Reise-Reportage
Formentera – die Insel der „verrückten“ Umweltschützer

14.06.2024 | Stand 26.06.2024, 16:11 Uhr |

Der Wind formt die Wellen am Platja de Mitjorn auf Formentera: Über solche Holzkonstruktionen werden die Boote der Einheimischen in Wasser gelassen.

Die Insel wird auch als europäische Karibik bezeichnet: Doch Formentera mit dem türkisblauen Meer und den weißen Sandstränden hat noch deutlich mehr zu bieten. Vor allem in Sachen Nachhaltigkeit.

Der Wind weht kräftig, während Bartolomé Torres Mayans (50) mit seinem E-Bike durch den sonnengewärmten Sandstrand an der Südküste Formenteras entlangfährt und sich zufrieden umsieht. Auch ein bisschen Stolz schwingt in seinem Blick mit, denn er begleitet gerade eine Touristengruppe rund um die Insel – und zwar mit seinen E-Bikes.

Bartolomé ist ein wahrer Pionier auf Formentera: Vor rund vier Jahren habe er die elektrischen Räder auf der Insel etabliert, wie der 50-Jährige erzählt. Das hat zum einen den Grund, dass er selbst gerne mit dem Rad unterwegs ist – zum anderen aber auch, weil die Insel-Regierung ein besonderes „Programm“ eingeführt hat: Formentera Eco.

Dabei wird der „Fahrzeugfluss für ein nachhaltiges Formentera vom 1. Juni bis 30. September“ geregelt, so Bartolomé. Die Belastung auf den lokalen Straßen soll dadurch so gering wie möglich gehalten werden. Aber auch, um die Umwelt so gut wie möglich zu schützen, ist die Zahl der Autos im Sommer begrenzt.

Neptungras als wahrer Klimaheld



Grundsätzlich wird der Nachhaltigkeitsgedanke auf Formentera großgeschrieben – kein Wunder: Denn mit dem Neptungras (lat. „Posidonia oceanica“) sind die Formenterer regelrecht eingekesselt von einem wahren Klimahelden. Die Superpflanze könne demnach doppelt so viel CO2 speichern wie beispielsweise eine gleich große Fläche tropischer Regenwald, verraten Nathan Lefevre und Dario Gaita, zwei professionelle Taucher auf Formentera. Übrigens: Eben wegen dieser Pflanze wirkt das Meer so strahlend türkisblau.

Während der Sommermonate müssen sich die zwei ihren Unterwassergarten mit vielen anderen Hobbytauchern teilen. Die ganze Insel ist dann umringt von weißen Booten und Jachten. „Über das Neptungras drüberzufahren, ist kein Problem. Verboten ist es allerdings, dort zu ankern. Denn sonst werden die Wurzeln der ,Posidonia‘ rausgerissen und große Teile des Grases zerstört“, erklären die Taucher.

Dieser rücksichtsvolle Umgang mit der Natur trägt übrigens bereits Früchte. „Das Leben kommt zurück“, verrät Nathan und meint dabei vor allem Seepferdchen, die mittlerweile wieder immer häufiger im Mittelmeer zu finden sind. Das Neptungras ist nämlich nicht nur ein wahrer Klimaheld, sondern vor allem auch Heimat für viele Unterwasser-Lebewesen. Zwischen den einzelnen Grashalmen wimmelt es nur so von Barrakudas, Meeraalen und Seeigeln.

Der Gitarrenbauer von Formentera



Kein Wunder also, dass der Deutsche Ekkehard „Ekki“ Hoffmann (72) dem Charme der Insel komplett verfallen ist. Der gebürtige Bremer lebt seit 34 Jahren auf der Insel und ist Gitarrenbauer. Ganz gleich ob Erle, Esche, Ahorn oder Mahagoni: In Ekkis Werkstatt in Sant Ferran de ses Roques zeigt er vor allem Touristen, wie einfach es ist, seine eigene Gitarre zu bauen.

Der 72-Jährige selbst hatte 1989 einen solchen Kurs besucht und sich einen Bass gebaut − in eben jener Werkstatt. Zwei Jahre später wurde dem gelernten Elektrotechniker dann angeboten, die Gitarrenbauschule zu übernehmen. Da willigte er sofort ein: „Es ist sozusagen die Geschichte vom Schüler zum Lehrer“, erinnert er sich und schmunzelt.

Was er an der kleinen Balearen-Insel am meisten schätze? „Es gibt keine Ampeln hier auf Formentera“, verrät er lachend. Neben einer eigenen Gitarre lernt man in Ekkis Werkstatt übrigens auch noch ganz viel über Humor – so viel schon mal vorweg.

Recycling-Kunst aus Plastikmüll



Neben Humor findet sich auf Formentera aber auch ganz viel Kreativität – vor allem in Person von Sol Courrèges-Boné (49). Denn sie kreiert aus angespültem oder hinterlassenem Müll Kunst. Eines ihrer auffälligsten Werke sind riesige Engelsflügel, die an einer Bank der Hafenstadt La Savina befestigt sind. Die Flügel bestehen aus 180 Milchflaschen, die Sol auf Formentera gesammelt hat. „Eigentlich weiß ich immer sofort, wenn ich etwas sehe, was daraus entstehen soll“, verrät die Künstlerin.

Übrigens ist es schon beinahe Tradition: Jeden Sonntag sammeln die Formenterer gemeinsam Müll und säubern die Strände − auch Sol ist regelmäßig mit dabei. Die Hinterlassenschaften haben zwar für sie persönlich etwas Gutes – denn auf diese Art entstehen die Kunstwerke der 49-Jährigen –, doch das viele Plastik hat natürlich einen faden Beigeschmack. „Und der Müll wird immer mehr“, klagt sie.

Das Mindset der Einheimischen beschreibt die gebürtige Argentinierin übrigens „wie die Trueman-Show“: „Formentera ist wie ein Krankenhaus voller verrückter Menschen“ und meint dabei vor allem die, die das gesamte Jahr über auf der Insel wohnen – wie sie selbst. „Weil wir daran glauben, dass sich wirklich etwas ändern kann.“


INFORMATIONEN

Die spanische Insel Formentera ist rund 20 Kilometer lang und an ihrer schmalsten Stelle nur zwei Kilometer breit – insgesamt hat sie eine Fläche von 82 Quadratkilometern. Die Nachbarinsel Ibizas ist vor allem seit den 1980er Jahren als Urlaubsparadies bekannt. Damals war Formentera vor allem bei Hippies und Aussteigern ein Geheimtipp.

ANREISEN

Formentera ist eine Insel ohne eigenen Flughafen. Deshalb erfolgt die Anreise am einfachsten per Flugzeug nach Ibiza und anschließend mit der Fähre in Richtung Hafenstadt La Savina. Die Fähre legt während der Sommermonate 40 Mal täglich ab – die Überfahrt dauert rund eine halbe Stunde.

ÜBERNACHTEN

• Auf Formentera findet man eine große Auswahl an günstigen „Hostales“ und Apartments, meistens an idyllischen Plätzen inmitten der Natur, die absolute Ruhe und Abgeschiedenheit bieten.

• Der einzige richtige Ferienort ist Es Pujols, ein kleines Dorf mit wunderschönem Strand und einer sehr entspannten Atmosphäre.

• An der Südküste entlang des Strandes Playa Migjorn gibt es auch ein paar größere Hotelkomplexe für Urlauber, die auf mehr Komfort und Service Wert legen.

www.spain.info/de/

www.formentera-island.de/


Redakteurin Julia Müller recherchierte auf Einladung von Turespaña auf Formentera.