Fans des FCI in Paderborn
Stimmt die Einstellung der Spieler auf dem Platz, honorieren die Fans in der Kurve das mit Unterstützung. Die Torkelschanzer schwenken ihre Fahnen in Paderborn.
Missy
Paderborn
Rund 500 Kilometer sind es von Ingolstadt nach Paderborn. Etwa sieben Stunden dauert die Fahrt über die Autobahn. Warum tut man sich das an, einen kompletten Tag im Bus zu verbringen? Die akute Gefahr der ertraglosen Zeitverschwendung fährt auf der Hinfahrt immer mit. Rund eine Stunde nach dem Abpfiff fühlt es sich auf der Rückfahrt auch genau so an. Die 34 Torkelschanzer sitzen enttäuscht im Reisebus Richtung Heimat. "Das war heute Arbeitsverweigerung", sagt Ute Schönstein. "Wenn wir so arbeiten würden, würde man uns kündigen." Zustimmendes Nicken. Kein Einsatz, keine spielerische Qualität. "Nach so einem Spiel sollten die Spieler nicht im Luxusbus nach Hause fahren, sondern in so einem Bus wie wir." Auch Stefan Leitl kommt bei den Auswärtsfahrern nicht gut weg. Das Team spiele uninspiriert, gerade offensiv fehle ein Plan. Man vermisst Spielzüge. Kollektives Kopfschütteln.

Rund zehn Stunden zuvor, Abfahrt am Audi Sportpark. "Das ist eine Drecksfahrt", sagt der Fanklub-Vorsitzende Michael Pluzny, der diese Touren organisiert. Relativ weite Strecke, relativ klangloser Name des Gegners - in Paderborn kam es vor fünf Jahren auch zu folgender unschöner Situation: "Paderborner haben unseren Bus angegriffen und wollten unsere Fahne aus dem Kofferraum klauen", erzählt Pluzny.

Die Torkelschanzer haben trotzdem wieder einen Bus zusammenbekommen, sie bieten für jedes Auswärtsspiel eine Fahrt an. Und weil sieben Stunden im Bus anstrengend genug sind, machen sie es sich gemütlich. Schönstein trägt Kaffee durch den Bus und deshalb ein T-Shirt mit der Aufschrift "Busardes". Eine Stewardess für den Reisebus. "Wir sind hier alle Freunde, eigentlich schon eine Familie", sagt sie. Weil sich der harte Kern jede Woche sieht, und alle zwei Wochen durch die Republik fährt. Für Franz Kraus ist es nicht nur im übertragenen Sinn eine Familienfahrt. "Ich bin mit meiner Frau und meiner Tochter dabei. So können wir gemeinsam Zeit verbringen."

Erster Halt, Rastplatz Riedener Wald. Die Torkelschanzer stärken sich bei einer Portion selbst gemachter Schinken-Nudeln. "Von der aktiven Fanszene wird das oft als Kaffeefahrt belächelt", sagt Pluzny. Tatsächlich würde sein Fanklub aber nicht selten mehr Auswärtsfahrer stellen. Es ist wie bei anderen Vereinen auch: Zwischen den Ultras und den gemäßigten Fans gibt es immer wieder Differenzen, beim FCI ist es aber auffälliger, wenn die Kurve nicht mit einer Stimme singt. "Im Schnitt sind zwischen 150 und 350 Fans bei einem Auswärtsspiel", sagt Kraus, "eine Hälfte Ultras, eine Hälfte Gemäßigte." Im Kern haben sie dasselbe Anliegen: ihren FC Ingolstadt unterstützen. "Ich bezeichne mich auch als Ultra, weil ich alles für den Verein gebe", sagt Pluzny. Das ist der erste Teil der Antwort auf die Frage, warum 34 Menschen sich an einem Montag für eine Auswärtsfahrt nach Paderborn freinehmen oder Schichten tauschen: Weil der FC Ingolstadt einfach ihr Verein ist. Und seinen Verein muss man eben unterstützen.

