Windsurf World Cup auf Sylt
Philip Köster präsentiert seine Trophäe beim Windsurf World Cup vor Sylt.
Frank Molter (dpa)
Gran Canaria
Herr Köster, Sie sind auf einer der beliebtesten Ferieninseln der Deutschen aufgewachsen und beruflich an den Traumstränden der Welt unterwegs. Machen Sie privat Urlaub in den Bergen?

Philip Köster: Nein, schon am Strand. Ich würde Surfen aber auch nicht als richtigen Job bezeichnen, denn es bringt ja immer Spaß. In die Berge fahre ich ab und zu, aber nicht sehr oft. Nur wenn wirklich kein Wind und keine Wellen da sind.


Sie sind keine 100 Meter vom Atlantik entfernt in einem Haus am Strand aufgewachsen. Das Meer war gewissermaßen Ihr Kinderspielplatz.

Köster: Genau. Leider ist es ein Stein- und kein Sandstrand. Mit meiner Schwester habe ich sehr viel gespielt, aber wir hatten keine Nachbarn. Sonst war da kein Kind, mit dem ich hätte spielen können. Also war ich fast immer im Wasser. Da konnte man nicht so viel anderes machen als Surfen. Was nicht schlecht war.


Ihre Eltern haben auf Gran Canaria eine Surfschule betrieben und Sie sehr früh aufs Brett gestellt. Hatten die nie Angst um Sie?

Köster: Ich habe mit acht Jahren angefangen. Dank meiner Eltern war es einfach, in den Sport reinzukommen. Ich hatte so viel Spaß daran, dass ich nach der Schule immer sofort aufs Wasser gegangen bin. Angst hatten sie eigentlich nicht. Da ich früher sehr viele Schwimmwettkämpfe bestritten habe, wussten sie, dass ich gut zurecht komme. Zu Anfang hat mein Vater immer gepfiffen, wenn ich umdrehen und nicht zu weit rausfahren sollte. Nach einer Zeit weiß man aber, wie man reagiert, auch wenn etwas kaputtgeht. Vor Gran Canaria gibt es auch keine gefährlichen Haie oder Riffe, von daher geht das schon.


Sie sind aber sicherlich schon Haien begegnet?

Köster: Man sieht schon einige. Vor Gran Canaria sind es meistens kleine Hammerhaie, die sich an der Oberfläche bewegen, aber die machen nichts. Wenn sie einen sehen, sind sie ganz schnell weg. Passiert ist noch nie etwas. Außer auf Lanzarote, da wurde ein Kitesurfer mal ein kleines bisschen angeknabbert. Aber das ist wirklich eine Ausnahme. Auf Hawaii gibt es schon gefährlichere Exemplare, Tigerhaie und was nicht alles. Die sieht man ab und zu, aber dann kommt man auch ans Ufer. In Australien habe ich auch schon Weiße Haie gesehen. Dort gibt es aber viele Fische, sodass die nicht besonders hungrig sind. Trotzdem hat man Respekt vor ihnen und verliert für einige Stunden die Lust, aufs Wasser zu gehen. Wale sieht man auch sehr viele. Was cool ist, außer wenn sie springen (lacht).


Hat Sie ein Wal schon mal vom Brett gerissen?

Köster: Vor ein paar Monaten in Australien habe ich auf die Welle gewartet, als unter mir eine Gruppe Wale aufgetaucht ist. Da habe ich mich erschrocken. Vielleicht hab' ich geschrien (lacht).


Ihnen wurde schon in jungen Jahren eine große Karriere prophezeit. Wie geht man als junger Teenager damit um, als künftiger Weltmeister gehandelt zu werden?

Köster: Es war schon komisch, als Wunderkind oder so bezeichnet zu werden. Ich habe aber eigentlich nicht so richtig zugehört. Ich habe einfach gesurft und davon nicht so viel mitbekommen. Meine Eltern haben das zum Glück ein bisschen von mir weggehalten.


Die Experten hatten recht: 2011 sind Sie als Zweitjüngster nach Surflegende Robby Naish Weltmeister geworden. Mit gerade einmal 17 Jahren.

