Auf der Überholspur
Philipp Krauß überzeugt beim ERC Ingolstadt und stürmt nun auch für das Nationalteam

13.11.2023 | Stand 14.11.2023, 7:11 Uhr
Martin Wimösterer

Es läuft nach oben: Philipp Krauß überzeugt beim ERC Ingolstadt und durfte sich nun auch beim Deutschland Cup in Landshut präsentieren. Foto: DEB/City-Press

Philipp Krauß hat sich beim ERC Ingolstadt als feste Größe im Sturm etabliert. Nun zeigte der 22-Jährige auch im Trikot der deutschen Nationalmannschaft beim Deutschland Cup in Landshut sein Können.



Wer von Ingolstadt nach Landshut fährt, sieht jenseits der Windschutzscheibe die sanften Hügel des Hopfenlandes vorbeiziehen. Eine malerische Route, die sich allerdings etwas zieht, wenn der Fahrer erst mal von der Autobahn auf die Staatsstraße 2049 abgebogen ist. Ortsdurchfahrten, Zugmaschinen, Geschwindigkeitsbegrenzungsschilder. Für Philipp Krauß sind jedoch gerade diese 75 Kilometer Wegstrecke wie ein Symbol, dass er derzeit in seiner Karriere ganz links fährt – auf der Überholspur.

Krauß stürmt für den ERC Ingolstadt in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) und hat dort in bislang 18 Spielen zehn Scorerpunkte erzielt. Schon fast so viele wie in der kompletten Vorsaison, der ersten des 22-Jährigen in der DEL. Bundestrainer Harold Kreis lud ihn dafür zum Deutschland Cup in Landshut ein. Es waren nicht Krauß’ erste Länderspiele – bereits in der vorigen Saison hatte er für die U25-Auswahl zwei Partien in der Slowakei bestritten –, aber die ersten von wirklicher Bedeutung und die ersten in der Heimat.

ERC-Sportdirektor Regan lobt Krauß als „Prachtexemplar“



Bei den Siegen gegen Dänemark (4:1) und Österreich (5:3) stand Krauß im Aufgebot, wirbelte und war in der engen Partie gegen Rot-Weiß-Rot sogar in der Schlussminute auf dem Eis, beim Stand von 4:3. „Es freut einen, das Vertrauen und die Eiszeit zu bekommen“, sagte der einzige ERC-Vertreter unserer Zeitung. Krauß blockte in der „Crunch Time“ sogar einen gefährlichen Schuss mit dem Oberschenkel. Schmerzhaft, ja, aber Krauß sagt: „Es ist okay, man ist es gewohnt.“ Keine Gefahr für einen Einsatz mit den Panthern im Achtelfinal-Hinspiel der Champions Hockey League gegen die Växjö Lakers am Dienstag.

„Philipp Krauß ist ein Prachtexemplar, was ein junger deutscher Spieler mit Fleiß, Willen und einer super Einstellung erreichen kann“, sagt ERC-Sportdirektor Tim Regan. Aus heutiger Sicht reibt man sich beim Blick über die Karrierestatistiken des Stürmers im Juniorenbereich allerdings verwundert die Augen. Kein Ritt auf der Überholspur, Krauß lernte in Landshut viele seiner Kollegen überhaupt erst kennen – er hat nie für Nachwuchsnationalmannschaften gespielt.

Daniel Jun hat Krauß einst entdeckt



Aus Sicht von Daniel Jun, der als damaliger U20-Trainer beim ESV Kaufbeuren den Diamanten hinter dem Talent erkannte, lag dies in der schablonenhaften Sichtung des Bayerischen Eishockey-Verbandes (BEV) begründet. Für ihre Elitekader in der jeweiligen Region, erläutert Jun, hätten die Verantwortlichen in den Vorjahren zum einen „Übertalente ausgesucht, deren Können übertrieben gesagt sogar eine Putzfrau erkennt“ – also Leute wie John Peterka und Lukas Reichel, ein Jahr jünger als Krauß und inzwischen in der NHL. Ansonsten hätten die Scouts noch „Spieler genommen, die groß und kräftig sind“.

So war Krauß in den Nachwuchsjahren allerdings nicht gebaut, noch weniger als sein Bruder Johannes oder Maximilian Hops, die ebenfalls durch Juns Schule gingen. Sie seien Spätentwickler gewesen, aber brächten das Potenzial und die Spielintelligenz mit. Jun glaubt: „Sie alle werden in den kommenden Jahren DEL spielen.“ Der Ex-Coach freut sich über die Erfolgsgeschichten seiner früheren Schützlinge, auch auf persönlicher Ebene. Sie stehen in Kontakt. „Philipp hat ein sehr gutes Benehmen von zuhause mitbekommen. Die Eltern haben sich nie eingemischt ins Eishockey“, erzählt Jun.

Auch der Trainer ließ seinem späteren Kapitän Freiheiten. Er ließ ihn spielen, probieren, sich entdecken. „Ich mag keine Roboter“, sagt Jun. „Wenn du siehst, was er kann, dann unterstützt du ihn in seinen Stärken und zeigst nicht auf seine Schwächen.“ Zu dieser Kreativschule, die Krauß’ freches, flottes Spiel heute mit ausmacht und gut zum Panther-Spielstil passt, kam „viel Arbeit“ im Sommertraining, wie Jun lobte.

Krauß auf steilem Weg nach oben



Jun empfahl Krauß seinem Ex-Mannschaftskameraden Larry Mitchell, damals Panther-Sportchef: „Philipp hat den IQ.“ Der ERC griff zu und Krauß, DEL2-Rookie der Saison 2020/21, spielte sich gleich im ersten Jahr in der DEL fest. „Auch dank dem Vertrauen von Mark French“, blickt Krauß positiv auf die Premierensaison zurück. „Es ist außerdem ein Vorteil, wenn man so einen Play-off-Run wie in der vergangenen Saison mitnimmt.“

Wegen einiger Strafzeiten musste er in der aktuellen Saison zwischenzeitlich in der vierten Reihe heran, arbeitete sich aber schnell wieder nach oben: ERC-Trainer French hat ihn in der ersten Reihe neben Wayne Simpson und Andrew Rowe platziert. Krauß meint zu seinem rasanten Karriereverlauf: „Es hat sich irgendwie alles so ergeben. Es läuft nach oben.“

Der Stürmer ist in seinem letzten Vertragsjahr, mit Nationalspielern wird oft rund um den Deutschland Cup über die Zukunft gesprochen. Es klingt nicht abgeneigt, wenn er auf eine mögliche Verlängerung mit Ingolstadt angesprochen wird. „Ich spiele einfach so weiter, dann wird es schon von selbst laufen“, fügt er an. ERC-Sportdirektor Regan wirbt schon mal: „Philipp kann sich hier in Ingolstadt weiterentwickeln, weil wir auf ehrgeizige junge Spieler wie ihn bauen.“ Krauß – der Anti-Roboter auf der Überholspur.