Reisebericht
Der Klang der Dolomiten im Trentino

21.06.2024 | Stand 24.06.2024, 17:07 Uhr |

Die Gipfelzacken der Palagruppe bilden den Hintergrund für das kostenlose Freiluftkonzert. Auf der Almwiese bei Sagron Mis lässt hier das Quintett „La Petite Écurie“ Musik erklingen, wie sie gerne der französische Sonnenkönig Ludwig XIV. in seinem Schlosspark von Versailles hörte. − Fotos: Baumgartl

Grüne Wiesen, bizarre Berge und darüber dieses endlose Blau: Im Trentino wird die Natur jeden Sommer zum Konzertsaal. Gespielt wird auf Almen und Felsplateaus, an Seen oder im Wald. Die Gäste erleben beim Festival „I Suoni delle Dolomiti“ Klassik, Jazz, Weltmusik und Pop vor grandioser Kulisse – kostenlos. Und dazwischen lässt sich
die Dolomiten-Region erkunden, die zum Welterbe zählt.

Locker verteilen sich die Picknickdecken auf der sanft abfallenden Wiese. Die Zuhörer tragen Kappen und bunte T-Shirts, es riecht nach Sonnencreme. Wasserflaschen liegen im Gras, ein Schmetterling flattert vorbei. Und von vorne kommen ungewöhnliche Töne. Sie sind über 300 Jahre alt und die Musiker spielen in einer Besetzung, wie sie einst Ludwig XIV. befahl, der französische Sonnenkönig.

Der Monarch ließ einst zur Unterhaltung in seinem Schlosspark lautstarke Holzbläser-Formationen antreten. Diese Idee greift das Originalklang-Ensemble „La Petite Écurie“ auf und tritt bei seinen internationalen Konzerten als „Oboenband“ an: drei Oboen verschiedener Größe, Fagott und Schlagwerk. Und so bereichert der Sound des Sonnenkönigs nun das Programm des Festivals „I Suoni delle Dolomiti“, das alljährlich von Ende August bis Ende September 17 kostenlose Freiluftkonzerte an wechselnden spektakulären Orten im ganzen Trentino bietet. Meist finden sie mittags statt, gelegentlich auch in der Morgendämmerung.

Richtig königlich fühlen sich die Zuhörer hier auf der grünen Wiese von Giasenei, einem Ortsteil der 180-Einwohner-Gemeinde Sagron Mis im Tal Val Canali. „Wir sitzen hier wie im Theater. Es ist wirklich eine spektakuläre Szenerie“, sagt Roberto Walczer aus Vicenza und deutet mit einem strahlenden Lächeln über die Musiker hinweg auf die schroffen Spitzen der „Pale di San Martino“. So heißt auf Italienisch die Palagruppe im Gebiet von San Martino di Castrozza. Wie andere Dolomitengruppen hat die UNESCO sie zum Welterbe ernannt.

Verlockende Kombination von Natur und Kultur



Der 61-jährige Roberto und seine Frau Cinzia haben sich morgens um sechs Uhr in ihr Wohnmobil gesetzt, um wie alle Jahre die Kombination von Natur und Kultur bei einem der Freiluftkonzerte im Trentino zu genießen. „Wir lieben Barockmusik und wir lieben die Landschaft hier“, erklärt Cinzia Walczer, warum die beiden gerade heute hier sind.

Kurz vor der improvisierten Bühne verfolgt die elfjährige Julia aus dem nahen Ort Transacqua konzentriert das erste Konzert ihres Lebens. Das Mädchen ist gehörlos, doch weil die Festivalmacher einige Konzerte barrierefrei gestalten, darf Julia hier in eine so genannte SubPac-Weste schlüpfen. Die verwandelt Töne in Vibrationen. So kann das Mädchen die Musik des Sonnenkönigs zwar nicht hören, aber erfühlen.

Vor oder nach dem Konzert ist Wandern angesagt. Zum Beispiel mit dem 70-jährigen Narci Simion im „Val delle Moneghe“, dem Tal der Affen, das hier in diesem abgeschiedenen Winkel der Dolomiten liegt. Der ehemalige hochalpine Bergführer bringt heute als Guide Gästen die Schönheit seiner Heimat näher. Durch das schimmernde Grün des Bergwaldes geht es hinauf. Immer wieder öffnet sich der Blick auf die Spitzen und Felswände, deren Namen der graubärtige Mann in der roten Jacke gerne nennt: „Das ist der Sasso delle undici und das daneben die Forcella del Comedon. An dieser Stelle ist der Durchstieg des Dolomiten-Höhenwegs 2 von Brixen nach Feltre.“ Bei der hölzernen Schutzhütte auf 1265 Metern Höhe endet die Wanderung. Der Rückweg führt weiter unten an einem einsamen Haus vorbei. „In diesem Teil des Tales gibt es keine Orte, sondern überall verteilt kleine Ansiedlungen für zwei bis drei Familien. Manche Siedlungen sind verlassen“, erklärt der 70-Jährige. Dann hellt sich sein Gesicht auf: „Aber jetzt kehren immer mehr junge Leute zurück. Sie haben Kinder und wollen raus aus der Stadt – eine neue Bewegung.“