Köster: Ich dachte nur: Wow, du hast es echt geschafft! Das war sehr cool. Im Jahr davor war ich schon Dritter geworden und habe gespürt, dass ich das schaffen kann.


Was hat sich durch die WM-Titel verändert?

Köster: Eigentlich nichts. Ein paar Reisen mehr, sonst ist eigentlich alles gleich geblieben.


Können Sie als Spitzenathlet vom Surfen leben?

Köster: Ja, das geht schon. In den Top Ten kann man Geld verdienen. Es ist nicht mit Fußball zu vergleichen, aber wenn man ein bisschen aufpasst, ist das in Ordnung. Allein vom Preisgeld zu leben wäre aber nicht möglich, dazu braucht es schon Sponsoren.


Sie gelten als mutigster Surfer der Szene und halten mit 18 Metern den Rekord für den höchsten je gemessenen Sprung. Woher nehmen Sie diese Risikobereitschaft?

Köster: Mein Vater hat mir früh das Wellenreiten beigebracht, und wie man das Segel als Tragfläche benutzen kann. Mit diesen ganzen Tipps bin ich dann immer ein bisschen höher gesprungen und habe mich dran gewöhnt. Nach einer gewissen Zeit sind zehn Meter halt normal. Man weiß, was passiert, und kann das gut kontrollieren. Dann macht es auch Spaß. Ich suche immer nach der besten Rampe, um noch höher zu springen. Noch habe ich nicht erreicht, was ich will.


Sie wollen als erster Windsurfer überhaupt einen Dreifachsalto springen. Fast hätte es schon geklappt.

Köster: Im vergangenen Jahr habe ich es noch mal im Wettkampf ausprobiert. Es war okay (lacht). Ich glaube, dass ich zweieinhalb Umdrehungen geschafft habe.


Wo liegt die Schwierigkeit bei diesem Sprung?

Köster: Nach der zweiten Drehung verliert man an Geschwindigkeit, und die Rotation wird einfach zu vertikal. Dieses Manöver zu üben ist allerdings auch nicht so einfach, denn man hat nicht jeden Tag die Bedingungen. Und man kann sich sehr schnell verletzen. Einen Impact Wetsuit (ein Anzug, der den Aufprall dämpft, d. Red.) trage ich, das hilft schon. Mit einem Helm könnte ich mich allerdings wahrscheinlich nicht orientieren.


Im Gerätturnen oder beim Eiskunstlaufen wird ein Element oft nach dem Erfinder benannt. Wie ist es beim Surfen? Trägt der Dreifach-Salto - wenn Sie ihn schaffen - bald Ihren Namen?

Köster: (lacht) In dem Fall würde ich mir noch was ausdenken!


Die Wettkämpfe von Eiskunstläufern und Turnern sind durchchoreografiert, die Elemente kommen in einer vorher festgelegten Reihenfolge. Wie läuft das beim Surfen ab, wo man auf die richtige Welle angewiesen ist?

Köster: Ich habe auch einen kleinen Plan. Ich versuche, erst alle Sprünge abzuhaken. Je schwieriger, desto mehr Punkte gibt es. Meistens sind es drei Sprünge pro Lauf, der ungefähr zehn, zwölf Minuten dauert. Da braucht man keine richtig gute Welle, das geht auch auf einer Schaumkrone. Das Abreiten der Wellen, das möglichst lange dauern soll, ist schon schwieriger. Da muss man warten können und schauen, wo die Welle jetzt bricht. Also erst die Sprünge, dann die Wellenritte. Wenn ich da durchmixe, vergesse ich schon mal einen Sprung.


Sie surfen immer ohne Schuhe und Handschuhe.

Köster: Ich brauche einfach das Gefühl für das Material. Auf Gran Canaria bin ich auch im kurzen Wetsuit unterwegs, weil das einfach angenehmer ist.


Aber im Oktober beim traditionellen Weltcup auf Sylt?

