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Entwicklungshilfe in Sachen Football: Dukes-Quarterback Rick Webster im Interview

erstellt am 07.05.2015 um 22:09 Uhr
aktualisiert am 06.12.2018 um 12:22 Uhr | x gelesen
Schrobenhausen (dk) Von Indianapolis in den Altlandkreis Schrobenhausen: Rick Webster hat nun, zumindest für ein paar Monate, eine neue Heimat gefunden. Der 31-Jährige kam nach Oberbayern, um hier für die Ingolstadt Dukes in der Zweiten American-Football-Bundesliga zu spielen. Aber allein dabei bleibt es nicht.
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Rick Webster
Lässt sich den Spargel schmecken: Der neue Quarterback der Ingolstadt Dukes.
Roland Kaufmann
Also nach „Schweizer Art“, mit Käse überbacken. Und ja, Rick Webster scheint seine erste Portion Schrobenhausener Spargel tatsächlich zu genießen – mitten in Oberbayern, in einem schönen Traditionsgasthaus, unter einem riesigen Porträt von König Ludwig II. sitzend. „Es schmeckt wirklich vorzüglich“, sagt der 31-Jährige, das Ganze mit einem Kopfnicken nochmals verstärken wollend.
 

Seit Anfang März ist er nun hier, im weißblauen Freistaat – fernab seiner US-amerikanischen Heimat. Um eine Art Entwicklungshilfe in Sachen Sport zu leisten. Oder, um es ganz offiziell zu bezeichnen: als Quarterback der Ingolstadt Dukes in der Zweiten American-Football-Bundesliga Süd zu wirken. Quasi als „Hirn“ der „Herzöge“ auf dem Spielfeld. Als derjenige Akteur auf dem Platz, der mit seinen genialen Ideen beziehungsweise Pässen die Gegner in die Knie zwingen soll.
 

 

 

„Zugegeben, meine Sportart befindet sich in Deutschland noch in der Entwicklungsphase. Aber sie wächst rapide – und ich glaube, dass hier sogar der beste American Football in ganz Europa gespielt wird“, sagt Webster. Weil er das irgendwie sagen muss, weil es sich positiv anhört? „Nein“, antwortet er sofort mit einem freundlichen Lächeln, aber auch sehr bestimmt: „Ich war ja schließlich schon vor ein paar Jahren hier. Also weiß ich, wovon ich rede.“ Stimmt. Genauer ausgedrückt von Anfang 2008 bis 2009 war der Quarterback schon einmal über den Großen Teich gekommen – um für die Langenfeld Longhorns in der 2. Bundesliga Nord für Yardgewinne beziehungsweise Touchdowns zu sorgen. Für einen Klub also in der Nähe von Düsseldorf, irgendwo im Rheinland. „Dort war’s zwar auch schön, aber in Bayern ist’s noch schöner“, so der 31-Jährige schmunzelnd: „Außerdem ist hier jetzt das Bier besser – sowie billiger.“

Sagt’s und nimmt einen kräftigen Schluck Radler – weil man zu Spargel „Schweizer Art“ eben auch etwas Schmackhaftes trinken muss. Hier in Schrobenhausen mit seinen rund 16 000 Einwohnern – und damit zirka 814 000 weniger als Indianapolis, Websters Heimatstadt. Oberbayerische Provinz statt Metropole im Nordosten der USA, viele landwirtschaftliche Felder statt Wolkenkratzer: Es wäre nicht jedermanns Sache. Webster hingegen betont immer wieder, wie sehr es ihm schon jetzt hier gefalle.

Hier, das bedeutet ganz genau ausgedrückt: in Hohenwart im Altlandkreis Schrobenhausen. Dort nämlich wohnt der 31-Jährige seit Anfang März – als Untermieter bei Markus Gmeiner, dem Gründungsmitglied sowie langjährigen Kicker der Dukes. Beziehungsweise er hat dort sofort einen guten Kumpel gefunden, mit dem er über Gott und die Welt quatschen kann, mit dem Trainingsläufe sogar den berüchtigten Klosterberg hinauf möglich sind – und der ihm auch bei irgendwelchen verwaltungstechnischen Dingen sehr gut helfen kann.

Trotzdem ist Hohenwart weiterhin nicht Indianapolis. „Egal. Mir wird es trotzdem nicht langweilig“, versichert Webster: „Ich kann ja einkaufen gehen beziehungsweise per Auto oder Mountainbike die Gegend kennenlernen.“ Was er besonders gerne mache? Da muss der 31-Jährige nicht lange überlegen: „Bei schönem Wetter in Schrobenhausen Kaffee trinken gehen und draußen sitzend die deutsche Kultur mit der US-amerikanischen vergleichen. Aber das mit dem schönen Wetter ist in Bayern leider so eine Sache: Erst ist es warm, und nur kurze Zeit später hat man hier den größten Sturm – einfach verrückt.“ Ja, für einen kurzen Augenblick verschwindet nun tatsächlich das freundliche Lächeln aus Websters Gesicht, verwandelt sich in ein verständnisloses Kopfschütteln. Allerdings nur für einen ganz kurzen.

