Bernd Wüstneck
Nürnberg
Ein Urlaubspaar aus Esslingen war also schuld. Beim Besuch in der Gaststätte von Michael Köllners Tante hatte es dem kleinen Bub damals ein Trikot des VfB Stuttgart als Geschenk mitgebracht. Köllner, heute Trainer des 1. FC Nürnberg, wurde so vor vielen Jahren zum VfB-Fan. "Das war damals eine klasse Mannschaft, mit der ich in den Jugendjahren einige Jahre mitgefiebert habe", erinnert sich der 48-Jährige. Irgendwann hätte sich die extreme Fanliebe dann aber gelegt. "Ich liebe jetzt nur noch meine eigene Mannschaft, die kann ich selbst beeinflussen. Was gibt es Schöneres?", fragt Köllner.

Ein Spieler aus dieser Mannschaft ist Tim Leibold, dessen Verbindung zum VfB nicht aus einem geschenkten Trikot, sondern aus der eigenen Geschichte heraus entstanden ist. Geboren in Böblingen, knapp 20 Kilometer von Stuttgart entfernt, wechselte er als Sechsjähriger in die VfB-Jugend. Nach einigen Umwegen ging es für Leibold zurück zur zweiten Mannschaft des VfB, wo der Linksfuß von 2013 bis 2015 in der 3. Liga seine ersten Profispiele (54 Einsätze) absolvierte. Ein Kandidat für die erste Mannschaft war er damals nicht. "Aber ich freue mich, dass ich den Weg beim Club weitergehen konnte", sagt er. Weil er in der Zweitliga-Saison 2016/17 lange verletzt war, verpasste er damals beide Partien. "Jetzt habe ich endlich die Chance, gegen den VfB zu spielen", sagt der 24-Jährige. "Ich verbinde mit dem Verein noch ziemlich viel. Da kitzelt es schon ein bisschen mehr."

Vor allem der VfB steht nach seinem Katastrophenstart am Tabellenende und mächtig unter Druck, der Club als Aufsteiger immerhin fünf Punkte weiter vorne auf einem Nichtabstiegsplatz. Aktuell diskutiert man im Südwesten über den Fitnesszustand der Stuttgarter Mannschaft nach einer möglicherweise zu laschen Vorbereitung unter Ex-Trainer Tayfun Korkut. Der Club zeigte beim 2:2 in Augsburg, dass er fit ist und Moral hat. "Doch wir können uns natürlich nicht darauf verlassen, dass der VfB schlecht beieinander ist", sagt Köllner. "Wir müssen selbst dafür sorgen, dass er schlecht beieinander ist."



Und dafür sieht der Trainer seine Mannschaft - auch ohne Enrico Valentini, Eduard Löwen und wohl auch ohne Stürmer Mikael Ishak (Köllner ist "eher pessimistisch") - gut gerüstet. "Viele Spieler sind Neulinge in der Liga und schlagen sich immer noch mit Zweifeln herum", verrät Köllner, der selbst sagt: "Ich habe überhaupt keine Zweifel und glaube, dass die Spieler nach und nach entdecken, was sie für ein Riesenpotenzial haben." Auch Leibold unterstreicht: "Zu Hause haben wir meistens wirklich gute Partien abgeliefert, darum zählt nichts anderes als ein Sieg."

Es würde dann anders laufen, als bei einem Spiel "seiner" Vereine, an das sich Köllner noch gut erinnert. "2005 war ich vom 1. FC Nürnberg mal zu einem Heimspiel gegen den VfB Stuttgart eingeladen", erzählt er. Damals seien die Rollen aber vertauscht gewesen. "Der Club war in der Abwärtsspirale und total verunsichert, der VfB hat am Ende gewonnen." Anschließend wurde Hans Meyer Nürnberger Trainer. Diesmal möchten der oberpfälzische Ex-VfB-Fan Köllner und der schwäbische Ex-VfB-Spieler Leibold gemeinsam einen Club-Sieg bejubeln.

Freude herrschte derweil auch beim Nürnberger Nachwuchsstürmer Törles Knöll. Denn während sein verletzter Mannschaftskollege Löwen passen muss, wurde der 21-Jährige am Freitag von U21-Trainer Stefan Kuntz erstmals in den deutschen Kader für die beiden DFB-Länderspiele am kommenden Freitag (20 Uhr) in Offenbach und drei Tage später in in Reggio Emilia (20 Uhr/Eurosport) gegen Italien berufen.Foto: dpa