Vom Bob zum Schlittschuh
Nach einer tollen Karriere als Anschieberin engagiert sich Berit Gneupel nun für den ERC Ingolstadt

20.08.2023 | Stand 12.09.2023, 23:16 Uhr
Sabine Kaczynski

Als Hürdenläuferin wurde Berit Gneupel 2000 Deutsche Meisterin (rechts), 13 Jahre später holte sich als Bobanschieberin mit Sandra Kiriasis (links) Bronze beim Weltcup in Schönau am Königssee. Fotos: Imago Images, privat

Berit Gneupel blickt auf eine lange und erfolgreiche Karriere als Sportlerin zurück, die für sie als Achtjährige bei der DJK Ingolstadt als Leichtathletin begann. „Vom ersten Probetraining war ich gar nicht begeistert, das war mir viel zu anstrengend“, blickt sie schmunzelnd zurück. Das änderte sich jedoch schnell und bald war Berit Wiacker, wie sie damals noch hieß, eine der besten Hürdenläuferinnen und wurde 2000 Deutsche Meisterin im Jugendbereich.

Nach dem Abitur am Katherl zog es sie zum Studium nach München, ein Trainerwechsel folgte, der eine Stagnation der Leistung mit sich brachte. Fast hätte sie den Sport an den Nagel gehängt, als sie eine Bobpilotin fragte, ob sie sich nicht einmal als Anschieberin ausprobieren wolle: „Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartet, war aber neugierig“, erzählt die 41-Jährige. Ein total außergewöhnlicher, krasser Wechsel in eine völlig andere Sportart – oder? „Keineswegs“, korrigiert die gebürtige Duisburgerin. „Leichtathleten werden sehr häufig als Anschieber genommen, vor allem Sprinter und Werfer. Sprinter haben die nötige Geschwindigkeit und Werfer die richtige Kraft, um den Bob anzuschieben“, erklärt Gneupel.

Nach dem Sommertraining auf einer Rollbahn folgte der erste Winter, „in dem wir mehr gestürzt als gefahren sind“, lacht sie. „Nach der ersten Fahrt verliert man aber die Angst und der Adrenalinkick überwiegt – und mir hat die Arbeit im Team gefallen.“ Auch ihre zweite Karriere ging nach dem holprigen Start steil nach oben, sie wurde Anschieberin bei Erfolgs-Pilotin Sandra Kiriasis und heimste bald jede Menge Siege ein – bei Weltcups, Europa- und Weltmeisterschaften.

Immer wieder war ihre Laufbahn aber auch von Verletzungen überschattet. Welche Eindrücke sind noch am präsentesten? „Die Titel kann einem niemand mehr nehmen, das sind die schönsten Erinnerungen. Aber auch die Teilnahme an den Olympischen Spielen war eine tolle Erfahrung, obwohl ich nie im Schlitten saß“, spielt sie auf ihre Ersatzrolle 2006 in Turin und 2010 in Vancouver an. Besonders bitter: Zum Zuschauen verdammt, musste Gneupel 2006 Kiriasis‘ Fahrt zur Goldmedaille mit ansehen: „Nach fast zehn Jahren Abstand ist die Wehmut verflogen und ich kann akzeptieren, dass meine Konkurrentin damals einfach etwas schneller war“, sagt die 41-Jährige, die auch die vermasselte WM-Teilnahme 2009 in Lake Placid nicht mehr schmerzt. Angetreten in Top-Form, verletzte sich die Anschieberin kurzfristig, stieg dennoch in den Bob und holte am Ende mit Kiriasis statt der anvisierten Goldmedaille nur den siebten Platz: „Beide Erfahrungen waren echt bitter, aber heute überwiegt der Stolz auf das, was ich in den zwölf Jahren meiner Karriere erreicht habe“, sagt Gneupel, die nach dem Ende der aktiven Laufbahn 2014 ihren Mann heiratete, drei Töchter bekam und beruflich wieder zur Bundespolizei zurückkehrte.

Sportlich ist sie immer noch unterwegs, inzwischen allerdings hoch zu Ross: „Ich bin seit Kindertagen geritten und habe mir vor drei Jahren ein Pferd gekauft“, sagt Gneupel, deren drei Mädels ähnlich aktiv wie die Mama sind. Ob Reiten, Turnen oder Leichtathletik: Helena, 5, Annika, 6 und Stella, 8, dürfen alles ausprobieren, was ihnen Spaß macht. „Mir hat der Sport unheimlich viel gegeben und ich habe so viele positive Erfahrungen gemacht, das möchte ich meinen Kindern gerne weitergeben“, ist der 41-Jährigen wichtig, die über ihre mittlere Tochter Annika den Weg zurück zum Eis gefunden hat: Die Sechsjährige sitzt allerdings nicht im Bob, sondern betreibt seit zwei Jahren Eiskunstlauf beim ERC Ingolstadt, trainiert inzwischen fünfmal pro Woche – mit vollem Support der Mama, die auch eine Karriere als Leistungssportlerin unterstützen würde, „solange es Annika wirklich Spaß macht“.

Sorgen bereitet der 41-Jährigen, die sich mittlerweile als Funktionärin engagiert, allerdings die finanzielle Lage im Nachwuchsbereich: „Im Gegensatz zu meinen eigenen Erfahrungen bleiben beim Eiskunstlauf viele Kosten an den Eltern hängen. Es fehlt an finanziellen Zuwendungen, daher bin ich auf der Suche nach Sponsoren für diesen sehr kostenintensiven Sport“, sagt Gneupel: „Denn alle talentierten Skater sollten sich ihre Leidenschaft auch leisten können.“

DK