Er will sich beweisen
ERC-Neuzugang Brandon Kozun über Gretzky, russischen Gehorsam und ukrainische Wurzeln

15.11.2023 | Stand 16.11.2023, 7:01 Uhr

Bei Olympia 2018 in Pyeongchang/Südkorea verlor Neu-Panther Brandon Kozun mit den Kanadiern das Halbfinale gegen Deutschland um Björn Krupp und Danny aus den Birken, gewann jedoch die Bronzemedaille. Foto: Imago Images

399 Spiele mit 290 Scorerpunkten in der russischen KHL, Olympia-Bronze mit Kanada: Spieler mit Brandon Kozuns Vita sind rar in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL). Der Neue beim ERC Ingolstadt ist „Schweizer Taschenmesser“ und „Duracell-Hase“. Im Interview spricht er über Gretzky, russischen Gehorsam und seine ukrainischen Wurzeln.



Die 1:4-Niederlage des ERC Ingolstadt gegen die Växjö Lakers im Achtelfinal-Hinspiel der Champions Hockey League verfolgte Kozun am Dienstag auf der Tribüne der Saturn-Arena. Noch etwas müde, aber tatendurstig präsentierte sich der 33-jährige Kanadier im Drittelpausen-Interview mit unserer Zeitung.

Herr Kozun, welche Eindrücke haben Sie in Ihren ersten Stunden in Ingolstadt gewonnen?

Brandon Kozun: Alle haben mich sehr freundlich empfangen. Ich bin zwar noch etwas Jetlag-geplagt, aber freue mich darauf, dass es jetzt losgeht.

Werden Sie am Freitag (19.30 Uhr) im Auswärtsspiel beim Deutschen Meister EHC München Ihr Debüt feiern?

Kozun: Das weiß ich noch nicht, mal sehen, wie die Trainer planen. Es wäre sicher hilfreich, ein paar Trainingseinheiten mit der Mannschaft zu bekommen, um mich an alles zu gewöhnen.

Sie waren zuletzt zum Probetraining im Camp des NHL-Teams Colorado Avalanche, um sich für einen Vertrag in der besten Liga der Welt zu empfehlen. Das ist ziemlich ungewöhnlich für einen 33-Jährigen. Wie war’s?

Kozun: Es war großartig. Ich bin sehr glücklich, dass ich es gemacht habe. Ich dachte mir, dass es die richtige Zeit ist, das auszuprobieren. Nach acht Jahren in Russland habe ich die Freiheit, so etwas zu machen.

Weil Sie sich durch Ihre Zeit in der KHL ein finanzielles Polster erspielt haben. In der Spitze verdienten Sie mehr als eine Million Dollar pro Saison.

Kozun: Es ist die zweitbeste Liga der Welt nach der NHL. Man weiß, dass in Russland gutes Geld zu verdienen ist. Jeder Mensch muss Essen auf den Tisch bringen – die KHL war mein Weg, Essen auf den Tisch zu bringen.

Das Camp war nun also ein sportlicher Testlauf für Sie.

Kozun: Ja, ich wollte sehen, wo ich im Vergleich zu den besten Spielern der Welt stehe – und Colorado hat einige der besten Spieler der Welt im Team. Um zu schauen, ob ich noch mithalten kann. Ich bin super zufrieden damit, wie es gelaufen ist. Das gibt mir eine Menge Selbstvertrauen, dass ich nun weiß, dass ich noch mithalten kann.

Sie haben die ersten Kaderreduzierungen überstanden, Colorado wollte Sie für das Farmteam in der American Hockey League verpflichten. Warum sind Sie trotzdem in Ingolstadt gelandet?

Kozun: In der AHL wäre ich wohl mehr in eine Art Mentorrolle geschlüpft. Dafür fühle ich mich noch nicht bereit, speziell nach dem NHL-Camp. Ich bin konkurrenzfähig, habe noch einiges im Tank und gesehen, dass ich auf dem Level der Besten spielen kann. Ich habe noch etwas Besonderes zu geben und möchte Teil von etwas Großem sein. Durch Gespräche mit Tim (ERC-Sportdirektor Regan, d. Red.) weiß ich, dass Ingolstadt in der vergangenen Saison erfolgreich war. Ich hoffe, dass ich helfen kann, nach dem schleppenden Start einen Unterschied zu machen. Das hat mich hierher gezogen.

Welche Stärken bringen Sie mit? Mit 1,73 Metern sind Sie nicht der Größte, dafür sehr schnell.

Kozun: Ich würde sagen, dass ich – gerade als älterer Profi – verschiedene Dinge mitbringe. Ich bin ein kompletter Spieler, der versucht, einen Effekt auf das Geschehen zu haben. Ich sehe mich gerne als Schweizer Taschenmesser, und meine Karriere spricht für sich. Ich versuche, immer hart und mit Tempo zu spielen. Ich hoffe, dass man diese Art von Eishockey hier sehen will und mit mir zufrieden sein wird.

