Authentisch
Will sich seine Eigenheiten bewahren: Trainer Michael Köllner (M) beim Training mit den Nürnberger Spielern.
Timm Schamberger
Nürnberg

Michael Köllner kann unkonventionell sein. Zum Beispiel gibt der Aufstiegstrainer des 1. FC Nürnberg seinen Spielern Lektüreempfehlungen. Im dpa-Interview spricht er über seinen inneren Kompass, einen besonderen Friedhofsbesuch und den Unterschied zwischen Menschen und E-Bikes.

Herr Köllner, hatten Sie schon einen Moment, in dem Sie sich als Erstligatrainer gefühlt haben?

Michael Köllner: Erstligatrainer ist man dann, wenn man in der Statistik ein Bundesligaspiel auf dem Konto hat, das ist bei mir noch nicht der Fall. Ich definiere meinen Trainerjob jedoch nicht über eine Ligen-Zugehörigkeit. Denn in der 2. Bundesliga im vergangenen Jahr war es für mich in der Arbeitsweise mit der Mannschaft und in meinem Empfinden nicht viel anders als in der Regionalliga oder in der Jugend-Bundesliga. Natürlich sind die Rahmenbedingungen ein bisschen anders, aber das Spiel bleibt vom Grundsatz her dasselbe.

Sie hatten kurz nach dem Aufstieg Zweifel an Ihrer Zukunft beim FCN geäußert, weil man in einem emotionalen Umfeld irgendwann mal „vom Hof gejagt“ werden könnte.

Köllner: Ich weiß, wie Vereine ticken. Ich weiß, wie unruhig so ein Umfeld am Ende sein kann. Ich habe 46 Jahre lang auch ohne Profifußball eine hohe Lebensqualität gehabt. Wenn ich das Gefühl habe, dass diese beeinträchtigt wird, dann verändere ich etwas. Warum soll ich mich geißeln lassen? Wenn ich das Gefühl habe, mir geht es schlecht, muss ich etwas verändern. Nur um dieses Amtes willen, nur um Bundesligatrainer zu sein, erdulde ich doch nicht alles. Da bleibe ich lieber daheim.

Sie müssen in ein paar Jahren also vielleicht gar kein Fußballtrainer mehr sein.

Köllner: Natürlich ist es toll und es gibt auch einen kleinen Kick, wenn in einem Stadion 50.000 Fans jubeln. Für mich ist aber das Größte an meinem Job, wenn ich jeden Tag mit meiner Mannschaft trainieren kann und mit jedem einzelnen Spieler an dessen Weiterentwicklung - als Spieler und auch als Mensch - arbeiten darf. Das ist völlig unabhängig von der Liga. Die Quintessenz besteht für mich darin, die Spieler besser zu machen. Wenn einer meiner Spieler nicht nur auf dem Fußballplatz, sondern auch drum herum als Typ reift, er in seiner Persönlichkeit stabiler wird und in seinem weiteren Leben einen Mehrwert haben wird, dann ist dies das Beste, das passieren kann und das völlig ligaunabhängig.

Sie versuchen den Horizont Ihrer Spieler zu erweitern, indem Sie ihnen Lektüre an die Hand geben und mit ihnen auch eher ungewöhnliche Orte aufsuchen. Warum waren Sie mit Ihrem Team im Trainingslager in Südtirol auf dem Friedhof in Villanders?

Köllner: Der Friedhof war der Einstieg, weil es diese Art der Anordnung der Kreuze auf der Welt kein zweites Mal gibt. Das Kreuz befindet sich am Fußende des Grabes, sodass du dem Toten nicht im Licht stehst, der Tote könnte also frei gen Osten zur Sonne schauen. Anschließend ging es in eine gotische Kirche, die dem heiligen Stephanus geweiht ist. Das war der erste christliche Märtyrer. Das heißt: Er ist für seine Überzeugung gestorben. Für uns ging es bei diesem Exkurs inhaltlich darum: Wo beginnt Überzeugung? Wo endet Überzeugung? Das war das Schlüsselelement für diesen Besuch, weil wir in der nächsten Saison auch eine hohe Überzeugung brauchen, sonst gewinnen wir in der Bundesliga nichts.

