Reisebericht
Bernstein und Backstein in Danzig

22.06.2024 | Stand 22.06.2024, 5:44 Uhr |

In der alten Rechtsstadt wurden die Fassaden der Patrizier- und Bürgerhäuser wieder aufgebaut.  − Fotos: Sabine Heinritz

In Danzig begegnen Besucher auf Schritt und Tritt den Spuren der Geschichte. Die Kaufmannshäuser im Stadtkern zeugen vom reichen Erbe der Hansestadt. Heute präsentiert sich die Stadt an der Mottlau weltoffen und modern.

Hoch droben, auf der Aussichtsplattform am Rathausturm, ist der Trubel unten am Langen Markt weit weg. Unten machen die Touristen Fotos von den reich verzierten Bürgerhäusern und dem Neptunbrunnen. Wie Ameisen sehen die Menschen von hier oben aus, die historischen Gebäude wirken wie farbig bemalte Puppenhäuschen.

Nach der weitgehenden Zerstörung Danzigs im Zweiten Weltkrieg wurde der historische Stadtkern wieder aufgebaut. Die Fronten wurden soweit möglich restauriert, die Häuser dahinter sind Neubauten. Früher waren die Häuser viel tiefer, bis zu 70 Meter, dafür aber sehr schmal. Der Grund: eine Tageslichtsteuer, die nach der Größe der Fenster pro Haus berechnet wurde. Nur die alte Rechtsstadt im Zentrum wurde mit gewaltigen Anstrengungen wieder originalgetreu hergerichtet. In der Altstadt und weiteren Stadtvierteln dominieren neuere Wohn- und Geschäftshäuser.

Im 16. Jahrhundert war Danzig die reichste Stadt Polens wie auch Europas. „90 Prozent des polnischen Handels lief über die Weichsel und Zuflüsse über Danzig“, schildert Stadtführerin Ewa Jaroszynska. Auf der Speicherinsel in der Mottlau lagerten die Waren, so waren die Stadt und ihre Bewohner vor Bränden geschützt. Neun Wassertore und sieben Landestore verbanden sie mit dem Fluss: „Die Stadt ist wie ein Kamm gebaut“, beschreibt es Ewa Jaroszynska. Auch die Speicherinsel wurde im Krieg zerstört. Noch immer wird gebaut. Bürogebäude, Hotels und schicke Restaurants entstehen in einer Mischung aus historisierenden und modernen Elementen.

Hier steht die größte gotische Backsteinkirche der Welt



Beinahe gleichauf ist man auf dem Rathausturm mit einem weiteren, berühmten Gebäude Danzigs: der Marienkirche. Sie gilt als größte gotische Backsteinkirche der Welt, ist 78 Meter hoch und bietet 25 000 Gläubigen Platz. Für eine katholische Kirche in Danzig ist sie im Inneren erstaunlich schlicht. Ewa Jaroszynska weiß den Grund dafür: Jahrhundertelang war das Gotteshaus protestantisch, wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg zur katholischen Kirche umgewidmet, als tausende Flüchtlinge von Ostpreußen nach Danzig kamen. „Die Stadt hatte damals 200000 Einwohner, dazu kamen 500000 Flüchtlinge“, schildert Ewa Jaroszynska.

Geschichte ist in Danzig nie weit weg. Literatur auch nicht. Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass wuchs in Langfuhr, einem Stadtteil von Danzig, auf. In einem Park in der Nähe seines Elternhauses hat die Stadt ihm zu Ehren ein Denkmal errichtet. Anfangs saß nur Oskar Mazerath, Held seines bekannten Romans „Die Blechtrommel“, als Bronzefigur auf der Parkbank. Inzwischen leistet ihm sein literarischer Vater, Günter Grass, dort Gesellschaft. Der berühmte Schriftsteller hat in der „Blechtrommel“ ein genaues Bild seiner Heimatstadt gezeichnet. An der angegebenen Adresse gab es wirklich ein Spielwarengeschäft, in dem – wie im Buch beschrieben – Oskars Mutter neue Trommeln für den Sohn einkaufte, versichert die Stadtführerin. Anders bei Volker Schlöndorffs berühmter Verfilmung des Romans. Der habe sich etliche künstlerische Freiheiten bei den Drehorten genommen.