Köster: Puh. Das ist immer sehr schwierig. 2018 habe ich zum ersten Mal eine Neoprenhaube aufgehabt, aber keine Handschuhe und Schuhe. Es ging, aber irgendwann merkt man nichts mehr. Einmal war ich im Januar auf Rügen surfen. Da habe ich mir einen Zehennagel abgerissen und den Zeh gebrochen, ohne es zu merken, weil es einfach so kalt war (lacht). Vor drei Jahren war ich für Werbeaufnahmen im Winter auf dem Michigansee in Nordamerika, da hatten wir Minusgrade und Schnee. Da habe ich zum bisher letzten Mal Schuhe und Handschuhe getragen. So richtig Spaß macht das nicht. Auf Gran Canaria oder Maui hält man es besser aus.


Sie sind auch leidenschaftlicher Wellenreiter und Stand-Up-Paddler.

Köster: Und seit Kurzem mache ich auch Foil. Da surft man bei weniger Wind mit einer langen Finne. Da springe ich gar nicht, sondern schwebe mit dem Board etwa 80 Zentimeter über dem Wasser. Das macht auch richtig Spaß.


Ohne Wasser können Sie wohl nicht, oder?

Köster: Schwierig. Wobei ich mit meiner Freundin (die slowenische Stand-Up-Paddlerin Manca Notar, d. Red.) heute das erste Mal Tennis gespielt habe. Anstrengend!


Wer hat gewonnen?

Köster: So weit sind wir noch nicht. Aber sie ist ein bisschen besser als ich. Okay, viel besser (lacht).


Surfen ist eine komplexe Sportart und verlangt sowohl Kraft als auch Ausdauer. Wie trainieren Sie?

Köster: Das beste Training ist, sehr viele Stunden auf dem Wasser zu verbringen. So probiert man gleichzeitig auch das Material aus. Dann noch Stand-Up-Paddling und Wellenreiten - und man ist ziemlich fertig. Stumpfes Krafttraining würde mir nicht so viel Spaß machen. Wenn wirklich gar kein Wind ist oder kein Board in der Nähe, laufe ich vielleicht einmal im Jahr. Oder fahre Fahrrad.


Wie viele Stunde sind Sie an einem guten Tag auf dem Wasser?

Köster: Vier, fünf Stunden. Mit einer oder zwei Pausen, denn man muss ja auch mal was essen.


Bis zu welchem Alter kann ein Surfer in der Weltspitze mithalten?

Köster: Ich denke, vielleicht bis 40. Die meisten Surfer konzentrieren sich zu Beginn ihrer Karriere auf das Waveriding (die Königsdisziplin, d. Red.). Mit zunehmender Erfahrung kann man im Slalom sehr weit kommen. Das würde ich dann später auch gerne machen. Aber im Moment habe ich noch nicht so die Motivation dafür.


Surfer gelten als leichtlebige Frauenhelden, die keine Party auslassen. Wie viel ist wirklich dran am Klischee?

Köster: Auf der Tour gibt es schon einige, die sehr viel Party machen. Einige gehen feiern und dann morgens fertig aufs Brett. Aber für mich ist das nichts, ich bin nicht so der Partytyp. Das ist mir zu anstrengend (lacht).


2016 rissen Sie sich bei einem Sturz vor Australien die Bänder im rechten Knie. Ein Jahr später wurden Sie zum vierten Mal Weltmeister, im vergangenen Jahr Dritter. Wie lauten die Ziele für 2019?

Köster: Den Titel holen! Ich möchte alles geben, aber man braucht auch Glück bei den Wind- und Wellenbedingungen.

Das Gespräch führte Alexander Petri.
 

Philip Köster

Geburtstag
5. März 1994 in Las Palmas de Gran Canaria

Beruf
Windsurfer

Größter Erfolg
Viermaliger Weltmeister im Waveriding (2011, 2012, 2015 und  2017)

Markenzeichen
Niemand sonst zeigt so hohe und spektakuläre Sprünge – Köster hält mit 18 Metern  den Rekord für den  höchsten jemals gemessenen Sprung.

Gut zu wissen
Köster war in seiner Jugend kanarischer Meister im Schwimmen.

Was er sagt
„Ich bin motiviert, sobald ich das Meer und die Wellen sehe.“

Was man so hört
„Philip Köster ist das Maß der Dinge im Windsurfen. Er ist auf dem Weg, mein Nachfolger zu werden.“
(Surflegende  Robby Naish).