Tischtennis

Von Legenden und Europameistern

Tischtennis-Zweitligist TV Hilpoltstein erlebt im Pokal-Achtelfinale gegen Rekordmeister Düsseldorf ein großes Spektakel

23.09.2022 | Stand 23.09.2022, 17:44 Uhr

Freudenschrei: Hilpoltsteins Russe Petr Fedotov (rechtes Bild) jubelt ausgelassen über seinen Satzgewinn gegen den Schweden Anton Källberg. Zumindest ein erfolgreicher Satz war auch Kapitän Alexander Flemming gegen Europameister Dang Qiu vergönnt (unteres Bild). Lediglich der Kubaner Andy Pereira musste sich Tischtennis-Legende Timo Boll in drei Sätzen klar geschlagen geben. Fotos: Tschapka

Von Wolfgang Winkel

Hilpoltstein – Irgendwie gab es am Donnerstagabend nur Gewinner: In erster Linie natürlich Borussia Düsseldorf, das in unnachahmlicher Manier mal wieder für die sportlichen Glanzpunkte gesorgt hatte. Doch auch der Tischtennis-Zweitligist TV Hilpoltstein hatte sich mit beherzter und leidenschaftlicher Gegenwehr trotz einer 0:3-Niederlage gegen die schier übermächtigen Rheinländer den Beifall der rund 800 Zuschauer in der restlos ausverkauften Stadthalle verdient. Dass der Rekordmeister eine Nummer zu groß war und die Hilpoltsteiner Pokalträume im Achtelfinale brutal zerstörte, tat der Begeisterung keinen Abbruch.

Dass es etwas ganz Besonderes ist, gegen Düsseldorf zu spielen, wurde bereits im Vorfeld deutlich. Schon im Vorverkauf wurden alle Rekorde gesprengt. Die 800 Tickets waren rasch vergriffen, die Halle einschließlich der erstmals geöffneten Tribüne bis auf den letzten Platz belegt. 40 Helfer hatten sich mächtig ins Zeug gelegt. „Wir haben eine 30-seitige To-do-Liste abgearbeitet, rund 400 Brötchen, 150 Bratwürste und rund 280 Portionen Essen geordert“, sagt TV-Abteilungsleiter Uli Eckert und lächelt. Der ganze Verein war involviert und hatte für einen reibungslosen Ablauf sowie glanzvollen Rahmen gesorgt: Vom Ticketverkauf über das Riesenposter mit Timo Boll und Alexander Flemming an der Wand bis hin zum exquisiten Pfirsich-Tiramisu an der Theke. Alles war angerichtet für „unser Spiel des Jahres“ (Eckert) gegen Borussia Düsseldorf, das mit unglaublichen 32 deutschen Meistertiteln, 27 Pokalsiegen und 16 Erfolgen auf internationaler Ebene seit Jahrzehnten das Maß aller Dinge im deutschen Tischtennis ist.

Rekordmeister mit voller Montur in Hilpoltstein

Doch würde die Übermannschaft tatsächlich mit den großen Stars antreten? Klare Sache für Borussias Cheftrainer Danny Heister: „Wir reisen mit der kompletten Mannschaft einen Tag vorher an, um uns mit den Bedingungen vertraut zu machen und nehmen das Spiel genauso ernst wie jede Champions-League-Partie.“ Und ja, Düsseldorf trat in Bestbesetzung an. Also mit Tischtennislegende Timo Boll, dem frisch gebackenen Europameister Dang Qiu und dem Schweden Anton Källberg. Ein Zeichen der Hochachtung und ein Signal, dass der Rekordsieger nicht gewillt war, die Burgstädter zu unterschätzen. Und die Borussia, das sei an dieser Stelle angemerkt, hatte an diesem Abend nichts zu verschenken. Damit verschaffte sich der Branchenführer neben Respekt auch große Sympathien.

Es war eine nahezu unüberwindliche Hürde für den Zweitligisten, das war allen Beteiligten klar: „Den Abend genießen und den einen oder anderen Satz gewinnen“, gab Alex Flemming die Richtung vor. Hilpoltsteins Mannschaftskapitän weiß, wovon er spricht. Am 15. Januar 2017 hatte er im Halbfinale des Final Four in der Ulmer Ratiopharm Arena dem Unglücksraben der diesjährigen EM, Kristian Carlsson, sensationell zwei Sätze abgenommen. Petr David und Nico Christ waren damals gegen Stefan Fergerl beziehungsweise Timo Boll trotz großer Gegenwehr leer ausgegangen. Die Spannung im Publikum war mit Händen zu greifen.

