Reise-Reportage
Verzweifeltes Warten auf Touristen: Gaza-Krieg sorgt für Flaute in Jordanien

10.05.2024 | Stand 14.05.2024, 9:57 Uhr

Petra abseits des weltberühmten Schatzhauses „Al Khazneh“: Die gesamte Wüstenstadt wurde vom Volk der Nabatäer vor 2000 Jahren in den roten Stein gemeißelt. Die am Foto sichtbaren Höhlen dienten als Grabstätten.  − Fotos: Katja Elsberger

Der Krieg in Israel und Gaza beeinflusst die Tourismusbranche im Nachbarland Jordanien stark. Einheimische sind besorgt. Denn der Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren des Landes.

Das Zelt von Abdallah ist spärlich eingerichtet. Ein paar Kissen, ein Teppich. Mehr braucht der 54-Jährige nicht. „Die Erde ist unsere Matratze, der Himmel unsere Decke“, lautet eine alte Weisheit der Beduinen, die das Leben der Nomaden und Viehzüchter in den Weiten der Wüsten Jordaniens eindrücklich beschreibt. Vor dem Zelt lodert ein Feuer. Abdallah hat es angefacht, um Kaffee zu kochen. Wie ein kleiner Bub hockt der Beduine davor, die Pfanne in der einen, die Kelle in der anderen Hand, und röstet Kardamom. Immer wieder huscht ein Lächeln über sein von der Sonne gezeichnetes Gesicht, während er die Pfanne über dem Feuer schwenkt. Genug geröstet. Abdallah füllt die Gewürze in ein Gefäß und beginnt sie zu mahlen. Mit einem Stößel klopft er immer wieder gegen den Mörser und lässt diesen erklingen. Kling. Kling. Stampf. Stampf. Immer wieder. Jede Beduinenfamilie hat ihren eigenen Rhythmus. So wissen Freunde, dass es Kaffee gibt.

Beduinen: Statt Einnahmen leben sie derzeit von Ersparnissen

Normalerweise seien zwei bis drei Touristen-Gruppen pro Woche bei ihm zu Gast, erzählt Abdallah. Für ein paar Dinar bietet er eine Art Beduinen-Erlebnis-Programm, bei dem er für die Touristen Kaffee zubereitet. Von dem Lohn kann er seine Familie versorgen – zumindest konnte er das.

Denn seitdem am 7. Oktober 2023 Hamas-Kämpfer Israel überfielen und Israel in Gaza einmarschiert ist, reisen nur noch wenige Touristen nach Jordanien. Denn das Land teilt sich eine Grenze mit Israel und dem von Israel besetzten Westjordanland.

Derzeit lebe er noch von seinen Ersparnissen, erzählt Abdallah. Sollte sich die Situation nicht bald verbessern, müsse er sich wieder mehr Vieh zulegen, damit herumziehen, Käse und Joghurt produzieren und verkaufen – „back to the roots“ quasi. „Die meisten Beduinen sind vor zirka 40 Jahren sesshaft geworden und leben mit ihren Zelten am gleichen Fleck, damit die Kinder zur Schule gehen können“, erklärt Mohammed Zanoon, ebenfalls Beduine, der die Kaffee-Zeremonie begleitet.

Gewohnt, „der Mittelpunkt im Brennpunkt zu sein“

Wie aus einer anderen Welt wirkt die TV-Schüssel, über die Abdallah das Signal für seinen Fernseher empfängt. Auf diesen kann und will er nicht verzichten. Zu wichtig sei es ihm, über die Geschehnisse im Nahen Osten informiert zu sein. Er hofft, dass bald „Salam“, also Frieden, herrscht. Abdallahs Miene wird nachdenklich: „Es ist schrecklich, was passiert. Das Leid der Menschen – entsetzlich. Es kämpft nicht nur Soldat gegen Soldat. Nein. Es werden Kinder und Frauen verletzt und getötet.“ Jordanier haben merklich das Bedürfnis, über die Situation im Nahen Osten zu sprechen, viele gehen auch auf die Straße, um gegen den Krieg zu protestieren. Denn die Verbundenheit zu den palästinensischen Nachbarn ist groß: Rund 12 Millionen Menschen hat das Land. Mehr als die Hälfte der Menschen wurde Schätzungen zufolge in Palästina geboren oder sie haben dort Familie oder Verwandte. Entsprechend groß ist die Betroffenheit in Jordanien.

