VfL Bochum - FC Ingolstadt 04
Gemeinsam schafften sie den Aufstieg in die Bundesliga, nun standen sie sich in der 2. Liga als Konkurrenten gegenüber: FCI-Kapitän Marvin Matip (rechts) und Bochums Stürmer Lukas Hinterseer. Der Österreicher schnürte gegen seine einstigen Kollegen einen Hattrick.
Guido Kirchner (dpa)
FCI
Vor dem Anpfiff mussten die Schanzer eine Hiobsbotschaft verdauen. Mit Tobias Schröck (Oberschenkelprobleme) und Dario Lezcano (Knöchelverletzung) mussten gleich zwei Kandidaten für die Startelf kurzfristig passen. Sie wurden durch Marcel Gaus und Osayamen Osawe ersetzt. 

Die Partie war kaum angepfiffen, da war sie für den FC Ingolstadt fast schon wieder gelaufen. Nach einem Bochumer Ballgewinn passte Robbie Kruse zu Anthony Losilla, der auf Tom Weilandt durchsteckte. Lucas Galvao, der schon in der ersten Spielminute die Gelbe Karte gesehen hatte, kam deutlich zu spät in den Zweikampf – Elfmeter. Der Ex-Ingolstädter Lukas Hinterseer schoss ebenso wuchtig wie selbstbewusst ins linke obere Eck. Die Bochumer Führung war symptomatisch für die erste Halbzeit. Bochum setzte die Ingolstädter äußerst früh unter Druck und versuchte nach Ballgewinn immer wieder, sofort vertikal in die Spitze zu spielen. Rund 60 Sekunden nach der Führung setzte Hinterseer einen Kopfball nach einer Flanke aus dem linken Halbfeld an den Pfosten.

Die Mannschaft von VfL-Trainer Robin Dutt zeigte sich aber auch in der Folge äußerst spielfreudig. Phasenweise schien es, dass die Gäste in Unterzahl spielen würden, so viel Platz hatte Bochum. In der 14. Spielminute hatte Robbie Kruse 25 Meter zentral vor dem Tor viel Platz und traf platziert in die rechte untere Ecke zum 2:0. Die Schanzer bekamen in dieser Phase überhaupt keinen Zugriff auf das Spiel. Der VfL kombinierte sich durch kurze Ballstafetten in die Ingolstädter Hälfte, spielte dann den Ball auf die Außenbahn, von wo immer wieder präzise Flanken in den Strafraum geschlagen wurden. So fiel auch das 3:0. Kruse flankte von rechts auf Hinterseer, der mit der Brust auf Weilandt ablegte. Der 26-Jährige schoss per Direktabnahme ins linke untere Eck (19.). Zwei Minuten später hatte Hinterseer erneut eine große Chance, schoss aber links am Tor vorbei.

Viel zu passiv in den defensiven Zweikämpfen, viel zu uninspiriert in der Offensive – FCI-Trainer Stefan Leitl musste reagieren und wechselte Robin Krauße für Marcel Gaus ein (27.). Dadurch rückte Galvao wieder auf die linke Abwehrseite und Benedikt Gimber in die Innenverteidigung. Erst in der Schlussphase des ersten Durchgangs zeigten die Schanzer wieder etwas Leidenschaft. Osayamen Osawe nahm den Ball gut mit (37.), spielte an der rechten Strafraumgrenze Tim Hoogland aus, seine flache Hereingabe war aber kein Problem für VfL-Keeper Riemann. Zwei Minuten später dribbelte sich Röcher in den Strafraum, aber auch er scheiterte.

Sportdirektor Vier auf die Tribüne verwiesen

 
Nach einer Gelben Karte für Ananou protestierte FCI-Sportdirektor Angelo Vier so vehement, dass er von Schiedsrichter Kempter auf die Tribüne geschickt wurde. In der zweiten Halbzeit war die Partie schnell für den VfL entschieden. Nach einem taktischen Foul sah Galvao in der 57. Minute die Gelb-Rote Karte. Den anschließenden Freistoß von Sebastian Maier konnte Marco Knaller geradeso parieren. Leitl musste umstellen, wechselte Phil Neumann für Röcher ein, gegen das bewährte Konzept der Bochumer blieben die Schanzer trotzdem machtlos. Kruse flankte von rechts, Hinterseer war fünf Meter vor dem Ingolstädter komplett frei und köpfte zum 4:0 (62.).

Ingolstadt zerfiel nun in alle Einzelteile. An der rechten Strafraumgrenze holte Ananou Ex-Schanzer Danilo von den Beinen, den fälligen Strafstoß verwandelte Hinterseer sicher (66.) links unten. Direkt im Anschluss wurde der Österreicher unter stehenden Ovationen des ganzen Stadions für Silvere Ganvoula ausgewechselt. Auch das halbe Dutzend Gegentreffer blieb den Schanzern nicht erspart. VfL-Neuzugang Lee brachte eine Ecke in den Strafraum, wo Losilla richtig stand und das 6:0 (79.) erzielte. In den letzten Spielminuten passierte nicht mehr viel.

