Leonhard Pföderl ist einer von den Spielern, die schon vergangene Saison in Nürnberg waren. Einer von wenigen Spielern. "Es ist ja alles neu", sagt der 25-Jährige. "Was weiß ich wie viele neue Spieler. Es hat sich so viel getan bei uns." Ein Umbruch, und was für einer. Und der muss irgendwie gelingen. "Wie das genau klappen kann, das weiß ich ehrlich gesagt auch nicht", sagt Pföderl, der Schweiß läuft ihm über das Gesicht.

Es ist aber kein Angstschweiß vor lauter Zukunftssorgen, der sich unter Pföderls Helm seinen Weg bahnt, es ist die knapp zweistündige Trainingseinheit zuvor, die den Stürmer zum Schwitzen bringt. Immer wieder wurden Angriffs- und Abwehrsituationen trainiert. Volles Tempo, wenig Verschnaufpausen, dauernd angetrieben durch das "Go!" von Trainer Kevin Gaudet. Auch er ist neu in Nürnberg. Sieben Jahre lang betreute der Kanadier zuletzt die Bietigheim Steelers in der Zweiten Liga - und das höchst erfolgreich. In den vergangenen sechs Jahren kamen die Steelers immer mindestens ins Halbfinale. "Nach so vielen Erfolgen - dreimal Meister und nicht aufgestiegen, obwohl man das müsste - habe ich mich entschieden, eine neue Aufgabe zu übernehmen" sagt er.

Und diese Aufgabe hat es in sich. Ein Dutzend Profis hat den Verein verlassen. Darunter langjährige Führungsspieler wie David Steckel, Yasin Ehliz oder Steven Reinprecht. Dafür sind genauso viele neu dazugekommen, die Hoffnungen ruhen auf den kanadischen Offensivkräften Will Acton, Ex-Ingolstädter Brandon Buck und Jason Bast. Gestern legte Nürnberg aufgrund von Verletzungsproblemen noch mal nach: Der ehemalige Kölner Verteidiger Shawn Lalonde und Stürmer Chad Bassen aus Iserlohn erhielten Verträge bis zum Saisonende.

Veränderungen gab es aber nicht nur auf, sondern auch neben dem Eis. Durchaus überraschend und wohl nicht ganz ohne interne Differenzen trennten sich die Ice Tigers von Geschäftsführer Christoph Sandner - sein Nachfolger ist Wolfgang Gastner, ein Mann mit Stallgeruch, der lange Zeit Pressesprecher und Moderator des Klub-TV war. Und weil Trainer Rob Wilson die Chance nutzte, einen Trainerjob in seiner Heimat anzunehmen, war der Umbruch auf allen Ebenen perfekt, obwohl die vergangenen Jahre mit drei Halbfinal-Teilnahmen in Folge erfolgreich verliefen.

Diese neue Situation beeinflusst natürlich die Erwartungshaltung. "Ich glaube, wir sollten echt schauen, dass unser Ziel bleibt, dass wir die Top Sechs erreichen", sagt Pföderl, "die Mannschaften in der DEL sind so ausgeglichen, da sind ja sechs oder sieben Mannschaften, die sich nichts nehmen." Das klassische Ziel, die Play-offs zu erreichen. Der Start verlief schon vielversprechend. Von den ersten vier Spielen in der Champions Hockey League gewannen die Nürnberger drei. Zweimal gegen Mountfield HK aus Tschechien, zudem das Heimspiel gegen Kärpät Oulu aus Finnland - und das bei der ersten Champions-League-Teilnahme der Vereinsgeschichte. Es sind die ersten Früchte der Trainingsarbeit. "Anfangs war es sehr hart und intensiv", sagt Pföderl. Doch nicht nur an der Physis wurde viel gearbeitet. "Der Trainer ist in eine ganz neue Mannschaft gekommen, da ist schon viel Taktik dabei. Man muss es verinnerlichen und oft durchgehen."