Rückbesinnung auf die Natur



Die Rückbesinnung auf die Natur hat Elisa Tavernaro im Ort Tonadico ein Stück flussabwärts sogar zur Geschäftsidee gemacht. Im langen grünen Kleid steht die Mutter von vier Kindern in ihrem Heilpflanzengarten, den sie nach den Ideen der Hildegard von Bingen angelegt hat. Gelbe Ringelblumen stehen neben weißer Schafgarbe. „Hier, das ist Bergspinat. Der ist sehr nützlich. Man kann die Blätter essen und aus den Samen Mehl machen“, erklärt die 44-Jährige und ihre klaren Augen leuchten noch mehr auf.

Vor 15 Jahren fing sie an, Kräuter zu sammeln, „weil meine Oma sie auch benutzte“. Mittlerweile verkauft Elisa in ihrem duftenden Laden Tee aus allem, was auf ihren Wiesen wächst oder was sie in der Natur findet. Oder sie liefert ihre Blüten und Blätter an kleine lokale Hersteller von Cremes und Bonbons. Dann kam der mittelalterliche Heilpflanzengarten dazu. „Viele junge Leute kommen und interessieren sich dafür “, erzählt die Kräuterfrau.

Die Natur mit allen Sinnen erfahren – das sollen die Gäste in der nahen Villa Welsperg. Die einstige Residenz der Südtiroler Grafen dient heute als Besucherzentrum des Naturparks Paneveggio – Pale San Martino. Draußen kann man auf einem Barfußpfad die wechselnden Untergründe des Waldes Paneveggio und der umliegenden Berge erspüren. Drinnen können die Besucher den Artenreichtum und die Vielfalt der Natur wortwörtlich begreifen. Guide Valentina Fontana (26) öffnet die Tür zur „Fisioteca“. Statt Buchstaben und Bildern bergen die „Bücher“ in den Regalen Blätter, gepresste Blumen, Schneckenhäuser, Federn oder Vogelnester – die Natur der Dolomiten zum Anfassen.


Redakteurin Helene Baumgartl erkundete unterstützt von Trentino Marketing die Dolomiten-Region.

 Die autonome Provinz Trentino grenzt im Norden an Südtirol, Hauptstadt ist Trient. Die Landschaft ist geprägt von den Dolomiten. Die UNESCO hat mehrere dieser Berggruppen zum Welterbe erklärt, darunter auch die Palagruppe (Pale di San Martino) mit ihren markanten Gipfeln und einer 50 Quadratkilometer großen Hochebene. San Martino di Castrozza ist das Zentrum des Primiero-Tals. Die Gemeinde Sagron Mis liegt in dessen Seitental Val Canali.

ANREISEN
Zwischen München und Trient verkehren häufig Züge. Von dort geht es weiter mit dem für Gäste kostenlosen Nahverkehr. Das Liniennetz ist jedoch dünn. Deshalb bietet sich alternativ die Anreise mit dem Pkw über die Brennerautobahn an. Mit über 30 Ladesäulen wirbt das Primiero-Tal um E-Auto-Fahrer.

ÜBERNACHTEN
Vom Hotel bis zur Berghütte reicht das Angebot der Unterkünfte. Eine Kombination aus beidem bietet das Chalet Piereni im Val Canali, ein Familienbetrieb mit 19 Zimmern auf 1003 Metern Seehöhe.

DAS FESTIVAL
„I Suoni delle Dolomiti“ ist ein Musikfestival inmitten der Natur – seit 1995. Das mehrwöchige Programm umfasst kostenlose Freiluftkonzerte verschiedener Musikgenres. Das Prinzip: Sie finden meist um 12 Uhr statt und man muss sich den „Konzertsaal“ erwandern oder – falls vorhanden – Lifte benutzen. 2024 finden von 28. August bis 29. September 17 Konzerte statt, darunter vier barrierefreie.

www.visittrentino.info/de