Hund weg
Wenn Bellos Jagdpassion Besitzer verrückt macht

22.05.2023 | Stand 22.02.2024, 5:45 Uhr

Jagdtrieb bei Hunden - Kurz nicht hingeguckt, schon ist er weg: Jagdhunde überlegen nicht lange. - Foto: Anna Auerbach/Kosmos Verlag/dpa-tmn

Mal ist es eine Spur im Wald, mal rollt ein Skateboard-Fahrer vorbei - schon ist der Hund außer Kontrolle. Kann man nichts machen, ist schließlich ein Trieb? Von wegen. Training kann Wunder wirken.

Es ist entzückend, wenn ein Welpe einem Blatt hinterherjagt. Oder wenn er versucht, einen Schmetterling zu fangen. Aber spätestens wenn er sich ein paar Monate später auf die Nachbarskatze stürzt, stundenlang in Kaninchenbauten stöbert oder beim Anblick eines Rehs auf Nimmerwiedersehen verschwindet, hört der Spaß auf.

Dann klingeln die Telefone bei Jagdhund-Expertinnen wie Anja Fiedler in Meerbusch und Alexandra Wischall-Wagner in Baden bei Wien. „Hilfe, mein Hund jagt!“, heißt es dann bei den verzweifelten Anrufern. Und auch: „Kann man diesen Jagdtrieb in den Griff bekommen?“

Die gute Nachricht vorneweg: „Definitiv kann man etwas machen - auch wenn es sich natürlich um angeborene Verhaltenssequenzen handelt, die durch züchterische Selektion bei den spezialisierten Hunden weiter exponiert wurden“, sagt Anja Fiedler. „Aber alles, was ein Gehirn hat, kann lernen.“ Und Alexandra Wischall-Wagner bestätigt: „In jedem Alter kann man noch etwas bewirken!“

Allerdings: Einfach abschalten lässt sich solch eine Jagdbegeisterung nicht. Wer auf eine schnelle Lösung hofft, wer meint, mit Bestrafung, Gewalt oder gar Elektroschock-Halsbändern könne man etwas erreichen, liegt absolut falsch.

Der Schuss könnte dabei sogar nach hinten losgehen. „Ein Hund wird auf solche Reize immer mit noch mehr Stress reagieren“, sagt Wischall-Wagner. Dann zeigt er noch mehr Frust-, Aggressions- und Jagdverhalten.

Orientieren, Fokussieren, Reflektieren

Beide Verhaltenstrainerinnen setzen auf andere Methoden: auf Kontrolltraining, den Ausgleich von Bedürfnissen und artgerechte Beschäftigung. Dafür müssen die Hundehalter jedoch auch erst einmal wissen, was bei ihren jagdbegeisterten Vierbeinern überhaupt passiert, wenn diese in Sekundenschnelle aus dem Häuschen geraten.

Die Puzzleteile, die aufeinanderfolgen, sind immer dieselben. Wenn auch je nach Individuum und Hundetyp unterschiedlich stark ausgeprägt: Es beginnt beim Orientieren, Suchen und Ausschau halten, dann folgen Fokussieren, Belauern und Vorstehen und schließlich das Anschleichen.

Bis zu diesem Punkt ist das Verhalten ihrer Hunde für die meisten Besitzer wohl noch akzeptabel. Doch dann folgen Hetzen, Packen, Festhalten und schließlich das Töten, Zerlegen und Fressen.

Wenn es darum geht, den Hunden so etwas abzugewöhnen, gibt es zum Trainingsbeginn immer eine große Frage: Wie viel Jagderfolg hatte er schon und wie weit ist er vorangekommen in diesem jagdlichen Ablaufplan? „Das Problem ist, dass wir Menschen das Verhalten ganz unbewusst verstärken“, sagt Wischall-Wagner, Psychologin und Autorin („Nie mehr Stress mit meinem jagenden Hund“).

Denn jeder freut sich bestimmt, wenn das neue Familienmitglied verrückt auf das Quietschspielzeug ist und es fröhlich zerfetzen darf. „Aber da sind wir dann schon mitten in der Jagdverhaltenskette.“

Erster Erfolg: gucken, aber nicht jagen

Wo aber setze ich dann an, um ihn aus diesem Jagdtunnel wieder herauszubekommen? Dafür braucht es zunächst ein Ziel, sprich: Was möchte ich, dass er nicht mehr tut? „Wenn die Ausgangslage ist, dass er Vögeln hinterherrennt, wäre es schön, wenn er diese vielleicht im Stehen nur angucken könnte“, sagt Anja Fiedler, die in Meerbusch die Hundeschule „Dogable - was (Jagd)Hunde wollen“ leitet.

