Ingolstadt

Totschlag in Karlskron: Prozess beginnt - Bruder des Opfers auf der Anklagebank

28.06.2022 | Stand 28.06.2022, 11:59 Uhr
Andreas Müller

Am 19. September 2019 wurde ein 18-Jähriger Bulgare nahe der Karlskroner Kirche niedergestochen. Gewissenhaft sicherten Kriminaltechniker des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord damals am Tatort Spuren. Foto: Hauser (Archiv)

Der Fall hat nicht nur in Karlskron (Landkreis Neuburg-Schrobenhausen) für Aufsehen gesorgt: Am 19. September 2019 lag ein 18-Jähriger mit schweren Stichverletzungen auf der Straße. Für den jungen Mann kam jede Hilfe zu spät. An diesem Dienstag nun beginnt der Prozess am Landgericht.



Auf der Anklagebank am : der damals 16 Jahre alte Bruder des Getöteten. Kurz vor 21 Uhr an jenem Donnerstag hat ein Anwohner den Schüler gefunden. Der 18-Jährige blutete stark aus dem Bauch und musste reanimiert werden. Doch es half nichts: Er starb wenig später im Ingolstädter Klinikum. In einem Grünstreifen neben der Straße konnte das mutmaßliche Tatwerkzeug sichergestellt werden: ein Küchenmesser.

„Das war ein bisschen wie im Krieg“, beschrieb Bürgermeister Stefan Kumpf damals das Geschehen nach der Tat. Ein langer Abschnitt der Hauptstraße sei abgesperrt worden. Hubschrauber mit Suchscheinwerfern seien ebenso im Einsatz gewesen wie die Karlskroner Feuerwehr.

Verunsicherung in und um Karlskron groß

Die Anteilnahme in der Bevölkerung war groß, die Verunsicherung in und um Karlskron aber auch: Wer ist der Täter? Ist mit weiteren Bluttaten zu rechnen? „Die Leute sind verängstigt“, fasste Kumpf damals die Stimmungslage zusammen. Die Ingolstädter Kriminalpolizei, die die Ermittlungen übernommen hatte, versuchte zwar bereits in der Tatnacht zu beruhigen: Für die Bevölkerung bestehe keine Gefahr, hieß es. Gleichzeitig mussten die Polizisten am Folgetag mit Blick auf die Tat einräumen: „Derzeit können dazu keine belastbaren Angaben gemacht werden“. Auch in der Folgezeit hielten sich Polizei und Staatsanwaltschaft zu den Ermittlungsergebnissen bedeckt.

Schnell waren hingegen die Lebensumstände des Getöteten geklärt. Er hatte mit seiner Familie zwar mitten im Ortskern von Karlskron, aber dennoch am Rande der Gesellschaft gelebt: Die Familie war obdachlos und von der Gemeindeverwaltung auf unbestimmte Zeit in einem Wohncontainer auf einem kommunalen Grundstück untergebracht. Die Überführung des Leichnams nach Bulgarien konnte sich die Familie nur mit Spenden leisten. Trotz Hilfsbereitschaft sei es auch nach der Tat nicht gelungen, engeren Kontakt zur Familie aufzubauen, berichtete der Bürgermeister damals gegenüber dem DK und ergänzte: Man respektiere natürlich, wenn die Familie eher für sich bleiben wolle. Wollten die Eltern auch deshalb für sich bleiben, weil sie wussten oder zumindest ahnten, dass der mittlere ihrer drei Söhne mit dem Tod seines älteren Bruders zu tun haben könnte?

Nicht mehr nach Deutschland zurückgekehrt

Dafür spricht auch, dass der nunmehr Angeklagte nach der Beisetzung seines Bruders nicht mehr nach Deutschland zurückgekehrt ist. Später siedelte auch der Rest der Familie nach Bulgarien über. Der Getötete soll bei der Polizei kein Unbekannter gewesen sein: Einige Wochen vor seinem Tod hatten Ermittler den Wohncontainer durchsucht. Es soll um Hehlerei und Drogen gegangen sein.

Auch der Angeklagte ist offensichtlich kein unbeschriebenes Blatt: Nach Polizeiangaben ist er in seiner Heimat wegen Eigentumsdelikten im Gefängnis gesessen. Nach seiner Auslieferung nach Deutschland im Dezember vergangenen Jahres ist er in Untersuchungshaft genommen worden.

Die Staatsanwaltschaft hat wegen Totschlags angeklagt, also offenbar keine Mordmerkmale feststellen können. Möglicherweise war es vor der Tat zwischen den Brüdern zum Streit gekommen. Fest steht gegenwärtig nur, dass im Prozess Jugendstrafrecht zur Anwendung kommt.

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