ERC Ingolstadt vs Duesseldorfer EG am 28.12.2018, Spieltag 33
Chef-Trainer Doug Shedden (ERC Ingolstadt) mit Assistenztrainer Tim Regan (ERC Ingolstadt) im Gespraech beim Spiel ERC Ingolstadt vs Duesseldorfer EG am 28.12.2018, Foto: Oliver STRISCH / st-foto.de
Oliver Strisch
Ingolstadt
Herr Shedden, im August 2013 waren Sie als Trainer des EV Zug erstmals in Ingolstadt zu Gast. Das Spiel im Rahmen der European Trophy gewann der ERC mit 4:0. Hätten Sie sich damals vorstellen können, irgendwann einmal Trainer der Panther zu sein?

Doug Shedden: Natürlich nicht. Aber ich erinnere mich an diese Reise. Wir sind im Enso-Hotel abgestiegen, und einige aus unserem Tross haben einen Spaziergang in die Stadt unternommen. Mein Eindruck von Ingolstadt war positiv. Das Ergebnis hätte ich aber nicht mehr gewusst.


Sie haben seit Ihrem Wechsel zum ERC 54 Hauptrundenspiele bestritten und gute 94 Punkte geholt. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Shedden: Es dauert seine Zeit, die Liga, die Spieler und die gegnerischen Trainer kennenzulernen. Insgesamt ist es ziemlich gut gelaufen. Gegen Ende der vergangenen Saison hatten wir einen Wahnsinnslauf und sind von Platz elf noch auf vier geklettert. Wir hatten allerdings Pech mit unserem Viertelfinalgegner in den Play-offs. Ich denke, dass wir gegen jedes andere Team außer Mannheim bessere Chancen gehabt hätten, denn die Adler waren mit uns das heißeste Team. Das Aus war enttäuschend. In dieser Saison hatten wir einen tollen Start. Von diesem Weg sind wir ein bisschen abgekommen, ehe es zuletzt wieder gut lief. Es war ein schönes Jahr.


Sie haben in Ihrer aktiven Karriere mit einigen der besten Eishockey-Profis der Geschichte in der NHL zusammengespielt: Ron Francis, Mario Lemieux oder Steve Yzerman. Waren Sie einer derjenigen, die schon als Spieler wie ein Trainer dachten?

Shedden: Ja, aber das fing nicht erst an, als ich Profi wurde. Das begann schon als Kind, als ich die Daten auf meinen Eishockey- Sammelkarten angeschaut habe. Wo die Spieler geboren sind, wie alt sie sind, welche Statistiken sie haben. Mein ganzes Leben drehte sich um Eishockey. Ich war ständig draußen, habe auf Seen gespielt, auf zugefrorenen Tennisplätzen und Straßen. Das war manchmal nicht so einfach mit den Autos (lacht). Man wusste die Telefonnummern von 30 Freunden auswendig. Wenn wir spielen wollten, haben wir alle angerufen. So sind wir aufgewachsen.


Und später als Profi?

Shedden: Als Torjäger habe ich immer die Torhüter beim Aufwärmen beobachtet. Die Spieler wollen vor ihren Freundinnen gut aussehen, deswegen schießen sie immer auf die Schwachstellen ihrer Torhüter. Auch die Abwehrspieler habe ich studiert. Ich glaube, dass ich früh wie ein Trainer gedacht habe. Ich hatte keine Ausbildung und konnte nicht als Anwalt oder Arzt arbeiten. Da Eishockey meine große Liebe war, wurde mir schnell klar, dass ich dem Spiel nach meiner Karriere treu bleiben möchte. Da war Trainer das Naheliegendste. Für mich ist das gar keine Arbeit. Ich bin noch nie aufgewacht und habe gedacht: Mist, ich habe keine Lust, in die Eishalle zu fahren. Ich denke eher: Hey, du bekommst sogar Geld dafür! (lacht)


Was ist nötig, um wie Sie mehr als 25 Jahre als Trainer im Geschäft zu bleiben?

Shedden: Wenn man glaubt, alles zu wissen und alles gesehen zu haben, sollte man besser aufhören. Man hört nie auf zu lernen. Und man muss jung bleiben. Zu Beginn haben meine Frau und ich mit den Spielern abgehangen, weil wir alle im selben Alter waren. Inzwischen könnte ich Tim Wohlgemuths Großvater sein (lacht). Man muss wissen, wie diese Kerle ticken und wie man sie anfasst. Es ist eine ganz andere Zeit. Früher gab es keine Computer und Handys, und jetzt wachsen die Kinder mit einem Bildschirm vor der Nase auf. Ich sage nicht, dass das schlecht ist, aber die persönliche Kommunikation ist nicht unbedingt ihre Stärke. Damit muss man umgehen.


Sie haben erfolgreich in Finnland und der Schweiz gearbeitet. Dazu waren Sie für den stets vom Hauch der Pleite umwehten Klub Zagreb in der russisch geprägten KHL tätig. War das die größte Enttäuschung Ihrer Trainerkarriere?

