Bayern München - Borussia Dortmund
Der FC Bayern hatte gegen Borussia Dortmund im März 2018 nicht nur einmal Grund zum Jubeln.
Andreas Gebert (dpa)
München

Ausgangslage und aktuelle Form

BVB: Am  31. März 2018 kassierte  Borussia Dortmund die höchste Bundesliga-Niederlage seit 26 Jahren. Der BVB wurde vom FC Bayern bei der 0:6-Niederlage in München gedemütigt, schon zur Pause stand es 0:5. „Wir haben uns wehrlos ergeben“, schimpfte Sportchef Michael Zorc. Acht Monate später haben sich die Vorzeichen vollends geändert: Die Dortmunder stehen an der Tabellenspitze und  sind als einzige Mannschaft in der Fußball-Bundesliga noch ungeschlagen. Auch in der Champions League begeistern sie  mit ihrer Spielweise und führen die Tabelle trotz der 0:2-Niederlage gegen Atlético Madrid unter der Woche an. Mit  Lucien Favre scheint dem BVB wieder einmal ein Trainer-Glücksgriff gelungen zu sein.  „Lucien hatte vom ersten Tag an eine klare Vision, wie diese Mannschaft Fußball spielen soll“, berichtet  Zorc. „Die Mannschaft ist ihm komplett gefolgt und vertraut ihm.“ Das bislang letzte Mal besiegten die Westfalen die Münchner im April 2017, als der BVB im Halbfinale des DFB-Pokals mit  3:2 gewann.

FCB: Ganz klar: Favorit seien sie diesmal nicht, das betonen die Verantwortlichen des FC Bayern seit Tagen unermüdlich. „Wir fahren nicht als Favorit nach Dortmund, sondern als Außenseiter zum ersten Mal seit langer Zeit“, sagt Präsident Uli Hoeneß. Mit vier Punkten Rückstand auf  Dortmund  stehen die Münchner derzeit  auf dem dritten Tabellenplatz. Mit einem Sieg wären sie  wieder ganz nah dran am BVB, bei einer Niederlage wären es bereits sieben Zähler Rückstand.  „Ich denke positiv und gehe davon aus, dass wir das Spiel nicht verlieren. Sieben Punkte wären natürlich viel, ein Punkt wäre wenig“, sagt Trainer Niko Kovac. Die Bayern schaffen es unter ihrem neuen Trainer zuletzt nicht mehr, ihre Spiele zu dominieren. Zuletzt gab es in der Bundesliga nur ein 1:1 gegen den SC Freiburg,  und auch in der Champions League konnte der FCB  trotz des 2:0-Sieges gegen AEK Athen nicht überzeugen. Sechseinhalb Jahre ist es her, dass  die Münchner  als Verfolger nach  Dortmund kamen – am Saisonende mussten sie dem BVB zur Meisterschaft gratulieren.

 

Mannschaft und Taktik

Vorbereitung
Dortmunds Trainer Lucien Favre (hinten rechts) bereitet sich mit seinen Spielern vor.
Bernd Thissen
München
BVB: Die Mischung macht’s: Etablierte Stars wie Marco Reus spielen in Höchstform,  Supertalente wie  Jadon Sancho, Christian Pulisic, Jacob Bruun Larsen, Abdou Diallo  und Dan-Axel Zagadou  begeistern die Liga, und Neuzugänge wie Axel Witsel und Paco Alcácer haben voll eingeschlagen. Über all dem steht   Taktikfuchs Lucien Favre. „Ob wir gewinnen oder verlieren, wir lernen immer“, sagt der akribische Trainer, der mit Dortmund derzeit so etwas wie der Gegenentwurf der Bayern ist: Mit kontrolliertem  Tempofußball stürmt die Borussia durch die Liga. Favres Team lässt den Gegner in den ungefährlichen Räumen recht unbehelligt,      verteidigt rund um das eigene Tor jedoch extrem konsequent.  Nach Ballgewinn wird meist über die Flügel  angegriffen. „Unsere jungen Spieler bringen ein bisschen Wahnsinn in unser Spiel, und dieser Wahnsinn kann unglaubliche Dinge auf dem Platz auslösen“, sagt Witsel. Der BVB muss ohne Marcel Schmelzer auskommen und hofft  auf eine Rückkehr von   Diallo (Adduktorenzerrung).   Torwart Roman Bürki ist wohl wieder fit.