Moderne Hansestadt



So wie heute Studenten über das Erasmus-Programm zum Studieren ins europäische Ausland gehen, liefen die Verbindungen früher über die Hansestädte mit ihren wohlhabenden Kaufleuten. Zu ihrer Blütezeit war die Hanse die mächtigste Handelsorganisation Europas. Ihre Ursprünge liegen im 12. Jahrhundert. Der Neuen Hanse trat Gdansk, so der polnische Name Danzigs, im Jahr 1993 bei und richtete vier Jahre später den 17. Hansetag der Neuzeit aus. Er wird jedes Jahr in einer anderen Hansestadt gefeiert. Zu Karol Gzyls Aufgaben als Vizepräsident der Gdansk Stiftung gehört die Organisation des 44. Hansetags, der in diesem Jahr wieder in Danzig stattfand. Nach einer Parade der Hansestädte und der Eröffnungsfeier auf dem Langen Markt haben Besucher die Möglichkeit, auf dem nahe gelegenen Kohlenmarkt in die kulturelle Vielfalt Europas einzutauchen. Fast 100 Städte aus 13 Ländern präsentieren sich dort mit ihren Traditionen, handwerklichen und kulinarischen Produkten. Dazu gibt es Livemusik von regionalen Künstlern und Bands.

20 Jahre nach dem Beitritt Polens in die Europäische Union biete sich mit dem Hansetag die Gelegenheit, gemeinsame neue Ideen für die Zukunft der europäischen Städte zu diskutieren, sagt Karol Gzyl – etwa über neue Formen der Mobilität, Nachhaltigkeit oder Migration. Gleichzeitig wird ein großes Fest gefeiert.

Glänzende Souvenirs und schicke Ostsee-Strandbäder



Auch jenseits der großen Veranstaltungen wie Hansetag oder Baltic Sail gibt es viele Gründe für einen Besuch: In der hübschen Frauengasse reiht sich ein Bernsteinladen an den nächsten. In den Auslagen liegen die günstigen Souvenirs für die Touristen. Im Bernsteinmuseum und in der Brigittenkirche mit dem riesigen Lilien-Altar ist zu sehen, was versierte Bernsteinschleifer aus dem versteinerten Baumharz herstellen können. Die nahen Ostseestrände locken im Sommer viele Badeurlauber an. Das Seebad Sopot, das mit der Industriestadt Gdynia und Danzig die Metropolregion Dreistadt bildet, verfügt über Europas längstes hölzernes Pier, ein elegantes Grandhotel, einen Yachtclub und viele Bars.


Redakteurin Sabine Heinritz reiste auf Einladung des Polnischen Fremdenverkehrsamts nach Danzig.

 Die Hansestadt Danzig ist die sechstgrößte Stadt Polens mit rund 470000 Einwohnern. Mit der Hafenstadt Gdynia und dem Kurort Sopot bildet sie die sogenannte Dreistadt.

ANREISEN
Lufthansa fliegt zweimal täglich in einer Flugzeit von 1,5 Stunden von München nach Danzig.

ÜBERNACHTEN
Zum Beispiel im Radisson Blu Hotel Gdansk, Dlugi Targ/Powrozina 19, Danzig, Info: radissonhotels.com/blu

ESSEN
•Gdanski Bowke in der Dlugie Pobrzeze 11, deftige polnische Küche.
•Targ Rybny Fishmarkt, ul. Targ Rybny, Fisch für Feinschmecker, Info: targrybny.pl.
•Tygle, ul. Chmielna 10, Fusion aus polnischer und internationaler Küche, Infos unter tyglegdansk.pl.

UNTERNEHMEN
•Mit dem Audioguide die Stadt entdecken: 18/30 Zloty für Erwachsene/Paare, ausleihbar in den Tourist-Infos, www.audioguide.com.pl.
•Mit dem Ausflugsschiff auf die historische Westerplatte, zum Kurort Sopot oder Gdyni, Kassenhäuschen und Fahrplan am Kai am Grünen Tor und an der Grünen Brücke.
•Den Sonnenuntergang in der Rooftop-Bar „High 5“ im 5. Stock des Hilton Hotels genießen, Targ Rybny 1, Infos unter hiltongdansk.pl.

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