Bisher konnten sie sich zumindest in Sicherheit wähnen. Denn Jordanien gilt als „Insel der Stabilität“ in einer von Konflikten geprägten Region. Seit dem Beginn des Libanonkriegs und dem anschließenden ersten Golfkrieg (1980) sei es Jordanien gewohnt, „der Mittelpunkt im Brennpunkt zu sein“, erklärt Tour-Guide Mohammed Eid Al Bedowi. Die Königsfamilie, vorneweg König Abdallah II., nahm in der Vergangenheit immer wieder die Vermittler-Rolle ein. „Das Königshaus hält die Waage und vermittelt Stabilität. Der König pflegt eine stabile Diplomatie mit den Nachbarländern“, antwortet Mohammed Eid Al Bedowi auf die Frage, wie Jordanien es schafft, friedlich zu bleiben.

Bis jetzt. Der Gaza-Krieg und die neue Eskalation zwischen dem Iran und Israel stellen Jordanien auf eine harte Probe. So lag Jordaniens Hauptstadt Amman bei Irans Angriff auf Israel direkt in der Schusslinie. Jordaniens Luftwaffe hatte dabei geholfen, einige der Raketen aus dem Iran und von dessen Verbündeten aus der Region abzufangen. Jordanien ist zwischen die Fronten geraten. Die Sorge, dass ein „Flächenbrand“ im Nahen Osten ausbrechen könnte, ist weltweit groß.

„Touristen bilden eine Brücke − das stärkt die Toleranz“

Für Jordanien wäre es auch wirtschaftlich verheerend. In den vergangenen Jahren hat sich das Land zu einem beliebten Reiseziel entwickelt. Mittlerweile sei der Tourismus eine der Haupteinnahmequellen Jordaniens geworden, weiß Mohammed Eid Al Bedowi. Eine, in seinen Augen, gute Entwicklung, auch abseits des Geldes. Denn: „Die Touristen bilden eine Brücke, die Menschen kommen näher zueinander. Das stärkt die gegenseitige Toleranz.“

Mohammed Eid Al Bedowi weiß, wovon er spricht. Er ist Beduine und ein „Wüstensohn“. Aufgewachsen ist er mit Ziegen und Schafen in der Nähe von Jerusalem und Jericho, heute ist er staatlich geprüfter Reiseleiter in Jordanien. „Mir ist es wichtig, dass sich unsere Kulturen näher kommen und wir auf unseren Reisen die Möglichkeit haben unsere seelischen Grenzen zu überschreiten“, sagt der 66-Jährige, der fließend Deutsch spricht. Er hat in Dortmund Informatik studiert und dabei die deutsche Kultur kennen und lieben gelernt. Alle Menschen sind für ihn Brüder und Schwestern. Sein Anliegen: „Wir müssen laut ,Stop‘ sagen gegen Kriege auf der ganzen Welt.“

Nachdenklich wird man angesichts der Situation am Berg Nebo, von wo aus man in eine schier unendliche Weite blicken kann. In Sichtweite liegt der tiefste Punkt der Erde an Land – das Tote Meer. In der Ferne sind Israel und Palästina, sogar Silhouetten von Betlehem und Jerusalem, zu sehen.

Ein Ort der Spiritualität und des Widerspruchs

Einst soll der Prophet Moses von dort aus ins „gelobte Land“ geblickt und am Nebo seine letzte Ruhe gefunden haben. Durch seine religiöse Bedeutung strahlt der Berg Spiritualität und Friedlichkeit aus – und das, obwohl sich wenige Kilometer weiter ein Krieg abspielt. Ein Widerspruch in sich.

Auch in der Wüste Wadi Rum merkt man, dass nicht alles beim Alten ist. Die Wüste kennt man aus Filmen wie „Der Marsianer“. Eine Tour durch die Wüste mit ihren Felsformationen lässt so gut wie kein Tourist aus. Jetzt ist kein Mensch im Besucherzentrum, sozusagen dem „Eingang“ zur Wüste. Nur ein paar Beduinen sitzen in der sengenden Hitze. Normalerweise hätten sie dafür keine Zeit. Sie würden mit ihren Geländewagen eine Tour nach der anderen fahren – denn es ist eigentlich Hochsaison.

