Nach Lust und Laune

Das Frank Chastenier Trio im Birdland in Neuburg – Konzert ist dem kürzlich verstorbenen Rolf Kühn gewidmet

18.09.2022 | Stand 18.09.2022, 19:57 Uhr

Zwei von drei Musikern: Pianist Frank Chastenier und Christian von Kaphengst. Foto: Leitner

Von Karl Leitner

Neuburg – Am Anfang steht ein einsamer Ton. Nach einer halben Ewigkeit folgt ihm ein zweiter. Dann wird, zaghaft, fast scheu, ein Akkord in die Stille des Raumes entsandt, dann noch einer. Der Mann am Flügel tastet sich behutsam voran. Allmählich werden eine harmonische Verbindung und ein Rhythmus erkennbar, schließlich die Struktur einer ungemein zarten, intimen Ballade. Es ist „Hello“ von Lionel Richie, das im Original so gar nichts zu tun hat mit Jazz. Im Laufe dieses Abends im Birdland werden noch einige Stücke folgen, für die das gilt. Eigentlich. Der Pianist Frank Chastenier, der Allrounder, der alles kann, auch meisterlich arrangieren – er selber spricht mit Augenzwinkern von „derangieren“ –, auch eine Big Band leiten, nämlich die des WDR, als Sideman unzählige Stars begleiten wie etwa Hildegard Knef, Manfred Krug und Wolfgang Niedecken aus dem Pop- und Dee Dee Bridgewater, Randy Crawford, Al Jarreau und Ray Brown aus dem Jazzbereich, sorgt dafür, dass das egal ist.

Der Mann ist beschäftigt, fürwahr, und doch leistet er sich ein eigenes Trio, dessen Programm er nach Lust und Laune zusammenstellt. „Songs I‘ve Always Loved“ heißt eines seiner Alben, und eine Auswahl seiner Lieblingssongs spielt er denn auch zusammen mit seinen Partnern Christian von Kaphengst am Kontrabass und Tobias Backhaus am Schlagzeug, beides als Teil der Band von Till Brönner beileibe auch keine Unbekannten.

Und wenn‘s eben angesichts Herbert Grönemeyers „Mensch“ oder Manfred Krugs „Wenn du schläfst, mein Kind“ gar kein Jazz ist, dann wird es durch die Hand Chasteniers eben zu Jazz, vereint sich in der Gesellschaft der Standards „Can‘t We Be Friends“ und „I Can‘t Give You Anything But Love“ und Al Jarreau‘s „Mornin‘“ zu einem absolut runden Programm, in dem alles, was er in die Hand nimmt, umgedeutet, variiert, modifiziert und auf eine souveräne aber unaufdringliche und spielerische Art doch Jazz ist. Eigentlich. Chastenier widmet den Abend dem Klarinettisten Rolf Kühn, mit dem er selber kurz vor dessen Tod am 18. August dieses Jahres noch im Birdland gespielt hatte, bringt Stücke aus dessen letztem Werk „Yellow + Blue“ und verabschiedet sich von ihm mit ebenso eindringlichen Tönen wie zu Beginn des Konzerts, mit Joni Mitchell‘s „Both Sides Now“, das Kühn selbst einspielte, das so treffend zum Anlass passt.

Chasteniers Musik ist Mainstream, ganz klar, gut konsumierbar, teils fast schon gefällig, süffig. Andererseits aber auch versehen mit Ecken und Kanten, mit eingebauten Überraschungen und Widerhaken. Er verbindet diese beiden Pole, erklärt deren Existenz kurzerhand für nichtig, hat einen untrüglichen Geschmack und besticht durch seine Ästhetik. Ob Schlager oder Jazz oder Pop und was auch immer: Unter seiner Hand wird jedes Stück zu etwas ganz Besonderem, veredelt gar. Grenzen und stilistische Fragen interessieren ihn nicht sonderlich, dafür um so mehr all das, was zu einem atmosphärisch dichten, intensiven, dynamischen und höchst abwechslungsreichen Setablauf gehört. Sein Timing ist auch in dieser Hinsicht großartig. – „Songs I‘ve Always Loved“? Ja, auch das Publikum liebt sie an diesem außergewöhnlichen Konzertabend im Birdland von ganzem Herzen und beklatscht sie heftig.

DK



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