Nach einem komplett verkorksten Start in die Partie liefen die Ingolstädter über 90 Minuten nur hinterher und hatten weder spielerisch noch kämpferisch dem druckvollen Pressing und dem Kurzpassspiel der Bochumer etwas entgegenzusetzen.
 
Die Spieler in der Einzelkritik.
 

Stimmen zum Spiel

Angelo Vier: Dem Spiel hat die Leidenschaft gefehlt. So ein Auftritt ist einfach nicht akzeptabel. Dabei geht es nicht um das Ergebnis, sondernd die Art und Weise, wie man sich hier präsentiert hat. Das hat nichts mit der Repräsentation unseres Vereins zu tun. Das müssen wir jetzt erstmal sacken lassen und dürfen nicht aus einer Emotion heraus reagieren. Wir werden das knallhart analysieren und die Konsequenzen daraus ziehen.

Stefan Leitl: Glückwunsch an den VfL für einen auch in dieser Höhe verdienten Sieg. Wir haben nach einem guten Spiel gegen Aue eine intensive und gute Länderspielpause inklusive Vorbereitung auf Bochum folgen lassen. Im Spiel war davon leider nichts mehr zu sehen. Positiv ist einzig: das nächste Spiel steht am Freitag an.

Robin Dutt: Entscheidend war der Start mit den Treffern, die uns auf die Siegerstraße brachte. Danach kamen sogar unsere Fehlpässe beim Mitspieler an, beim FCI funktionierte nichts mehr. Wichtig für beide Teams wird sein, das Ganze richtig einzuordnen. Auch ich habe schon solche Ergebnisse hinnehmen müssen.

Statistik

VfL Bochum: Riemann – Gyamerah, Hoogland, Leitsch, Danilo – Losilla, Tesche – Kruse, Maier (76. Lee), Weilandt (68. Sam) – Hinterseer (67. Ganvoula).
FC Ingolstadt: Knaller – Ananou, Matip, Galvao, Gaus (27. Krauße) – Gimber, Kerschbaumer – Pledl, Kittel (46. Benschop), Röcher (60. Neumann) – Osawe.

Schiedsrichter: Kempter (Stockach). - Zuschauer: 14.341. - Tore: 1:0 Hinterseer (4./Strafstoß), 2:0 Kruse (13.), 3:0 Weilandt (19.), 4:0 Hinterseer (62.), 5:0 Hinterseer (66./Strafstoß), 6:0 Losilla (79.). Sonstige Vorkommnisse: Gelb-Rote Karte: Galvao (57.). 

 

Kommentar von Norbert Roth

Der schwere  Abschied von Leitl
 

Der Gegensatz könnte kaum größer sein. Noch am Freitag hatte Cheftrainer Stefan Leitl erklärt, sein Team habe in der Vorbereitung auf das Bochum-Spiel außergewöhnlich gut trainiert und sich für sein Engagement die Bestnote 1 verdient. Gestern, im Ligaspiel beim VfL agierte die FCI-Elf dann tatsächlich rekordverdächtig – allerdings in negativer Hinsicht. Nach diesem 0:6, der höchsten Zweitliga-Niederlage des Klubs, muss deshalb die Frage gestattet sein, wie Leitl mit der Einschätzung seiner Mannschaft so weit daneben liegen kann. Hat der Trainer etwa eine Gruppe Schauspieler vor sich, die beim Auftritt regelmäßig versagen? Oder versucht Leitl den nach seinen Vorstellungen zusammengestellten Kader in der Öffentlichkeit besser zu machen, als er tatsächlich ist? Beides wäre fatal und würde für den weiteren Saisonverlauf nichts  Gutes erwarten lassen.

 
In der Realität präsentiert sich der FC Ingolstadt, der hinter den Branchen-Riesen Hamburger SV und 1. FC Köln immerhin den drittteuersten Kader der Liga ins Rennen schickt (Quelle: transfermarkt.de), nämlich weiter als unstrukturiertes Gebilde. Neben der oft ideenlos auftretenden Offensive ist die erschreckend anfällige Defensive dabei das größte Problem. Zwölf Gegentore in fünf Ligaspielen belegen, dass es Leitl und seinem Trainerteam in zwölf Wochen gemeinsamer Arbeit immer noch nicht gelungen ist, die dringend notwendige  Stabilität herzustellen. 
 
Somit ist es kein Wunder, dass die Zweifel an Leitl – mag er noch so sympathisch im Umgang sein – immer deutlicher zu vernehmen sind. Schließlich haben diese Unsicherheiten bereits in der Schlussphase der Vorsaison begonnen. Auch das Zusammenspiel mit Sportdirektor Angelo Vier, im Tagesgeschäft und bei der Kaderplanung Leitls rechte Hand, gehört auf den Prüfstand.
Sport-Geschäftsführer Harald Gärtner und der Aufsichtsrat des Klubs stehen ohne Zweifel vor einer schweren Woche. So bitter und schmerzhaft es aus Vereinssicht sein mag: Die Freistellung von Urgestein Leitl, aufgrund seiner Verdienste für den Klub ja eigentlich die Wunschlösung für den Trainerposten,  rückt jedenfalls immer näher. Sollten die Verantwortlichen diese Entscheidung nochmals hinauszögern, brauchen sie für ihre Fans inzwischen  schon eine verdammt gute Begründung.