Eine Gedenktafel dort erinnert an die Toten im Dorf.

Köllner: Ich wünsche meinen Spielern, dass sie nie einen Krieg erleben müssen, so wie ich noch keinen Krieg erleben musste. Sich mal ein paar Minuten Zeit zu nehmen, sich dieser Sache bewusst zu werden, schadet niemandem, ohne dass es uns runterzieht. Ein Trainingslager ist wegen seiner sportlichen Qualität wichtig, aber es ist umso mehr wichtig wegen dieser dritten Trainingseinheit am Abend, weil wir uns mit unserem Herzen, unserer Seele, unserem Geist beschäftigen.

Wie sehr ist Ihre Mannschaft von sich überzeugt?

Köllner: Dazu würde ich nie Wasserstandsmeldungen abgeben. Der Leistungs- und Mannschaftssport basiert ganz stark auf Vertrauen. Das Vertrauen kann sehr groß sein, aber durch einen kleinen Faktor zerstört werden oder ins Wanken geraten. Beziehungen spielen in diesem Kontext eine ganz große Rolle. Wenn du eine Beziehung verletzt, sich zum Beispiel ein Spieler belogen fühlt, dann wird das Vertrauen unweigerlich darunter leiden. Du musst bei diesen Dingen jede Sekunde wachsam sein, dich ständig überprüfen. Wie kann dein Weg hier aussehen? Egal, was du machst, wenn du aus dem Herzen heraus handelst, ist es nie verkehrt.

Wie muss man sich bei Ihnen einen Mentalitätscheck vorstellen, wenn Sie neue Spieler verpflichten?

Köllner: Es ist viel Gefühlssache, viel Empathie, Kennenlernen, in die Augen schauen und hoffen, dass du in den Augen das Herz erblicken und sehen kannst, ob das Herz rein ist oder nicht. So einfach ist das. Warum willst du für den 1. FC Nürnberg spielen? Warum willst du von mir trainiert werden und nicht von jemand anderem? Wenn ich das herauskriege und es deckungsgleich mit dem ist, was wir beim Verein denken, dann machen wir das. Du hast aber keine Garantie, dass sich das nicht verändert.

Sie haben nach dem Aufstieg eine Reise nach Israel gemacht. War das wichtig, um Ihren inneren Kompass auszutarieren?

Köllner: Das wird der liebe Gott besser wissen, ob ich austarierter bin oder ob der Kompass verschoben worden ist. Ich wollte schon mein Leben lang nach Israel, es hat sich aus verschiedenen Gründen nicht ergeben. Wir sind in der vergangenen Saison überragend begleitet worden, da kann einer sagen, das ist ein kitschiges Glaubensding, ich glaube aber, dass im Leben nichts zufällig geschieht. Wenn ich in der Kabine der Mannschaft etwas sage, schlage ich kein Buch auf und lese daraus vor, sondern es kommt irgendwoher, das muss von irgendjemandem kommen. Ich glaube, dass zum rechten Zeitpunkt das Richtige kommt und dafür bedanke ich mich.

Konnten Sie etwas für Ihren Alltag mitnehmen?

Köllner: So etwas gibt dir ein Stück weit Kraft. Das war auch Thema bei uns: Was stellt für dich eine Kraftquelle dar? Der Mensch ist kein E-Bike, das du an ein Kabel anschließt, und dann zeigt dir der Akku, dass du vollgeladen bist und wieder zehn Stunden laufen kannst. Der Mensch sucht ja solche Steckdosen, die sind aber bei jedem unterschiedlich. Bei dem einen ist es Religion, bei dem anderen die Familie oder der Lebenspartner. Wenn jeder für sich einen guten Weg findet, dann muss er morgen nicht katholisch werden und jeden Morgen in die Kirche laufen. Wenn jeder für sich sagt: 'Das ist meine Kraftquelle, mit der komme ich gut klar', ob Meditation oder Yoga, dann ist das in der eigenen Persönlichkeit ein neuer Entwicklungsschritt.

Wie wollen Sie der höheren medialen Aufmerksamkeit in der Bundesliga begegnen?