Nicht anders sieht es in der Weltkulturerbe-Stätte „Petra“ aus. Die ins Fels geschlagene Stadt, die vom Volk der Nabatäer bewohnt wurde, hat sich zu einem Touristenmagneten entwickelt. Teils musste man in der Schlange stehen, bevor man einen Blick in die Höhlengräber werfen konnte. Aber Petra ist wie leergefegt. Das ist gut für Touristen, die die Stadt in Ruhe besichtigen möchten – aber schlecht für Menschen, die mit Tourismus ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen.

Verzweifelt versuchen Verkäufer ihre Souvenirs an die paar Touristen zu bringen, die die in Stein gemeißelte Stadt besichtigen. „Wollen Sie etwas kaufen?“, fragt eine Standbetreiberin jeden, der nur einen kurzen Blick auf ihre Waren wirft. Trotzdem ist die Verkäuferin nicht aufdringlich, aus ihr spricht mehr die Verzweiflung.

Eine Touristin aus Köln kauft einen Glücksbringer. „Sie war meine erste Kundin heute“, sagt die Verkäuferin, die sich als Ruda Musa vorstellt. Um diese Uhrzeit – es ist später Nachmittag – wäre das früher undenkbar gewesen. „Ich hatte ein gut laufendes Geschäft“, sagt die 36-Jährige. Jetzt bleibt auch ihr nichts anderes übrig, als von Ersparnissen zu leben.

Eine der wenigen Touristinnen, die Petra besichtigen ist Kimberly van Herk aus Endhoven in den Niederlanden. Die 31-Jährige hatte eine Gruppenreise gebucht, die aber gecancelt wurde, weil sie sich als Einzige angemeldet hatte. „Aber mir war klar: Ich möchte diese Reise machen – auch wenn ich für verrückt gehalten werde“, sagt die Niederländerin. Warum? „Weil ich mich hier sicher fühlen kann. Denn obwohl Jordanien in einer konfliktgeprägten Region liegt, ist das Land immer neutral geblieben.“ Kimberly ist bereits vor dem Iran-Angriff auf Israel und der neuerlichen Eskalationsstufe in Gaza wieder nach Hause gereist. Ob sie auch aktuell nach Jordanien reisen würde? Wir wissen es nicht.


INFORMATIONEN

Jordanien liegt im Nordwesten der Arabischen Halbinsel. Nachbarstaaten sind der Libanon, Syrien, Irak, Saudi-Arabien, Israel und Palästina. Im Süden grenzt Jordanien ans Rote Meer. Das Land ist eine konstitutionelle Monarchie. Regiert wird das Land von König Abdullah II. bin al-Hussein (seit 1999). Die Königsfamilie entstammt der arabischen Herrscherfamilie der Haschimiten, weshalb sich Jordanien offiziell als haschimitisches Königreich bezeichnet.

REISE- UND SICHERHEITSHINWEISE

In der Nacht auf den 14. April haben iranische Luftangriffe auf Israel stattgefunden. Jordanien hat deshalb vorübergehend den eigenen Luftraum geschlossen. Inzwischen ist der Luftraum wieder geöffnet. Reisende sollen sich über die aktuellen Entwicklungen informieren, rät das Auswärtige Amt. Es wird geraten, sich von Menschenansammlungen fernzuhalten. In grenznahen Regionen – insbesondere auch auf dem „Dead Sea Highway“ – könne es zu Sperrungen und/oder zusätzlichen Kontrollstellen kommen. Vor Reisen nach Jordanien wird derzeit nicht gewarnt. Reiseveranstalter wie Hauser Exkursionen nehmen zwar eine Zurückhaltung bei den Buchungen wahr, planen aber dennoch weitere Reisen nach Jordanien. „Die nächsten Gruppenreisen sind im Herbst geplant“, teilt Hauser-Geschäftsführer Manfred Häupl mit. Weitere Infos: www.hauser-exkursionen.de.

ANREISEN

Direktflüge in die Hauptstadt Amman sind u.a. von Frankfurt aus möglich. In Wadi Rum oder im Dana Reservat übernehmen Beduinen den Transport.

ÜBERNACHTEN
Der Sternenhimmel in Jordanien ist klar und für Beduinen sogar ein wichtiges Instrument zur Orientierung. Wer eine Nacht ohne elektrisches Licht erleben und mehr über Sternbilder erfahren möchte, ist in der Feynan Ecolodge im Dana Reservat richtig aufgehoben. Weitere Infos unter www.ecohotels.me/Feynan.

https://de.visitjordan.com/


Redakteurin Katja Elsberger war auf Einladung von Hauser Exkursionen in Jordanien unterwegs.