Shedden: Es war eine gute Erfahrung, denn ich habe ganz Russland kennengelernt und weiß seitdem, wo ich als Rentner nicht leben möchte. Wir wurden nicht bezahlt, der Klub schuldet mir immer noch Geld. Das war das Negative. Aber das Eishockey in dieser Liga war großartig. Ich war nur im falschen Klub. Aber auch daraus kann man lernen.


Seit Sie die unterklassigen Ligen Nordamerikas verlassen haben, coachen Sie ausschließlich in Europa. Sind Sie enttäuscht, dass Sie nie eine Chance in Ihrer Heimat bekommen haben?

Shedden: Als Trainer des Farmteams der Toronto Maple Leafs hatte ich eine gute Bilanz, doch die Möglichkeit, in die NHL aufzusteigen, hat sich zerschlagen. Als ich 2008 mit Finnland WM-Bronze gewann, dachte ich, dass das meine Chance ist. Aber es hat sich nichts ergeben. In diesem Geschäft kommt es sehr stark auf die Siege-Niederlagen-Bilanz an, und meine ist ziemlich gut. Als Trainer habe ich mehr als 1000 Spiele gewonnen. Ich bin schon in gewisser Weise enttäuscht. Auf der anderen Seite haben meine Töchter die Möglichkeit gehabt, in Finnland und der Schweiz aufzuwachsen. Wir hatten eine tolle Zeit in Europa und haben viele schöne Orte kennengelernt.


Im Frühjahr 2014 hatten Sie an Ihrem 53. Geburtstag einen Herzinfarkt. Wie hat das Ihre Sicht auf die Dinge verändert?

Shedden: Ich bin jeden Tag sechs Meilen auf dem Laufband gelaufen, und plötzlich schaffte ich nicht mal mehr eine. Beim Schuhebinden geriet ich außer Atem, war ständig müde. Ich dachte, dass ich alt werde, aber mein Körper sendete mir Signale. Es hat trotzdem bis April gedauert, als ich diese Schmerzen in der Brust bekam. Ich fuhr ins Krankenhaus, wo mir der Arzt eröffnete, dass ich einen Herzinfarkt hätte. Ich sagte, dass ich eine zweite Meinung will und wollte gehen. Der Arzt sagte: Wenn Sie jetzt gehen, sterben Sie auf dem Parkplatz. Eine Arterie war zu 98 Prozent blockiert. Ich bin glücklich, dass ich noch hier bin. Heute fühle ich mich großartig, ich habe keine Rückschläge erlitten. Ich mache mir darüber keine großen Sorgen.


Seit einigen Wochen sind Sie Großvater. Sie haben Ihr Enkelkind bislang nur per Videochat gesehen. Schmerzt es nicht, von der Familie getrennt zu sein?

Shedden: Ich war mein ganzes Leben lang auf Achse. Es ist traurig, aber ich kann damit umgehen. Wenn die Saison vorbei ist, werde ich so schnell wie möglich nach Hause reisen.


Auch Ihre Frau lebt in Florida.

Shedden: Ein Hurrikan hat unser Heim verwüstet, und es wird gerade komplett renoviert. Dazu muss sie dort sein, wegen der Handwerker. Außerdem hat sie ein Händchen für Inneneinrichtung und Dekoration. Das ist der einzige Grund, warum sie nicht immer da ist. Nächstes Jahr wird sie die ganze Saison hier sein.


Das heißt, dass Sie ein weiteres Jahr in Ingolstadt bleiben?

Shedden: Wir werden sehen. Es liegt ja nicht nur an mir.


Stimmt es, dass sich Ihr Vertrag bei einer Top-Sechs-Platzierung um ein Jahr verlängert?

Shedden: Ja, wenn wir unter die besten Sechs kommen.


Des Geldes wegen müssten Sie nicht mehr arbeiten.

Shedden: (lacht) Das weiß ich nicht. Zwei meiner Töchter gehen noch aufs College. Was ich weiß: Bis zu meiner Rente ist es noch ein bisschen hin. Ich will diesen Job auf jeden Fall noch ein paar Jahre machen.


Es gibt Gerüchte, dass die Nürnberg Ice Tigers Sie gerne künftig als Trainer hätten.

Shedden: Es ist genau das: ein Gerücht. Niemand aus Nürnberg hat mich kontaktiert. Es ist also zu 100 Prozent eine Spekulation.


Wie lautet die Marschroute für die letzten 15 Hauptrundenspiele mit den Panthern?

Shedden: Mit den vergangenen vier, fünf Spielen bin ich sehr zufrieden. Siege müssen uns motivieren, nicht Niederlagen oder Rückstände. Wir wollen hart trainieren, wir wollen Konkurrenzkampf, und diese Einstellung müssen wir in die Spiele tragen. Die Pre-Play-off-Teilnahme bräuchte ich persönlich nicht, aber ein Weltuntergang wäre das auch nicht. Wir wollen aber so weit nach oben wie möglich.

Das Gespräch führte

Alexander Petri.