Und dann ging’s los. Die Mannschaften wurden in die Halle gerufen. Für einen ersten Gänsehautmoment sorgte der lang anhaltende Beifall für Timo Boll, dem die Herzen nur so zuflogen. Eine Begrüßung, die selbst den 41-jährigen, der in seiner Tischtennis-Vita schon so viel erlebt hatte, sichtlich anrührte. Es war übrigens der dritte Auftritt von „Mister Tischtennis“ in Hilpoltstein nach einer Show-Veranstaltung im Jahre 2002 sowie der ALS-Benefiz-Gala 2007.

Pereira schnuppert am Satzgewinn gegen Boll

Dass Boll im Herbst seiner Karriere neben seiner Aura auch noch von großer spielerischer Klasse lebt, zeigte er gleich in seinem Einzel gegen Andy Pereira, das den sportlichen Teil des Abends eröffnete. Denn Hilpoltsteins Kubaner mit dem feinen Händchen zeigte sich im Duell der Linkshänder zunächst beeindruckt vom Gegner und der Rekordkulisse und lag rasch mit 0:1 hinten. War der erste Satz noch dem Respekt vor Boll geschuldet, legte er im weiteren Verlauf der Partie die Scheu ab und kämpfte um jeden Ball. Dabei wurde jeder einzelne Punkt vom Publikum abgefeiert. Pereira wurde sicherer und durfte im zweiten Durchgang beim Stande von 10:10 kurz am Satzgewinn schnuppern, ehe ein starker Aufschlag und ein Kantenball seine Hoffnungen zunichte machten. Mehr war nicht drin für den Kubaner. Boll schaltete einen Gang höher. Beide spielten noch einige schöne Bälle. „Es war mit eine Ehre, gegen ihn zu spielen“, sagte Pereira.

Dann durfte Petr Fedotov gegen Anton Källberg in die Box, die aktuelle Nummer 19 der Weltrangliste und mit einer Bilanz von 30:2 bester Akteur der Bundesliga. Ein ungleiches Duell, sollte man meinen. Auch Fedotov benötigte einen Satz, um in die Gänge zu kommen, doch dann bot er dem Schweden einen leidenschaftlichen Kampf, brachte aber eine 6:2 Führung und zwei Satzbälle nicht ins Ziel. Im dritten Durchgang aber war es so weit: Fedotov wuchs über sich hinaus und schaffte tatsächlich den sehnlich erhofften Satzgewinn. Die gelbe Bank sprang auf und Hallensprecher Niklas Eckert animierte das Publikum zum Pokalerprobten Siegesruf „Hip Hip Hurra.“ Fedotov, der sich förmlich zerrissen hatte, strahlte mit seinen Mannschaftskollegen auf der gelben Bank um die Wette. Das Ziel war erreicht, die Hilpoltsteiner fortan auf der sicheren Seite.

„The flash“ Flemming ärgert Europameister Dang Qiu

Die Zugabe war dann Kapitän Flemming gegen Dang Qiu vorbehalten: „Hilpoltsteins Timo Boll“ (Niklas Eckert) musste zwei Sätze lang die Überlegenheit des amtierenden Europameisters, der in der Weltrangliste an Nummer neun geführt wird, anerkennen. Doch Flemming hatte noch einiges im Köcher. Ausgerechnet bei Qius Matchball packte er in unnachahmlicher Manier seine besten Bälle aus und holte den dritten Satz. Danach ließ sich der Mann für die dramaturgischen Momente unter den Klängen von „Flash Gordon“ der Rockgruppe Queen abfeiern. Das gleiche Kunststück wäre ihm beinahe noch einmal geglückt, doch Qiu verwandelt sichtlich erleichtert seinen insgesamt vierten Matchball zum 12:10 im vierten Satz.

Damit war die Entscheidung gefallen. Zum Knallerdoppel Hannes Hörmann/Flemming gegen Boll/Qui sollte es nicht mehr kommen. Egal, das klare Ergebnis war am Ende ohnehin Nebensache. Hilpoltstein ließ sich feiern für eine rundum gelungene Veranstaltung, einen rund 100-minütigen leidenschaftlichen Kampf und irgendwie auch ein wenig sich selbst. Unter dem Strich war die Begegnung beste Werbung für den Tischtennis-Sport. „Das war einfach geil“, brachte es Robert Nachtrab auf den Punkt.

HK