Köllner: Meine Pressekonferenzen haben einen etwas anderen Touch als die der anderen Trainer, zumindest erzählen mir das die Leute. Ich will das auch so beibehalten, auch wenn mir zum Teil davon abgeraten wird. Ich bleibe so wie ich bin, ich ändere das auch in der 1. Liga nicht. Ich weiß, dass ich medial eine deutlich größere Wirkung habe, dass mein Wort deutlich mehr beachtet wird, deutlich mehr zitiert wird, das eine oder andere Mal auch aus dem Zusammenhang gerissen wird. Na und? Dann geht von zehnmal eben einmal etwas schief. Das halte ich aus. Wir halten an dem fest, was uns letzte Saison erfolgreich gemacht hat - und das betrifft auch das Thema Authentizität.

In der 2. Bundesliga mussten Sie sich mit Widerständen auseinandersetzen. Wie sind Sie damit umgegangen?

Köllner: Als ich damals die Mannschaft in der 2. Liga übernommen habe, hieß es: Man kann in der 2. Liga keinen technisch starken Fußball spielen, das lassen die anderen Mannschaften nicht zu. Man muss diese Art von Zweitligafußball spielen, um Erfolg haben zu können. Ich habe gefragt: Wo steht das geschrieben? Genauso: Wo steht es geschrieben, dass man eine Profimannschaft nicht mit einer eigenen Art der Menschenführung lenken kann? Ich beschäftige mich mit nichts anderem. Der Spieler auf dem Platz kann nur eine gute Leistung bringen, wenn er als Mensch in Ordnung ist. Und das muss ich auch leisten.

Kann ein schlechter Mensch gute Leistungen bringen?

Köllner: Bedingt. Die Frage ist, wie lange eine Mannschaft einen schlechten Menschen akzeptiert. Das wird genau dann nicht mehr funktionieren, wenn der Misserfolg eintritt. Die Spirale kannst du nicht mehr stoppen. Aber vorab muss man die Kriterien festlegen, was für einen gut und was schlecht ist. Diese Bewertung ist eine spannende Frage.

Hatten Sie den Fall, dass Spieler die Stimmung im Team hätten vergiften können?

Köllner: Was glauben Sie, warum wir im vorletzten und letzten Jahr den Kader verändert haben? Das hat nicht nur rein fußballerische Gründe gehabt, sondern es ging auch um die Gruppendynamik. Das hat nicht unbedingt etwas damit zu tun, dass derjenige an sich ein schlechter Mensch ist, sondern dass es für die Ziele, die man miteinander hat, einfach nicht mehr zusammenpasst.

Kann Ihrer Mannschaft, der Sie neue Horizonte eröffnen wollen, das Ziel Klassenerhalt genug sein?

Köllner: Ich habe das Ziel Klassenerhalt nicht ausgegeben. Das wird man aus meinem Mund auch nicht hören. Wir definieren uns nicht über einen Tabellenplatz. Wo steht für meine Spieler eine Beschränkung? Jeder Mensch kann für sich selbst Unermessliches erreichen, aber wenn er nicht daran glaubt, wenn er sich vorher schon reguliert, wird er es auch nicht schaffen. Ich bin nicht der Trainer, der seine Spieler in ihren Möglichkeiten einschränkt.

Welche Vorgabe geben Sie?

Köllner: Wir definieren uns über Leistung und Entwicklung. Wenn wir mit dem zufrieden sind, was wir an dem Wochenende geschafft haben und wir in den Spiegel schauen können, weil wir unser Bestes gegeben haben, wir in der jüngsten Vergangenheit neue Facetten erlernt haben, unser Fußballspiel besser geworden ist, dann können wir zufrieden sein. Leistung wird sich immer in einem Prozess und nicht in einer Einzelbetrachtung als Erfolg erweisen, dann wirst du immer gewinnen oder eine erfolgreiche Saison spielen, wo auch immer die liegen mag.

ZUR PERSON: Michael Köllner (48) hat den 1. FC Nürnberg im März 2017 als Nachfolger von Alois Schwartz übernommen. In der Saison darauf führte der Fußballlehrer aus Fuchsmühl in der Oberpfalz den „Club“ nach vier Jahren wieder in die 1. Bundesliga.