Dann fängt man kleinschrittig an und sucht sich den schwächsten Auslöser aus. Sprich: Wenn mein Hund schon total durchgedreht auf Enten reagiert, übe ich erst mal die Begegnung mit einer Amsel. Und das an einer etwas längeren Leine und in einer Distanz, in der der Hund noch nicht direkt losspringt.

Wenn er die Amsel sieht und kein unerwünschtes Verhalten zeigt - also ruhig steht und guckt - gibt es ein so genanntes Marker-Signal (ein Klicker-Geräusch oder ein Wort) und es folgt eine Belohnung. Das muss nicht unbedingt ein Leckerchen sein! Sinnvoller sei es, eine Belohnung auszutüfteln, die dem Verhalten entspricht, was der Hund hätte praktizieren wollen.

Im Fall des Vogels beispielsweise das Hinterherlaufen. Daher folgt statt Leckerchen lieber ein kleines Lauer- oder Verfolgespiel. Oder aber: Ein Hund sieht ein Kaninchen, das er am liebsten packen würde - aber er bleibt stehen.

„Dann gibt es ein Markersignal und ich belohne ihn mit einem Zergelspiel.“ Der Hund lernt auf diese Weise, dass sich das Warten lohnt. Klappt die erste Stufe des Trainings gut, muss dieses Verhalten bei steigender Ablenkung trainiert und gefestigt werden.

Für Fortgeschrittene: ruhig weitergehen trotz Reiz

Alexandra Wischall-Wagner geht noch einen Schritt weiter: „Mein Ansatz ist, es soll den Hunden eher egal werden, was sie sehen.“ Ganz gleich, ob es ein Kind auf dem Roller oder ein Hase ist.

Das Rezept ihrer Ausbildung lautet: „Bindung, Impulskontrolle und Auslastung.“ Und das braucht Zeit und Geduld. Bei einem neuen Hund muss man zunächst zur Vertrauensperson werden, bevor man Grenzen setzen kann.

Wischall-Wagner ist keine Freundin von Zerr- und Ballspielen. „Wenn man seinem Border Collie zwei Stunden Bälle wirft, um ihn zu beschäftigen, ist das die ganze Zeit nur unkontrolliertes Jagdverhalten: Hetzen, Packen, Hetzen, Packen.“

Für eine bessere Auslastung sorge Apportiertraining, Fährtenarbeit oder Mantrailing. Und wenn ein Hund partout auf Bälle steht, sollte man sie ihm lieber verstecken und ihn suchen lassen. „Die trägt er dann ganz kurz und es wird wieder getauscht.“

Ausgeglichener Hund, ausgeglichenes Verhalten

Ganz wichtig ist auch die psychische Verfassung des Hundes. „Wenn sich der Hund unwohl fühlt, fällt uns das immer auf die Füße“, weiß Anja Fiedler, Autorin des Buches „Jagdverhalten verstehen, kontrollieren, ausgleichen“.

Denn ein Hund, der Trennungsangst hat und zuvor stundenlang alleine war, geht schon total gestresst ins Feld. „Dann ist er besonders empfänglich für jegliche Reize - sucht und stöbert lieber, statt mit seinem Menschen zu kooperieren.“

Übrigens: Mit stundenlangem Training und immer neuen Ausbildungsgruppen kann man seinen Hund auch überfordern. Sinnvoller ist es, die Übungen kleinteilig in die täglichen Spaziergänge einzubauen.

Literatur:

Alexandra Wischall-Wagner: „Nie mehr Stress mit meinem jagenden Hund: So lenken Sie das Jagdverhalten des Hundes in die richtigen Bahnen“, 2022, GU, 224 Seiten, 23,00 Euro, ISBN: 978-383-388-194-7

„Jagdverhalten verstehen, kontrollieren, ausgleichen: Wege in den Freilauf“, Anja Fiedler, 2019 , Kosmos, 264 Seiten, 28,00 Euro, ISBN: 978-344-014-953-9

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