Um diese Unterstützung geht es auch viel auf dem Weg zum nächsten Rastplatz. Die Fangemeinde werde immer größer, weiß Johannes Eibel, der Fanbetreuer der U21 des FCI ist und mal zwei Jahre lang kein Spiel verpasst hat. "Für die Ultras von anderen Vereinen ist der FCI aber nicht relevant." Dafür seien die Ingolstädter Fans einfach zu wenige. Der Grund ist für Pluzny klar: "Zwischen den 1980er Jahren und 2004 gab es in Ingolstadt keinen Spitzenfußball. Es fehlt eine ganze Generation an Fans." Von Fans anderer Vereine müsse man sich oft anhören, ein Audi-Werksklub zu sein. Eibel sieht das anders: "Es braucht einen Großsponsor, und Audi hat am FCI weniger Anteile als am FC Bayern."

In diesem Bus sitzen Auswärtsfahrer aller Alters- und Einkommensklassen. Manche fahren gelegentlich mit, andere zu jedem Auswärtsspiel und somit im Jahr rund 20000 Kilometer durch Deutschland. Gemeinsam erleben sie Geschichten, die ihre Augen zum Leuchten bringen. Von skurrilen Abenden in einer Kieler Tankstelle, von eingängigen Liedern aus Darmstadt, von Kneipennächten auf St. Pauli, von Messer-Mike, der so zwar nicht heißt, auf diesen Namen aber mal ein Hotelzimmer gebucht bekam. Der 17-Jährige Marco Rabl erzählt davon, wie er sich als Vorsänger die Stimmbänder heiser schrie. In keiner Geschichte taucht ein Spielresultat auf. Das ist ein weiterer Grund für solche Fahrten. "Auswärts passiert immer etwas", sagt Rabl. Spielerlebnis über Spielergebnis.

Ganz so einfach ist es allerdings doch nicht. Ankunft in der Benteler-Arena in Paderborn. Rund 150 FCI-Fans sind nach Ostwestfalen gekommen, der Gästeblock ist nicht im Ansatz voll, das restliche Stadion schon. Die Torkelschanzer bringen ihre Zaunfahnen an, montieren die Fahnen. Als die FC-Spieler zum Warmlaufen kommen rufen Ultras und Gemäßigte "In-gol-stadt! In-gol-stadt!", ansonsten hat man nicht viel miteinander zu tun. Egal ist das Ergebnis hier niemandem, nach dem 0:2 flüchten sich manche in Galgenhumor, andere schieben Frust. "Die Art und Weise, wie wir verloren haben, macht uns so unzufrieden", sagt Eibel später.

In der zweiten Halbzeit spielen die Schanzer engagierter, Franz Kraus und seine Tochter beginnen in der 70. Spielminute wieder, die Fahnen der Torkelschanzer zu schwenken. Rund fünf Minuten später trifft Sonny Kittel per Freistoß, und im Gästeblock wird es lauter. Es wird gebangt, es wird mitgefiebert und am Ende auch vereinzelt geweint. Zuvor sangen die Ingolstädter: "Ihr sollt alles für uns geben". Und im Kern geht es ihnen genau darum. Denn das Ergebnis ist ganz und gar nicht egal, aber wenn in der Kurve "auf geht's Schanzer, kämpfen und siegen" gerufen wird, dann wird ersteres erwartet und auf zweiteres gehofft. "Es ist uns wichtig, dass die Spieler sich nach Abpfiff unabhängig vom Ergebnis für den Support bedanken", sagt Pluzny. "Auch wir haben verloren."

Das Spielerlebnis ist also nicht entkoppelt vom Spielergebnis. Dass die Schanzer nach dem Spiel in die Kurve kamen, wurde trotz all der Enttäuschung honoriert. Auf der Busfahrt wird noch rund eine Stunde geschimpft, dass FCI-Trainer Stefan Leitl nicht in die Kurve kam, ist niemandem entgangen. Dann reden die Torkelschanzer wieder über erlebte Auswärtsfahrten. Über Messer-Mike, über ungenießbaren Glühwein in Cottbus und über Aufstiegspartys. Kommendes Wochenende spielt Ingolstadt in Magdeburg. Die Torkelschanzer fahren wieder mit.