Salzburg

Ein böses Puppenspiel

„Katja Kabanova“ von Leoš Janáček bei den Salzburger Festspielen gefeiert

08.08.2022 | Stand 08.08.2022, 19:34 Uhr

Mit geballten Fäusten: Corinne Winters als Katja. Foto: Rittershausen

Von Jesko Schulze-Reimpell

Salzburg – Es ist ein starkes Bild, mit dem Regisseur Barrie Kosky seine Inszenierung von Leoš Janáceks Oper „Katja Kabanova“ bestimmt. Gleich wenn der Vorhang sich öffnet, erscheint es: In einer langen Reihe, die überdimensionale Breite der Bühne in der Salzburger Felsenreitschule ausfüllend, stehen die Bürger des Dorfes. Aber das Personal ist unbeweglich, es handelt sich um Puppen. Sie sind dem Geschehen abgewandt – und doch immer anwesend. Zumindest für die Familie um die tragische Figur Katja Kabanova. Die Wand aus Puppen, die im Laufe des Abends immer wieder ein wenig anders drapiert wird, ist das Bild einer in Konventionen und moralischen Traditionen erstarrten Gesellschaft. Sie greift nicht ein, aber sie wird immer mitgedacht von den Figuren aus Janáceks Geschichte. Und am Ende zerbricht Katja Kabanova daran, sie stürzt sich in die Wolga.

Noch während die Ouvertüre sehnsuchtsvolle Wolga-Klänge zelebriert, sieht man wie Katja sich aus der Personenmauer entwindet, wie sie weglaufen will von dieser seelenlosen Gesellschaft und es ihr doch nicht gelingt. Später, am Ende des zweiten Aktes, rennt sie an gegen die Puppen, erfolglos, hoffnungslos.

Denn Katja ist verstrickt im Unglück ihrer Familie, die sie erdrückt, erniedrigt, demütigt, die ihre Träume erstickt. Da ist ihr ungeliebter Mann, ein willenloser, ewig betrunkener Loser, der sich von seiner Mutter drangsalieren lässt, die es genießt, wenn er hündisch vor ihr auf den Knien herumrutscht. Die Mutter Marfa Kabanova ist eine Despotin, äußerlich schwach und alt, aber ihr Gehstock ist zugleich Waffe, mit dem sie sticht und schlägt wie mit einem Schwert. Einmal entwendet Katja ihr die Krücke und schlägt verzweifelt und sinnlos um sich. Und dann ist da noch Boris, ebenfalls ein Underdog, unterdrückt und ausgebeutet von seinem Onkel Dikoj. Die beiden, Katja und Boris, verlieben sich, denn sie wollen diese gefängnishafte Gesellschaft hinter sich lassen – und schaffen es doch nicht.

Die Stärke von Barrie Koskys Regie ist die Personenführung, seine Fähigkeit, jeder Figur einen eigenen Charakter zu verleihen, ihre Tragik, ihre Bedingtheit zu veranschaulichen. Da ist etwa die Pflegetochter Varvara, die Jarmila Balážová mit backfischhaftem Charme spielt, die in mädchenhafter Unschuldsmiene über die Bühne tändelt, ohne die Abgründe wahrzunehmen.

Vor allem aber ist Corinne Winters als Katja das Zentrum der Inszenierung. Mit fast schon übermenschlichem Kraftaufwand tobt sie über die Bühne, kämpft gegen die bösartige Schwiegermutter und ihren täppischen Mann an und singt dabei noch in allen Lagen makellos schön. Aber eigentlich sind alle Partien fabelhaft besetzt. Evelyn Herlitzius als herrische Marfa etwa verströmt Brünnhilden-Power ohne unnötige Schärfe in der Stimme. Oder David Butt Philip als Boris. Er singt nicht nur lyrischer-schön, sondern sein Tenor kann auch eine beeindruckende Lautstärke entwickeln.

Einen fast schon perfekten Janácek-Tonfall findet Dirigent Jakub Hrůša. Wunderbar, wie er die Komposition immer wieder zum Tänzeln bringt, wie psychologisch er die kleinen Störmanöver in den unendlichen Klangfluss setzt, wie er Gefühlsüberschwang inszeniert und dabei doch nie die Kontrolle verliert.

Ganz am Ende, wenn Katja vom Erdboden verschlungen wird, wenn alle Rettungsversuche umsonst sind, wenn Marfa den bitterbösen Satz sagt, dass bei ihr alle weitere Suche unnötig sei – dann reihen sich die überlebenden Figuren wieder in die Aufstellung der Puppen ein, als wenn sie für immer zu dieser starren Gesellschaft gehören müssten.

Und auch die Musik scheint wieder an den Anfang zurückzukehren, den Kosky mit Vogelgezwitscher garnierte. Nun sind die Naturlaute im Orchestergraben zu hören. Und das schicksalhafte Pochen der Pauken erinnert daran, dass es in dieser stummen Gesellschaft immer so weitergehen wird.

DK




ZUR PRODUKTION

Theater:

Felsenreitschule, Salzburg

Regie und Bühne:

Barrie Kosky

Musikalische Leitung:

Jakub Hrůša

Bühne

Rufus Didwiszus

Dauer:

105 Minuten

Vorstellungen:

11., 14., 21., 26., 29. August

Kartentelefon:

(0043) 662 8045 500

URL: https://www.donaukurier.de/nachrichten/kultur/ein-boeses-puppenspiel-6502110
© 2022 Donaukurier.de