FCB: Während zur Dortmunder Mannschaft die Attribute jung und energiegeladen passen, sind es in München Erfahrung und Routine.  Niko Kovac hofft darauf, dass seine Spieler besser als der Gegner mit dem Erfolgsdruck umgehen können. „Der FC Bayern ist in solchen Spielen ganz groß. Ich bin überzeugt, dass wir unseren Mann stehen“, sagt der Trainer.    Zwischen Erfahrung und Überalterung liegt jedoch nur ein schmaler Grat: Mit einem Durchschnitt von  27,3 Jahren hat der FC Bayern den ältesten Kader der Bundesliga, zudem ist er mit 23 Spielern der kleinste der Liga. Kovacs Taktik ist deutlich unflexibler und defensiver als Favres, was häufig zulasten von Kreativität und Tempo im Angriffsspiel geht. Dementsprechend harmlos präsentierten sich die Bayern zuletzt. Die Münchner müssen auf Arjen Robben verzichten, der Mittelfeldspieler hatte schon  am Mittwoch in der Champions League     wegen einer Knieblockade ausgesetzt. Zudem fehlen die  Langzeitverletzten Thiago, Corentin Tolisso und Kingsley Coman.
 
 

Das sagen die Verantwortlichen

BVB: Für Michael Zorc ändert die  Tabellensituation nichts an der Favoritenrolle. „Die Bayern haben zehn Punkte in der Champions League und wurden in den vergangenen sechs Jahren deutlich Deutscher Meister –  das sind die Fakten“, sagt der Sportdirektor. Sein Trainer stapelt ebenfalls tief: „Bayern bleibt Bayern! Wir müssen eine Top-Leistung bringen“, meint Lucien Favre, der verschmitzt grinsend das  simple Erfolgsrezept der Dortmunder umschreibt: „Clever verteidigen und intelligent angreifen.“ Die Statistik gibt den BVB-Verantwortlichen recht: Vor dem 99. Liga-Duell beider Teams liegen die Bayern mit 45 Siegen deutlich vorn, 24-mal siegte der BVB. Von den aktuellen Bundesliga-Trainern hat allerdings nur Hoffenheims Julian Nagelsmann eine bessere Bayern-Bilanz als Favre.

Bayern-Spitze
Uli Hoeneß (r) und Karl-Heinz Rummenigge hatten zum verbalen Rundumschlag ausgeholt - Trainer Niko Kovac verteidigten sie zuletzt.
Swen Pförtner
München
Auf dem Platz müssen die Bayern derzeit mehr kämpfen als sonst, und auch daneben gibt es immer wieder Wirbel: Denkwürdige  Pressekonferenzen, Trainerkritik  einer Spielerfrau,  Berichte über  einen Ausstieg aus der Bundesliga des „Spiegel“, gegen den Präsident Uli Hoeneß nun rechtlich vorgehen will.   Nach einem furiosen Start mit sieben Siegen wird  die Luft  für  Niko Kovac mittlerweile dünn,  bei einer Niederlage gegen Dortmund droht weitere Unruhe. „Ich spüre keinen Druck“, beteuert   der Trainer jedoch. Die Meisterschaft haben die Bayern längst nicht abgeschrieben, Tiefstapeln aber gehört seit Kurzem zum Münchner Credo.  „Wenn die Dortmunder am Ende oben sind, bin ich der Erste, der gratuliert“, sagt Hoeneß. „Aber bis das passiert, werden wir noch ganz schön Gas geben.“