Kurz vor dem Start: vorne in schönstem himmelblau die Curbs, über die Fahrer oft räubern.
Oliver Konze
Hockenheim
Herr Rast, hätten Sie sich nach gut der Hälfte der Saison noch vorstellen können, dass Sie im letzten Rennen noch Titelchancen besitzen?
Rene Rast: Das war immer das Ziel, das hat man immer vor Augen. Wir haben gewusst, wenn alles gut läuft, können wir die Meisterschaft offen halten.
 
Und beim Rückblick auf das Finale 2017 fällt Ihnen sicher ein, dass sie am letzten Wochenende den klar führenden Mattias Ekström noch abgefangen haben.
Rast: Wobei der Vorsprung von Mattias ein bisschen geringer war als der an diesem Wochenende. 15 Punkte am Sonntag sind schon eine Nummer, aber wenn wir so weitermachen wir bisher, dann kann es noch klappen.
 
Bis Mitte der Saison waren Sie und Audi eigentlich abgeschrieben. Wie fühlt man sich da als Titelverteidiger?
Rast: Man versucht das Beste aus der Situation zu machen. Wobei es keine schöne Situation ist, wenn man unterlegen ist. Dass wir aber nie aufgehört haben zu kämpfen, zeigt den Teamgeist von Audi. Die Siege sind nun der Lohn dafür.
 
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Zweifelt man irgendwann an sich selber?
Rast: Es waren zum Glück nicht nur meine Ergebnisse nicht so gut. Wir haben gemerkt, dass wir im Winter ein paar Einbußen hatten. Bei mir persönlich lief auch einiges schief. Ich war immer wieder mal zur falschen Zeit am falschen Ort, aber momentan haben wir den Renngott regelmäßig auf unserer Seite.
 
Der steht aber nun schon lange auf ihrer Seite.
Rast: Ja, aber dafür hatte ich noch nie eine so schlechte erste Jahreshälfte wie dieses Jahr.
 
Seit dem Nürburgring läuft es perfekt für Sie.
Rast: Kann man so sagen.
 
Erklären Sie uns, wieso das so ist.

Rast: Wir haben ein starkes Auto, würde ich sagen. Wir haben uns auch stetig verbessert. Im letzten Moment immer das Setup in die richtige Richtung geschraubt. Im Qualifying waren wir meistens gut und im Rennen hatten wir auch immer eine gute Strategie und eine gute Performance. Dazu immer ein bisschen Glück. Und die anderen haben Fehler gemacht.
Dieter Gass: Für die furiose Aufholjagd gibt es mehrer Gründe. Vieles spielt zusammen. Nach dem nicht so erfolgreichen Saisonstart haben wir aber viel erreicht. Wir müssen aber auch feststellen, dass wir mehr als BMW und Mercedes unter den Änderungen des Reglements, zum Beipsiel die Areodynamik oder das sogenannte "dritte Element" betreffend, gelitten haben.
 
Aber nicht nur Änderungen, die das Reglement zulässt, haben geholfen?

Gass: Die Änderung des Reifendrucks hat uns zum Schluss auch noch ein bisschen in die Karten gespielt. Wir sind offensichtlich in der Lage, auf die Distanz ein bisschen besser mit den Reifen umzugehen. Und wie es Rene gesagt hat, haben wir zur Zeit auch ein bisschen Rennglück.
 
Der erhöhte Reifendruck bewirkt was?
Gass: Der Reifen baut schneller ab.
 
Bei allen?
Gass: Ja.
 
Bei Audi aber irgendwie weniger.
Gass: Wir scheinen ein bisschen besser damit umgehen zu können. Das war in der Vergangenheit auch oft so.
 
Aber Audi hat nicht bei der ITR gebeten, etwas Gewicht reduzieren und einen größeren Heckflügel montieren zu dürfen, um wieder konkurrenzfähig zu sein?
Gass: Nein. Wir haben nur das gemacht, was das Reglement erlaubt.
 
Zum Beispiel Motor-Inspektionen, bei denen der Motor aufgemacht werden darf.
Gass: Ja, aber da ist der DMSB immer dabei, jedes Teil wird dabei verplombt. Wie gesagt: Es ist regelkonform. Das darf jeder Hersteller machen, macht auch jeder.
 
Verändert werden durfte aber nichts?
Gass: Nein. Aber wir haben alles verändert, was wir verändern konnten. Und wir wissen: Wenn einer mal einen Lauf hat, dann funktioniert es. Dann geraten auch die anderen unter Druck und machen Fehler.
 
Die Stimmung ist super im Team, war sie zwischenzeitlich auch mal weniger gut?

Rast: Klar, wenn es lange nicht läuft, dann wird es natürlich irgendwann zäh. Aber niemand hat den Kopf in den Sand gesteckt.
 
Es gab neue Ziele?
Rast: Ja, wir wussten, wir können nicht mehr Meister werden, also wollten wir Rennen gewinnen.

Hat ja geklappt.
Rast: Ja, auf einmal ging es los mit den Erfolgen. Mit der aggressiven Strategie, die wir verfolgt haben. Und es ging immer so weiter.
 
Ergebnis: Titelchancen im letzten Rennen.

Rast: Ich denke, die Mercedes-Jungs werden in der Nacht auf Sonntag nicht so gut schlafen. Sie überlegen sich, was sie anders machen können.
Gass: Aber wir sind immer noch der Underdog.
 
Ihre Taktik für Sonntag sieht wie aus?

Rast: Ähnlich wie am Samstag: Vollgas. Versuchen, beim Start vorne zu stehen. Dann ist alles möglich. Gass: All in. Wie am Samstag. Wir haben nach wie vor nichts zu verlieren. Wir müssen aufholen. Wenn wir konservativ spielen, können wir nicht gewinnen.
 
Wie kommt Rene Rast in der Startaufstellung möglichst weit nach vorne?
Gass: In der Qualifikation bekommt er von unserer Fahrern Windschatten. Die haben dann zwar ein schlechteres Ergebnis. Aber Rene hat Priorität.
 
Da spielen die Kollegen mit?

Gass: Ja, die Stimmung im Team ist momentan so geil. Da hilft jeder jedem. Das macht viel Freude.
 
Herr Rast, wenn Sie am Sonntag Meister werden, ist es dann der schönere Titel im Vergleich zum Vorjahr? Rast: Nein, im Vorjahr kam ich auch als Außenseiter mit großem Rückstand. Und Titel ist Titel. Egal, wie er gewonnen wird. Es ist immer ein emotionales Erlebnis.
 
Sie wirken immer so cool - zumindest nach ihrem Samstagssieg im Gegensatz zu den beiden Mercedes-Pilot Gary Paffett und Paul di Resta. Sind sie es auch oder tun Sie nur so?
Rast: Es ist schon so. In der Situation, in der wir waren und sind, haben wir ja nichts zu verlieren. Wir hatten keinen massiven Druck. Wenn Du Erster bist und gejagt wirst, ist das was anderes. Da schläft man eben schlechter.