Sie haben als Dreijähriger in Ihrer Geburtsstadt Los Angeles mit dem Eishockeyspielen begonnen, als die Legende Wayne Gretzky dort für die Kings spielte und einen Eishockey-Boom in Kalifornien auslöste. Sein Sohn Ty war einer Ihrer Freunde.

Kozun: Ja, ich habe mit ihm Eishockey gespielt. Damals war das noch kein populärer Sport in Kalifornien. Ich war auch mehrmals bei den Gretzkys zu Hause. Aber das ist fast 30 Jahre her, da kann ich mich kaum noch dran erinnern (lacht).

Die vergangenen acht Spielzeiten verbrachten Sie mehr oder weniger in der russisch dominierten KHL, Sie spielten für Helsinki, Jaroslawl, Magnitogorsk und Minsk. Der ehemalige ERC-Trainer Doug Shedden sagte einmal über seine Saison in der KHL: „Nun weiß ich, wo ich als Rentner nicht leben möchte.“ Wie haben Sie Russland erlebt?

Kozun: (lacht) Ich möchte nichts Schlechtes über Russland sagen. Für meine Karriere war es eine gute Zeit, meistens bin ich ordentlich behandelt worden. Es gab auch ein paar seltsame Machenschaften, aber das kann – nach meiner Erfahrung aus 13, 14 Profijahren – auch anderswo passieren. Überall gibt es gute und schlechte Menschen. Ich habe in Russland meine Frau Alyona kennengelernt. Und viele wilde Geschichten erlebt.

Können Sie ein paar erzählen?

Kozun: (lacht) Die behalte ich lieber für mich. Vielleicht erzähle ich ein paar, wenn das Aufnahmegerät aus ist.

Kommt Wodka-Konsum in diesen Geschichten vor?

Kozun: (lacht) Viele Dinge kommen in diesen Geschichten vor.

In Russland herrscht eine andere (Eishockey-)Kultur, es geht um mehr Gehorsam, es wird weniger hinterfragt und hart trainiert. Wie sind Sie zurechtgekommen?

Kozun: Wenn mir jemand etwas von Druck erzählen will, winke ich immer ab. Es gibt keinen Vergleich zu dem Druck, den ich in acht Jahren Russland erlebt habe. Es ist ihre Kultur, die ich nicht kritisiere. Es ist einfach so: Wenn sie dir Geld zahlen, erwarten sie, dass der Job erledigt wird. Da zählt das Menschliche dann mitunter nicht so viel. Als ich dort einen Vertrag unterschrieben habe, wusste ich, worauf ich mich einlasse. Mich hat das mental stärker gemacht. Jetzt freue ich mich aber darauf, mit ein paar mehr westlich denkenden Leuten zusammen zu sein und Eishockey zu spielen.

Sie haben osteuropäische Wurzeln, Ihre Großmutter ist in der Ukraine geboren. Hatten Sie keine Gewissensbisse, eine weitere Saison in Minsk/Belarus zu spielen, nachdem Russland im Februar 2022 einen Krieg in der Ukraine begonnen hat?

Kozun: Ich versuche, Politik und Eishockey zu trennen. Ich möchte niemanden verurteilen oder mich auf die eine oder andere Seite schlagen. Ich hatte dort einen Vertrag zu erfüllen und einen Job zu erledigen.

Sie haben mit Team Kanada an den Olympischen Spielen 2018 in Südkorea teilgenommen. Im Halbfinale verloren Sie gegen Deutschland, aber kamen immerhin mit der Bronzemedaille zurück.

Kozun: Wie oft hat man die Chance, an Olympischen Spielen teilzunehmen und für Kanada zu spielen? Die Kanadier könnten sicherlich zehn Mannschaften schicken, wenn sie ihre besten Spieler zur Verfügung hätten. Einfach ein Teil von Olympia zu sein war großartig. Gold, Silber oder Bronze spielte gar keine so große Rolle.

Kennen Sie den einen oder anderen Ihrer neuen Ingolstädter Teamkollegen schon?

Kozun: Der Einzige, mit dem ich für kurze Zeit zusammengespielt habe, ist Casey Bailey. Das war bei den Toronto Maple Leafs. Zu Juniorenzeiten habe ich wahrscheinlich gegen Colton Jobke gespielt. Auch gegen Mat Bodie in der KHL. Aus der DEL kenne ich Zach Boychuk (Eisbären Berlin, d. Red.), Linden Vey oder John Gilmour (Adler Mannheim, d. Red.). Da gibt es einige bekannte Gesichter.

Der Mannheimer Korbinian Holzer, den Sie in Toronto kennenlernten, bezeichnete Sie vor rund zehn Jahren als „Duracell-Hase“. Trifft es das?

Kozun: (lacht) So ziemlich, würde ich sagen. Ich spiele mit viel Geschwindigkeit und laufe gerne. Damals habe ich in der vierten Reihe der Leafs gespielt, da musste man Energie reinbringen. Ich gebe immer Gas.