Emotionen pur beim Sensationssieg gegen die Löwen
Der 18. November 2023: Ein historischer Tag im kleinen Pipinsried

19.11.2023 | Stand 19.11.2023, 16:07 Uhr |

Albion Vrenezi (l., hier in einem Zweikampf mit Tim Greifenegger) vergab vom Elfmeterpunkt aus die größte Ausgleichschance der Münchner Löwen.Das Bayerische Fernsehen übertrug mit seinen Kameras live aus Pipinsried.



Die endgültige Gewissheit gab es dann im Sportheim, an der Stirnseite des Stammtisches. Konrad Höß saß da, also „Mister Pipinsried“ – und räumte tatsächlich ein: „Ich hab’ wirklich scho’ alles mitg’macht, aba sowas a no net.“

„Sowas“, damit war ein Pflichtspielsieg seines kleinen FCP aus dem Dachauer Hinterland gegen den großen TSV 1860 München aus der bayerischen Landeshauptstadt gemeint. Nicht gegen irgendeine Nachwuchsvertretung, nicht gegen ein Amateurteam der Löwen, sondern gegen die leibhafte Profitruppe. 1:0 hieß es am Ende für die Gelbblauen, was prompt ein ganzes Dorf zum Beben brachte. An jenem 18. November wurde hier ein kleines Stück Fußballgeschichte geschrieben. Und das nicht nur für Pipinsried, sondern weit über dessen Grenzen hinaus.

Frech waren’s schon, die Kicker des FCP. Dass das Bayerische Fernsehen live übertrug und eigentlich auf einen Anpfiff der Partie exakt um 13.42 Uhr pochte – ihnen schien’s komplett egal gewesen zu sein. Sie versammelten sich trotzdem nochmals in ihrer Spielhälfte, um sich im Kreis nochmals auf das ganz große Match einzuschwören. Und da gab’s halt auch nochmals eine Menge zu besprechen – völlig egal, dass der Ball bereits am Anstoßpunkt lag. Völlig egal, dass Schiedsrichter Assad Nouhoum schon ungeduldig mit den Armen wedelte.

Kapitän mit Krücken und zwei Klappstühlen

Prompt ging’s erst um 13.44 Uhr los – in einer mit 2500 Zuschauern restlos ausverkauften Arena. Bei bester Stimmung. Und nachdem die Pipinsrieder Blasmusik so richtig aufgespielt hatte. Selbst Simon Rauscheder war da – der FCP-Kapitän, in dessen rechtem Knie vor rund drei Wochen beinahe alles kaputt gegangen war, was kaputtgehen kann, und der deshalb erst vor kurzem operiert worden war. Der dringende Rat der Ärzte: Bein ruhigstellen und keinesfalls das Haus verlassen. „Aber wenn ich das Spiel nun nur daheim im TV anschauen würde, würde ich komplett depressiv werden“, so der 23-Jährige. Also Lebensgefährtin überredet, Krücken gepackt, zwei Klappstühle mitgenommen – und ab ging’s zu seiner Mannschaft nach Pipinsried.

Kaum hatte er dort, ganz oben auf der Tribüne, eine einigermaßen angenehme Sitzposition gefunden, wäre Rauscheder am liebsten in die Höhe gesprungen. Ging nicht. Aber seine Augen um exakt 13.49 Uhr: so strahlend wie bei einem kleinen Kind, das unter dem Christbaum gerade seine Weihnachtsgeschenke ausgepackt hatte. Und auch der Rest des Publikums traute seine Sehorganen nicht: 1:0 für den FCP! Ein kurz ausgeführter Eckstoß, eine Maßflanke von Tim Greifenegger, ein genau getimter Kopfball von Daniel Gerstmayer ins lange Eck – und schon bebte das Stadion. Der schöne Traum von der großen Sensation, der schöne Traum vom Einzug ins Bayerische Totopokal-Halbfinale 2023/24 – er lebte mehr denn je.

Nur wie würde der TSV 1860 reagieren? Eigentlich, so waren sich fast alle Zuschauer einig, kann der FCP seinen knappen Vorsprung nicht über die volle Distanz bringen. Zumindest meinten sie das unmittelbar nach dem frühen Treffer der Gelbblauen – um dann schon sehr bald festzustellen, dass die Löwen aus München doch ziemlich zahnlos daherkamen. Beziehungsweise uninspiriert, ohne Ideen, ohne rechte Einstellung zu diesem Cupfight auf tiefem Untergrund. Gute Torchancen der Münchner in den ersten 45 Minuten: Fehlanzeige.

Andererseits boten sich den weiterhin frechen Hausherren immer wieder gute Kontergelegenheiten. Aber einmal kam der Pass des ansonsten herausragenden Fabian Benko auf den völlig freien Benedikt Wiegert nicht an (15.), dann setzte Gerstmayer per Kopf eine butterweiche Flanke von Angelo Mayer nur hauchdünn über den Querbalken (33.). Ob sich das nicht rächen wird?

Dann Halbzeitpause. Das erste Etappenziel war also geschafft, der FCP hatte den ersten Durchgang gewonnen. Dementsprechend ungläubig fielen zahlreiche Blicke auf den Rängen aus. Einerseits wurde über die formidable, mutige Vorstellung der Hausherren gestaunt. Andererseits kam immer wieder diese eine Frage auf: „Was, diese Sechzger sollen ein Drittligist sein?“

Nun gut: Nach dem Seitenwechsel machten die Löwen mehr Wind. Aber klare Einschussgelegenheiten? Weiterhin nichts. Die Minuten verrannen, die Ängste der zahlreichen TSV-1860-Fans wurden immer größer. Die Underdogs aus Pipinsried werden doch am Ende nicht wirklich..?