Dieser 31-Jährige ist wirklich ein angenehmer Zeitgenosse. Sowie ein Mann, der im Laufe seines Lebens bereits viel erreicht hat. Nein, Webster spielt aktuell nicht deswegen American Football in Deutschland, weil er damit eine Menge Geld verdienen muss beziehungsweise möchte – sondern weil ihm der Sport an sich viel Spaß macht. Und weil er zudem einfach Lust dazu hat, über dem „Großen Teich“ neue Freundschaften zu gewinnen. Zu Hause, in Indianapolis, läuft zur gleichen Zeit sein eigenes Fitnessstudio sehr erfolgreich weiter – mit mehreren Mitarbeitern, mit zahlreichen prominenten Kunden.

„Der Spargel schmeckt einfach ausgezeichnet“, wirft der 31-Jährige wieder ein. Wieder freundlich lächelnd. Also reden wir erneut über das Edelgemüse. „Ich habe es sehr wohl auch schon mal in den USA gegessen“, verrät Webster – um dann nachdenklich zu ergänzen: „Aber ich dachte, dass das damals grün gewesen sei.“

Neben ihm im schönen Traditionsgasthaus sitzt übrigens Eugen Haaf in diesem Moment. Der Headcoach der Ingolstadt Dukes also. Auch er hat sich für Spargel nach „Schweizer Art“ entschieden, auch er hat ein Radler zum Trinken vor sich – und auch er wirkt gut gelaunt. „Rick ist ein absoluter Glücksgriff für uns, er tut uns menschlich sowie sportlich extrem gut“, so seine Einschätzung. Gerade nach den ersten beiden Saisonpartien, in denen Webster die „Herzöge“ zu einem furiosen 52:0 bei den Munch Rangers sowie einem beeindruckenden 47:0 bei den Holzgerlingen Twister geführt hatte, dürfte tatsächlich niemand mehr widersprechen.

Aber weshalb nun ausgerechnet die Ingolstadt Dukes? „Weil mir ihr Konzept von Anfang an gefiel. Sie nahmen im Winter Kontakt mit mir auf, erzählten von sich sowie von ihrer Siegesserie in der vergangenen Saison – da war für mich ganz schnell klar, dass ich heuer bei ihnen tatkräftig mithelfen möchte“, so Webster.

Dass sich der American-Football-Sport in Deutschland seit 2009, seit seiner Zeit in Langenfeld, deutlich zum Positiven verändert hat – der mittlerweile 31-Jährige betont es immer wieder: „Ja, es gibt hier sehr gute Athleten – und es hat sich einiges zum Guten getan.“ Allerdings würde laut Webster noch mehr gehen: „In den USA ist es üblich, fünf- bis sechsmal pro Woche zu trainieren – hier in der Zweiten Bundesliga gibt es dagegen nur zwei Einheiten pro Woche. Das ist schon ein ganz gewaltiger Unterschied.“

Dass er als Quarterback der Gejagte auf dem Spielfeld ist, dass ihn die gegnerischen Teams liebend gerne aus dem Match nehmen würden – für den 31-Jährigen weiterhin absolut kein Problem. Sein Leitspruch: „Wer zuerst nachdenkt und abbremst, der verliert sowieso.“

Punkt. Themenwechsel. Beziehungsweise der nächste Bissen Spargel. „Einfach wunderbar“, sagt Webster nun dazu. Er, der in Bälde auch als Englischlehrer für eine Sprachenschule in Ingolstadt arbeiten wird – einerseits, um sich ein paar Euro als Taschengeld zu verdienen, und andererseits, „um Spaß bei einer sehr wichtigen Tätigkeit“ zu haben.

Die Zweitligasaison der Dukes dauert noch bis Anfang September. Und dann sofort wieder zurück Richtung Indianapolis? „Das ist noch nicht gesagt“, antwortet Webster: „Ich kann mir, mit Stand jetzt, durchaus gut vorstellen, sogar etwas länger in Deutschland zu bleiben.“ Der „European Lifestyle“, die „besondere Trennung hier zwischen Arbeit und Freizeit“, habe es ihm ein Stück weit angetan. Und ja, natürlich plane er in den nächsten Wochen sowie Monaten auch den einen oder anderen Sightseeing-Trip. Die Königsschlösser sowie alle historische Plätze stünden hierbei ganz oben auf der Liste. „Das Hofbräuhaus habe ich zwar bereits gesehen, aber ich will auch München noch besser kennenlernen“, verrät der 31-Jährige lächelnd: „Und Skifahren in den Alpen sollte bitte schön ebenfalls noch sein, allerdings erst nach der American-Football-Saison.“

Die Sache mit dem Spargelessen hat er dagegen nun schon erledigt. Mit Bravour.

Roland Kaufmann
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