Der personelle Umbruch fällt außergewöhnlich groß aus, für Coach Gaudet spielt das aber keine Rolle: "Ich habe so viele verschiedene Mannschaften gehabt. Ich habe mein System, egal ob 23 Spieler neu sind oder zehn." Wie dieses System aussieht? Klar, ohne Defense könne man im Eishockey nicht erfolgreich sein. Aber: "Ich bin jemand, der will, dass alle fünf Spieler versuchen in den Angriff zu kommen." Stürmer Pföderl ist angetan: "Viele Pässe, der Trainer schaut auf technische Sachen."

Doch nicht nur Gaudets Spielstil ist offensiv. Schließlich beschreibt sich der 54-Jährige selbst als kommunikativen Typ. Dem Magazin "Eishockey News" sagte der Kanadier: "Kommunikation steht für mich an erster Stelle." Auch in dieser Trainingseinheit ist Gaudet überaus aktiv. Er sucht die Einzelgespräche mit Spielern und kommentiert die Übungen, die er häufig selbst mit einem Pass einleitet. Die Trillerpfeife immer zwischen den Lippen, nur für längere Ausführungen an der Taktiktafel nimmt er sie aus dem Mund.

Der Kanadier genießt es, nach zwölf Jahren wieder in der DEL zu sein, weiß aber auch zm den Druck und die hohen Ansprüche in Nürnberg: "Rob Wilson hat große Fußstapfen hinterlassen, die ich ausfüllen muss." Gaudet war bei all seinen Trainerstationen mehrere Jahre beschäftigt. Ist er deshalb der ideale Mann für diesen Umbruch? Nicht deswegen, findet er, sondern weil er immer gewinnen will. "Als Trainer ist Erfolg alles, sonst bleibst du nicht lange."

Und deshalb ist die Antwort auf die Frage nach dem Rezept für einen erfolgreichen Umbruch: Arbeit. "Ich will unbedingt alles wissen über meine Spieler", sagt Gaudet. "Man merkt, er möchte alles, was irgendwie in der Mannschaft drin ist, herauskitzeln", sagt Pföderl. Als die Ice Tigers in Finnland 3:9 verloren, wurden sie von den mitgereisten Fans trotzdem gefeiert. Eine offensive Spielweise bringt Sympathien, ein gesundes Arbeitsethos eines ehrgeizigen Trainers und einer fleißigen Mannschaft Erfolg - Zusammenhalt in und um die Mannschaft dürfte aber die wichtigste Zutat für eine neue, erfolgreiche Nürnberger Mannschaft sein. "Wir müssen schauen, dass wir zusammenwachsen", sagt Pföderl. "Dann, glaube ich, sind wir schon eine ganz gute Truppe."
 

DIE MANNSCHAFT

TOR
Niklas Treutle, Andreas
Jenike, Florian Proske (Adler Mannheim). 

ABWEHR
Taylor Aronson, Brett
Festerling,  Tom Gilbert, Milan Jurcina,  Oliver 
Mebus, Colten Teubert,  Marcus Weber,  Tim 
Bender (Schwenningen), Eric Stephan (Löwen 
Frankfurt/DEL2), Shawn Lalonde (Kölner Haie).

ANGRIFF
Eugen Alanov, Philippe Dupuis, Dane Fox, 
Leonhard Pföderl, 
Patrick Reimer, Petr 
Pohl, Brandon Segal, Brandon Buck (Vienna Capitals/AUT),  Will 
Acton (Schwenningen), Chris Brown (Iserlohn Roosters), Jason Bast 
(Pinguins Bremerhaven),  
Maximilian Kislinger (Flint Firebirds/OHL), 
Luca Gläser (Bayreuth 
Tigers/DEL2), Daniel Weiß (Düsseldorfer EG), Mike Mieszkowski 
(Krefeld Pinguine), 
Chad Bassen (Iserlohn).

TRAINER
Kevin Gaudet. 

(bei Neuzugängen letzter Verein in Klammern).