Währenddessen musste man sich zunehmend Angst um die Gesundheit von Rauscheder machen. „Mein Puls ist bei 200“, so der Kapitän – zitternd, bibbernd, auf seinem Klappstuhl hin und her rutschend. Kurz danach ein entsetzter Blick von ihm: Teamkollege Ludwig Räuber hatte soeben die Rote Karte wegen einer „Notbremse“ gesehen (66.). Der FCP also in Unterzahl – die Nachspielzeit mit eingerechnet rund eine halbe Stunde lang. Das konnte eigentlich nicht gutgehen. Oder doch?

Spätestens jetzt wurde aus dem Spiel eine Abwehrschlacht der allerschönsten Sorte. Teufelskerl Maximilian Retzer parierte zwischen den Pfosten schlichtweg alles, was zu parieren war – während sich seine Vorderleute aufopferungsvoll in nahezu jeden Schuss warfen, grätschten, der Kugel bis zur völligen Erschöpfung hinterherliefen. Bloß dann der nächste Schock für die FCP-Truppe: Elfmeter für die Löwen nach einem Foul des eingewechselten Aleksandar Kovacevic an Philipp Steinhart. Albion Vrenezi trat unter einem gellenden Pfeifkonzert zur Ausführung an – und knallte die Kugel nur an die Unterkante der Latte (83.).

Jetzt gab’s auch bei Rauscheder kein Halten mehr. Allen guten Ratschlägen seiner Ärzte zum Trotz stand er plötzlich – und gab von der Tribüne aus sogar lautstark Anweisungen. Sein Puls: jetzt wohl keinesfalls nur mehr bei 200.

Rund eine Viertelstunde später war’s dann vollbracht: Schlusspfiff, der kleine FCP hatte die großen Löwen mit einem 1:0-Sieg aus dem Totopokalwettbewerb gekickt (siehe auch Seite 28). Wow, was für eine Explosion der Emotionen. Tanzende Pipinsrieder Akteure, springende Pipinsrieder Akteure, lauthals schreiende Pipinsrieder Akteure. Und gestandene Männer an der Seitenlinie, die sich ihrer Tränen nicht schämten. Sportdirektor Atdhedon Lushi etwa, oder der Vater des aktuell verletzten Defensiv-Asses Fabian Willibald: Sie standen da mit roten Augen – kopfschüttelnd, das soeben Erlebte schlichtweg nicht fassen könnend. Und so erging es weiß Gott nicht nur ihnen.

„Hoffentlich fällt mir was Gescheites ein“

Währenddessen hatte die Mannschaft ihren Kapitän über die Bande gehievt und zu sich auf den Rasen geholt. Das Teamfoto für die Geschichtsbücher: selbstverständlich auch mit ihrem Simon sowie allen anderen zurzeit Verletzten. Ein starkes Zeichen. Sowie ein weiterer Beweis dafür, dass der FCP aktuell nicht nur eine Ansammlung von gut kickenden Spielern besitzt, sondern eine verschworene Einheit.

Ausgerechnet Cheftrainer Martin Weng fehlte doch auf dem Foto – aber das hatte einen guten Grund, denn jener war unmittelbar nach dem Abpfiff von seinem freudetrunkenen Sohnemann bestürmt worden. Ja, der Papa hat’s richtig gut gemacht. Und dieser Papa zeigte sich dann auch in Richtung seiner kickenden Jungs mächtig stolz: „Sie haben ihr Herz förmlich auf dem Platz gelassen. Ich hätte es nicht gedacht, dass sie so viel laufen können.“

Währendessen wusste Matchwinner Gerstmayer gar nicht wohin mit seinen Gefühlen: „Wow, was für ein geiles Drumherum! So etwas habe ich noch nie erlebt. Aber bei mir war von Anfang an der Glaube da, dass wir gewinnen können. Natürlich waren die Rote Karte und der Elfmeter zunächst ein Schock, aber diese Nackenschläge machten uns fast noch stärker.“ Und als er das so sagte, stand plötzlich ein BR-Mitarbeiter neben ihm. Also ab zum Liveinterview. „Was soll ich da jetzt sagen?“, so der 20-Jährige: „Hoffentlich fällt mir was Gescheites ein.“

Ihm fiel etwas Gescheites ein, ebenso wie Keeper Retzer. Wobei jener den Triumph ein bisschen stiller genoss: „Zu Null gegen den TSV 1860, das hat doch was. Ich freue mich nun zwar eher innerlich, aber doch waaahnsinnig.“

Und anschließend ging die Party so richtig ab – zunächst in der Mannschaftskabine, dann im Sportheim. „Letzteres reißen wir an diesem Abend noch ab“, so die kickenden FCP-Helden unisono. Die gute Nachricht für den Verein rund 24 Stunden später: Sie taten’s nicht. Aber ihre Feier war, so ist aus gut unterrichteten Kreisen zu erfahren, mindestens ebenso intensiv wie ihr leidenschaftlicher Kampf zuvor im Spiel.

SZ