Erich Rutemöller ist mitverantwortlich für viele gute Trainer, die der deutsche Fußball nach der Jahrtausendwende hervorgebracht hat. Die Trainerausbildung in Deutschland ist ein weltweites Gütesiegel - "wir machen vieles verdammt gut". Der WM-Titel hätte da nicht geschadet, meint er mit einem Augenzwinkern.

 


Der 69-Jährige hat derzeit einen Beratervertrag beim DFB, arbeitet nebenamtlich für den europäischen (UEFA) und den Weltfußballverband (FIFA) und verfügt über sehr gute Kontakte nach Asien. Außerdem coachte er vor nicht allzu langer Zeit vier Wochen lang die afghanische Nationalmannschaft. "Der Cheftrainer und sein Co waren wegen Schiedsrichterbeleidigung für vier Spiele gesperrt, deshalb habe ich ausgeholfen", sagt er.  
 

"Klopp wäre ein guter Nationaltrainer"


Bei einem seiner ehemaligen Schüler kommt der 69-Jährige regelrecht ins Schwärmen. Jürgen Klopp bringe so vieles mit, außerdem war er selbst einst Profi. "Er hielt bei mir im Unterricht mal ein Referat und sagte, er möchte der Trainer werden, den er früher selbst gerne als Spieler gehabt hätte." Gelegentliche Ausraster verzeiht Rutemöller dem Trainer Borussia Dortmunds. "Ich war auch nicht der Bravste und habe manche Strafe bezahlt. Ich hab' Verständnis, wenn einem im Eifer des Gefechts die Gäule durchgehen." Klopp hätte sich diesbezüglich aber bereits verbessert, sodass Rutemöller dem BVB-Coach sogar den ganz großen Sprung zutraut: "Er wäre ein guter Nationaltrainer."

 

 
Der zweite Block beschäftigt sich mit der Fußball-WM in Brasilien. Rutemöller gibt unumwunden zu, jedes Spiel auf dem heimischen Sofa verfolgt zu haben. Große taktische Neuigkeiten hätte es nicht gegeben. Imponiert habe ihm ganz allgemein das hohe Tempo trotz sengender Mittagshitze. Ein besonders enges Verhältnis hat er zu Jorge Luis Pinto, der bei der WM die Auswahl Costa Ricas bis ins Viertelfinale geführt hat. In ihrer Vorrundengruppe konnten die Südamerikaner Uruguay, Italien und England hinter sich lassen, in der Runde der letzten Acht war gegen die Niederlande erst nach Elfmeterschießen Schluss. Pinto war Rutemöllers Student an der Sporthochschule, der 61-Jährige ist ein Verfechter des deutschen Fußballs. Derzeit ist er auf Jobsuche. "Vielleicht möchte er gerne auch mal nach Europa" - das klingt wie ein Bewerbungsschreiben für den kolumbianischen Vulkan, der vor allem auch durch seine Veitstänze an der Seitenlinie berühmt wurde. 

Enttäuscht hat Rutemöller dagegen die Auswahl Brasiliens. Die Selecao wäre nach ihrem Confed-Sieg sein Favorit auf den WM-Titel gewesen, im Halbfinale schied man nach einem desaströsen 1:7 gegen die DFB-Elf aus. "Sie haben mich wirklich enttäuscht. Vielleicht war's zu viel an Euphorie". Am späteren Weltmeister gefiel ihm die Mannschaftsführung besonders gut. "Die Idee mit den verschiedenen Wohnhäusern mit jeweils sechs Mann war gut." Man hätte klasse Einzelspieler gehabt und eine super Bank. Und: mit Manuel Neuer den besten Keeper. "Hennes Weisweiler meinte früher, wenn du eine gute Mannschaft willst, fang mit dem Torwart an." 
 

 


Im letzten Block begibt sich Erich Rutemöller in tiefere Gefilde: in die 2. Liga. Er finde es sehr beachtlich, wie es beim FC Ingolstadt, "dem neuen Erstligisten" (das sagt er am Ende des zweiten Blocks), läuft. FC04-Trainer Ralph Hasenhüttl hat seinen Fußballlehrer unter dem 69-Jährigen absolviert, "umso enger verfolge ich seinen Werdegang". Er gratuliere dem Österreicher schon jetzt - "aber noch nicht zum Aufstieg". Ein weiterer Baustein des Ingolstädter Erfolgs wurde durch Rutemöller zum Nationalspieler: Sportdirektor Thomas Linke. Als DFB-Trainer beobachtete Rutemöller Woche für Woche die Bundesligaspieler, so auch den einstigen Schalker, den er wie vor ihm bereits Rainer Bonhof für höhere Weihen empfahl. "Es hat mich gefreut, ihn bei der WM 2002 als Nationalspieler zu sehen." 
 

Diplomatisch in Sachen RB Leipzig

 
Beim Thema RB Leipzig und TSG Hoffenheim gibt sich der beim DFB angestellte Rutemöller diplomatisch. "Auf der einen Seite zieht Rangnick salopp gesagt durch die Lande und kann kaufen, wen er will. Auf der anderen Seite finde ich es gut, dass eine Stadt wie Leipzig wieder einen Profiverein hat und das Stadion gut gefüllt ist - die investieren nicht nur in Spieler, sondern auch in Steine und bauen ein Nachwuchsleistungszentrum (NLZ), das seinesgleichen sucht."
 
Und dann muss er zum gefühlt tausendsten Mal seine berühmte Otze-Geschichte erzählen. Er tut es immer noch gern und mit Verve. Die Geschichte um Frank Ordenewitz, den Rutemöller beim 1. FC Köln trainierte, ist hinlänglich bekannt. Der Trainerfuchs stachelte den Stürmer an, sich die Ampelkarte zu holen, um im nächsten Ligaspiel, nicht aber im Pokalfinale gesperrt zu werden. Der Plan ging zunächst auf: Ordenewitz schlug kurz vor Schluss den Ball weg, Markus Merk schickte ihn mit Gelb-Rot zum Duschen. Doch während der Stürmer dichthielt, redete sich die ehrliche Haut Rutemöller beim ZDF-Reporter um Kopf und Kragen. "Hätt' ich mal die Schnauze gehalten", sagt er heute und lacht. Die 5000 Mark Geldstrafe bezahlte er selbst, aber vielmehr wurmte ihn, dass Ordenewitz dann tatsächlich fürs Pokalfinale gesperrt wurde, das man gegen Werder Bremen verlor. Noch heute gibt es in Köln eine Kneipe namens "Mach et, Otze". 
 

"Ich wünsche mir eine emotionale, aber gesunde Fankultur"

 
Wie sehen die Zukunftspläne des bald 70-Jährigen aus? "Ich gehe nach Aserbaidschan im Sinne des internationalen Austausches, vielleicht für ein Jahr nach Südkorea", sagt er. "Der Ball muss noch rollen, auch wenn ich bald die 7 davor habe." Zwei seiner drei Wünsche zum Abschluss seines Besuchs bei den Jungs von 19er Alu im Gasthaus Mittl in Ingolstadt-Ringsee sind globaler Natur. "Ich mache mir Sorgen wegen Manipulationen im Fußball - mein Wunsch ist, dass es sauber wird. Ich wünsche mir eine emotionale, aber gesunde Fankultur. Mich stören diese Übergriffe, das kann's nicht sein." Punkt drei betrifft ihn als Trainerlehrer auch persönlich: "Dass wir weiter diese Talente heranbilden, wie wir sie im Moment haben. Die U19 wurde Europameister, da sind wir auf einem guten Weg."