zum Saisonende auslaufen, mehr als offen. Sportdirektor Angelo Vier berichtet seit Monaten von laufenden Verhandlungen. Dass es hier noch zu einer Einigung kommt gilt aber als unwahrscheinlich. Selbst über Spieler mit laufenden Verträgen scheint man beim Klub nachzudenken. Offiziell verkündet ist bislang aber nur der Abschied von Stefan Lex.

Als Verantwortliche im sportlichen Bereich werden nach der Saison natürlich auch Cheftrainer Leitl und Sportdirektor Vier Fragen beantworten müssen. Mit offenem Ausgang. So steht bei Leitl dem Aufschwung während der Hinrunde der Einbruch im Jahr 2018 entgegen. Nimmt man die 14 Partien des neuen Jahres, so hat der FCI in diesem Zeitraum mit 14 Punkten und 17:22 Tore die schwächste Bilanz aller Zweitligisten. Dem sehr beliebten, aber noch wenig erfahrenen Coach würden Erfolge in den letzten beiden Spielen ohne Zweifel helfen.

Neu im Job ist auch Vier, der während seiner Premierensaison auf dem Sportdirektoren-Posten nicht unbedingt als Lautsprecher und Führungspersönlichkeit auffiel. Weil er in seinen Aussagen meist unkonkret bleibt, ist bestenfalls zu erahnen, welche Impulse von dem 46-Jährigen ausgehen. Seine Transferbilanz ist gemischt: Winterneuzugang Ebert enttäuschte komplett, dagegen gilt U20-Nationalspieler Frederic Ananou als Hoffnungsträger.

Ehe hier konkrete Entscheidungen gefällt werden, braucht der FCI freilich den Klassenerhalt. "Wir werden sicher nicht panisch. Aber wir müssen jetzt unbedingt die Kräfte bündeln, es geht um den FC Ingolstadt", sagt Gärtner und ruft dann plötzlich in den Raum, als stünde die Mannschaft vor ihm: "Diese Pflicht haben verdammt noch mal alle."