Nach enttäuschender Heim-EM

Oliver Zeidler: Zurück in erfolgreiches Fahrwasser

Einer-Ruderer peilt bei der Weltmeisterschaft die Titelverteidigung an

09.09.2022 | Stand 09.09.2022, 11:30 Uhr

München ist abgehakt: Oliver Zeidler will in Tschechien erneut Weltmeister werden. Foto: Imago Images

Von Alexander Petri

Ingolstadt – Das große Ziel von Oliver Zeidler ist klar: Auf der Website des Einer-Ruderers aus Schwaig (Landkreis Erding) verrät ein Countdown die verbleibende Zeit bis zu den Olympischen Spielen 2024 in Paris: noch 685 Tage. Schon in Kürze beginnt dagegen die Ruder-Weltmeisterschaft im tschechischen Racice. Am kommenden Sonntag, 18. September, stehen die ersten Vorläufe auf dem Programm. Zeidler will den enttäuschenden vierten Platz bei der Heim-Europameisterschaft in München vergessen machen und seinen Titel von 2019 verteidigen.

Es hätte die Geschichte der European Championships im August werden sollen: Einer-Ruderer Oliver Zeidler gewinnt auf der heimatlichen Regattastrecke in Oberschleißheim den EM-Titel – 50 Jahre, nachdem sein Opa Hans-Johann Färber an selber Stelle olympisches Gold mit dem Vierer errungen hatte. Doch nach souveränen Vorstellungen in den Vorläufen platzte dieser Traum im Finale: „Auf den letzten 150 Metern bin ich eingegangen“, sagt Zeidler, der nach 2000 Metern völlig übersäuert die Medaillenränge komplett verpasste.

Als einen der Gründe für den EM-Einbruch identifizierten der ehemalige Ruderer des DRC Ingolstadt und sein Trainer-Vater Heino den Trainingsrückstand nach einer Erkältung, wegen der Zeidler die wichtige Standortbestimmung beim Weltcup-Finale Anfang Juli auf dem Luzerner Rotsee verpasst hatte. „Schon eine Woche davor habe ich leicht gekränkelt, danach bin ich knapp zwei Wochen ausgefallen. Das war auch bei der EM noch nicht ganz ausgestanden“, erzählt Zeidler. Als Ausrede für die Enttäuschung in München lässt der 26-Jährige die Erkältung allerdings nicht gelten: „Die anderen waren an dem Tag besser.“

In Racice soll sich das wieder ändern, auf der Strecke nördlich von Prag will Zeidler seine Konkurrenten wieder hinter sich lassen. Wie 2019 bei der bislang letzten WM in Ottensheim bei Linz, als er sich im Schlussspurt mit drei Hundertstelsekunden Vorsprung zum weltbesten Einer-Ruderer krönte. Drei Jahre später zählt der gebürtige Dachauer den Niederländer und EM-Schnellsten Melvin Twellaar, den Vize-Europameister und Tokio-Olympiasieger Stefanos Ntouskous (Griechenland), den EM-Dritten Kristian Vasilev (Bulgarien) und Ex-Weltmeister Kjetil Borch (Norwegen) zu seinen ärgsten Widersachern. Mit seiner Form ist Zeidler zufrieden: „Langsam wird’s“, sagt er. Den Ruderkanal in Racice, in den 1980er-Jahren in einer Elbschleife angelegt, kennt der 2,03 Meter große Modellathlet noch nicht: „Ich lasse mich überraschen.“

Über die Chancen der in München kaum konkurrenzfähigen Flotte des Deutschen Ruderverbandes (DRV) macht sich Zeidler keine Illusionen: „Ich rechne eher mit einem schlechteren Ergebnis als bei der EM“, sagt er. Dort hatte einzig Alexandra Föster im Einer Bronze geholt. Und nun torpediert auch noch Corona die WM-Vorbereitungen: Der Männer-Doppelvierer, der Frauen-Zweier ohne Steuerfrau und der Frauen-Achter können wegen mehrerer Krankheitsfälle nicht starten. „Für uns wird es leider eine WM der Übriggebliebenen“, wird Bundestrainerin Brigitte Bielig auf der DRV-Website zitiert. „Die beiden Einer haben ganz gute Chancen, sonst sieht es mau aus“, meint Zeidler.

Im Rahmen der EM hatte der Ruderer den Verband hart kritisiert und den Verantwortlichen unter anderem mangelnde Kompetenz vorgeworfen. Den Weg über die Öffentlichkeit habe er gewählt, weil interne Kritik keine Verbesserung bewirkt habe. In Zukunft wolle er bei Missständen aber zunächst den DRV-Vorstand einschalten. Zuletzt trafen sich die Zeidlers mit DRV-Funktionären zu einem klärenden Gespräch.

Inhaltlich rückt Zeidler nicht von seiner Meinung ab. „Ich kann ganz ruhig schlafen, weil es nur die Wahrheit ist“, sagt er. Der Verband müsse sich reformieren, die Sportler wieder im Mittelpunkt stehen, das Leistungsprinzip auch für Trainer und Verantwortliche gelten. Als Einer-Ruderer ist Zeidler von der ab 2023 geltenden Stützpunktpflicht befreit und kann weiter in Oberschleißheim trainieren. Würde er jedoch an den Einer-Stützpunkt Ratzeburg/Hamburg delegiert, stünde für ihn die Fortsetzung seiner Karriere in Frage: „Dann würde ich wahrscheinlich nicht weitermachen, weil die Voraussetzungen dort katastrophal sind. Ich kann mir nicht vorstellen, vor Olympia anderthalb Jahre auf einer Baustelle zu wohnen, von Trainern betreut zu werden, die zu spät zum Training kommen und nur sehr überschaubaren Erfolg in Ihrer Tätigkeit nachzuweisen haben und mein professionelleres Umfeld, in dem ich mich bisher bestens entwickelt habe, zu verlassen“, sagt er. „Wenn ich nicht erfolgreich sein kann durch das, was der Verband vorgibt, kann ich mich auf einen anderen Teil meines Lebens konzentrieren.“

DK