Kabinettstückchen im Training: Sonny Kittel wagt sich unter Beobachtung von Trainer Jens Keller auch an die schwierigen Bälle.
Kabinettstückchen im Training: Sonny Kittel wagt sich unter Beobachtung von Trainer Jens Keller auch an die schwierigen Bälle.
Schultz
Alicante


Gleich fünf Golfplätze liegen in unmittelbarer Nähe zum Mannschaftshotel Real Club de Golf Campoamor. Die Region rund um Alicante/Spanien ist in den Wintermonaten ein beliebtes Urlaubsziel für Golfer, die an ihrem Handicap arbeiten wollen. Wenn man die spätsommerlichen Temperaturen an der Costa Blanca mit dem Schneechaos in der Heimat vergleicht, verwundert das nicht. Doch obwohl der hoteleigene Golfplatz im Trainingslager der Schanzer direkt vor der Nase liegt, wird Keller an seinem Handicap 12,7 nicht feilen.
"Bei diesem Wetter würde das einen schon reizen", spricht einerseits der passionierte Golfer im Ingolstädter Trainer. "Aber hier wird die Zeit nicht da sein", meint andererseits der fokussierte Chefcoach in ihm. Zwei Einheiten hat Keller jeden Tag - gestern Nachmittag war erstmals frei - angesetzt. Selbst wenn wie am Samstag die Athletiktrainer Jörg Mikoleit und Jan-Philipp Hestermann einmal das Sagen haben, beobachtet Keller alles bis aufs kleinste Detail und macht sich nebenbei mit Co-Trainer Thomas Stickroth Notizen über taktische Feinheiten.

FCI Trainingslager in Alicante


Wie schon bei seinem Dienstantritt im Dezember tritt der 48-Jährige auch in Alicante bestimmt auf, nimmt kein Blatt vor den Mund und fordert seinen Spielern alles ab. So muss sich Innenverteidiger Benedikt Gimber schon mal den Vorwurf gefallen lassen, warum er einen Pass in der Partie gegen Jahn Regensburg (1:2) nicht schon so gespielt habe wie jetzt im Training. Zudem bekommt Außenverteidiger Frederic Ananou zu hören, dass er in einer Übungsform "nicht Urlaub machen" soll. Keller, der als Profi bei 1860 München unter Werner "Beinhart" Lorant spielte, lebt unter der spanischen Sonne vor, was er von seiner Mannschaft verlangt: absolute Entschlossenheit, um im unerbittlichen Abstiegskampf zu bestehen.

Fotostrecke: Trainingslager FCI in Alicante 6.1.2019
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"Dass sie nicht das Bewusstsein für die Situation haben, wurde mir nach dem Regensburg-Spiel deutlich. Jeder weiß es, aber nicht jeder hat es mit allen Fasern des Körpers verinnerlicht", sagt Keller über das bisherige Mentalitätsproblem und berichtet, dass er seiner Mannschaft deshalb bereits nach der Niederlage im Donauderby eine klare Ansage mit auf den Weg gab. "Hier zieht jeder mit, aber entscheidend ist natürlich, wenn es um Punkte geht", ergänzt er 22 Tage vor dem Auftakt der Restsaison bei Greuther Fürth.
Damit die Schanzer ihre größte Baustelle beheben, soll auch an den bislang zwei Winterneuzugängen liegen. "Es ist wichtig, dass wir neben ihrer Qualität auch die Mentalität dazubekommen. Dass sie die Jungs mitziehen in unserer Situation. Dafür sind beide prädestiniert und richtig gute Typen", sagt Keller über Torwart Philipp Tschauner und Innenverteidiger Mergim Mavraj. Zudem setzt er neben Kapitän Almog Cohen auch auf Rückkehrer Christian Träsch, den er noch aus gemeinsamen Zeiten beim VfB Stuttgart kennt: "Er ist ein Spieler mit wahnsinnig viel Erfahrung und wahnsinnig viel Klasse. Er würde uns guttun, wenn er fit ist."

In den bisherigen Trainingseinheiten kam Träsch, der seit seinem Kreuzbandriss im Juli 2018 ausgefallen ist, im defensiven Mittelfeld zum Einsatz - und soll künftig helfen, die Defensivschwäche in den Griff zu bekommen. Mit 35 Gegentoren und noch keinem einzigen Pflichtspiel ohne Gegentor plagen die Schanzer schließlich große Abwehrsorgen - was freilich auch Keller erkannte und in den ersten Tagen in Alicante deshalb vorwiegend am Defensivverhalten arbeitete. "Wenn man erfolgreich sein will, muss man möglichst wenig Gegentore zulassen", stellt er fest. Jedem müsse bewusst sein, "dass wir gegen den Ball viel investieren müssen, um auch zu Null zu spielen. Vorne kommen wir immer zu Möglichkeiten, um ein Tor zu machen", referiert Keller auskunftsfreudig.

Etwas zurückhaltender wird der Vater zweier Söhne, wenn es um sein Privatleben geht. Das mag einerseits daran liegen, dass er vor allem bei seiner Station bei Schalke 04 (2012 bis 2014) nicht gerade gute Erfahrungen mit den Medien machte. Denn obwohl er den Bundesligisten zweimal bis ins Achtelfinale der Champions League führte, wurde er als Nachfolger des beliebten Huub Stevens nie wirklich akzeptiert. Andererseits ist Keller eben einfach in seinem Element, wenn er über seine wahre Leidenschaft reden kann. "Ich konnte mein Hobby zum Beruf machen. Ich bin durch und durch Fußballer", stellt er fest. Die Golfplätze rund um Alicante sind für ihn in diesem Moment ganz weit weg.