Ein Schirm fürs Leben?

Besuch bei einem der letzten Regenschirmmacher

02.12.2022 | Stand 02.12.2022, 14:25 Uhr

Regenschirmmacher mit Meistertitel - Willy Schüffler ist nach eigenen Angaben der letzte Regenschirmmacher mit Meistertitel, der in nennenswerter Stückzahl in Deutschland produziert. - Foto: Oliver Berg/dpa

Wenn der Regen runterpladdert, spannen Millionen den Schirm auf - bis ihn ein besonders kräftiger Windstoß zerstört. Billigschirme sind kein gutes Geschäft, sagt einer der letzten Regenschirmbauer im Land. Er hat sogar eine Idee für das leidige Schirm-Vergessen.

Regenschirme müssen keine Wegwerfartikel sein, die nach jedem stärkeren Wind verbogen in Mülltonnen landen. Man kann sie auch von Hand mit Kastanienholz, Carbonstangen, stabilen Nieten und doppelt gewebtem Himmel bauen und dann viele Jahre nutzen, sagt Willy Schüffler aus Essen.

Der 74-Jährige ist einer der letzten Regenschirmmacher-Meister in Deutschland, der solche Qualitätsschirme in eigener Fertigung und größerer Stückzahl von 2000 bis 3000 pro Jahr herstellt.

Auf besonderen Wunsch verbaut Schüffler dabei auch schon mal einen teuren versilberten Schirmgriff mit Signatur des Eigentümers oder näht einen Chip in das Schließband des Schirms ein. Damit man ihn orten kann, falls man ihn doch mal stehengelassen hat.

Musiker Smudo habe bei ihm sogar mal einen Schirm mit einem schmuckverzierten glitzernden «Swarovski-Griff» bestellt, erzählt der 74-Jährige. Schüfflers teuerstes reguläres Modell kostet 800 Euro, für 50 Euro bietet er schon einen «sehr ordentlichen» Schirm, den er kostenlos zehn Jahre lang repariert.

Zunehmend billigere chinesische Hersteller

Schirmmacher ist ein aussterbender Beruf: Von der Liste der Ausbildungsberufe wurde er schon Ende der 1990er Jahre gestrichen, sagt eine Sprecherin der für Schüffler zuständigen Handwerkskammer Düsseldorf. Schüfflers kleiner Vier-Personen-Betrieb ist der letzte im Kammerbezirk.

In den 1970er und -80er Jahren sei die Schirmproduktion in Deutschland noch weltweit führend gewesen, erzählt der 74-Jährige, der sein Handwerk beim Vater gelernt hat. Allein die Aachener Schirmfabrik Brauer beschäftigte in besten Zeiten über 1000 Menschen. Dann sei das Geschäft zunehmend von billigeren chinesischen Herstellern übernommen worden, die heute den Weltmarkt fast völlig dominierten.

Der 74-jährige spannt in seiner Werkstatt im Keller einen hölzernen Schirmstock in seine Maschine, Baujahr 1933, ein. Er schneidet eine Vertiefung für die Feder aus Solinger Stahl ein, die später das Gestell der Schirmstangen hält. Dann schleift er noch die Spitze ab. Es riecht nach Holz. Jetzt kann bald der Stoff für den Himmel festgenäht werden.

Übermächtiger Konkurrenzdruck aus Fernost

Schüffler will sich vom übermächtigen Konkurrenzdruck aus Fernost nicht einschüchtern lassen. Knapp 40.000 Tonnen Regenschirme wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2021 nach Deutschland importiert - die Außenhandelsstatistik geht nach Gewicht. Das entspricht bei einem schon großzügig gerechneten Gewicht von einem Kilogramm pro Schirm mindestens 40 Millionen Import-Regenschirmen pro Jahr.

«Die Leute denken sie sparen, wenn sie einen 5-Euro-Schirm beim Drogeriemarkt mitnehmen», sagt Schüffler. «Doch die Schirme halten nicht mal eine Saison, ein schlechtes Geschäft für die Käufer und ein unvorstellbarer Müllberg.» Dennoch gebe es bundesweit nur noch wenige Meister seines Handwerks. Die meisten von ihnen reparierten fast ausschließlich. Nur ganz wenige Betriebe produzierten gelegentlich und das in kaum nennenswerter Stückzahl.

Als Schirm-Sachverständiger gefragt

Schüffler als einer der letzten seiner Zunft ist - zusammen mit einem Aachener Professor - sogar als Schirm-Sachverständiger gefragt, wenn das für Patentstreitigkeiten zuständige Oberlandesgericht in Düsseldorf über Marken- und Knowhow-Klau entscheiden muss. Auch dabei gehe es oft um chinesische Anbieter, berichtet er.

Den englischen Markt beobachtet der Schirm-Fan besonders genau. Schließlich wurde in London 1830 das wohl älteste Regenschirmgeschäft Europas James Smith & Sons gegründet, das bis heute auch selbst produziert. «Immer in schwarz: Der englischen Gentleman trägt einen schwarzen Schirm», sagt Schüffler. Im Gegensatz zum deutschen, der gern auf Farben setzt, schon wegen der besseren Sichtbarkeit im Nieselregen.

Eins hat Schüffler beim Blick auf die Insel immer geärgert: «Die Queen hat oft so billige Plastikschirme getragen.» Das habe sich nun zum Glück bei King Charles geändert: «Er benutzt exklusive und wertvolle Schirme.»

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