Neuburg/Schrobenhausen

Ein Besuch im irdischen Himmelreich

EIN LANDKREIS – 50 ERLEBNISSE (Teil 23): Das Heilig-Kreuz-Münster in Bergen bietet Beeindruckendes

16.06.2022 | Stand 15.06.2022, 23:43 Uhr

Wahrzeichen mit Rapsfeld: Die Heilig-Kreuz-Kirche in Bergen ist eines der markantesten Gotteshäuser der Region. Fotos: Landkreisgästeführer

Ein Spaziergang vom Waldparkplatz in Gietlhausen an der dortigen Kirche führt 1,3 Kilometer schnurgerade nach Norden auf gutem Forstweg durch den erholsamen Mischwald. Die Strecke verläuft nahezu eben. Wenn der Wanderer aus dem Wald kommt, bietet sich ein fantastischer Blick auf eine Senke, in deren Mittelpunkt Bergen liegt – samt dem Münster Heilig Kreuz. Diesem Bauwerk widmet sich der Landkreisgästeführer und promovierte Volkskundler Manfred Veit (Foto) in diesem Teil unserer Serie.

Die gesamte Flur um Bergen ist auf den umgebenden Höhen von Wäldern gesäumt. Man kann es nicht glauben, dass man sich hier auf dem Gebiet der Stadt Neuburg befindet. Aber Bergen wurde tatsächlich am 1. Januar 1976 dorthin eingemeindet. Markant überragt die mächtige weiße Kirche die Ortschaft. Nach der Gründung eines Benediktinerinnenklosters kurz vor dem Jahr 1000 durch Kriegerwitwe Biletrud ist die Weihe einer Steinkirche für das Jahr 1095 bezeugt. Nach einem Brand 1152 war sie wieder aufgebaut und 1190 erneut geweiht worden. Die Kirchenpatrone waren Maria und Johannes der Täufer.

Es dauerte nicht lange, dann änderte sich das Patrozinium von den Personen unter dem Kreuz zum Kreuz selbst. Nachdem der Pfalz-Neuburger Fürst Ottheinrich mit seiner Reformation Mitte des 16. Jahrhunderts das Kloster auflöste, mussten die Nonnen ihre Heimat verlassen. Nach der Rekatholisierung Neuburgs ab 1617 wurde es nicht wieder aktiviert. Es entwickelte sich eine Wallfahrt, die vor allem nach dem Dreißigjährigen Krieg enormen Zulauf verzeichnete.

Die Neuburger Jesuiten, die über das Studienseminar die Hofmark und damit auch die Kirche Bergen verantworteten, entschlossen sich nach eine Abflauen 1756 zu einem rigorosen Umbau der dreischiffigen romanischen Hallenkirche im Stil des Rokoko. Sie erhofften sich davon eine neue Strahlkraft und ein Wiederaufleben der einträglichen Wallfahrt. Der Besucher sollte vor dem Betreten der Kirche erst einmal den wuchtigen freistehenden Glockenturm in seiner schlichten romanischen Architektur mit Ecklisenen, Querbändern und Rundbogenfriesen unter normannischem Zackenband auf sich wirken lassen. Das große Tor im Turm öffnet den ursprünglichen Zugang und führt auf das einfach gestaltete – 1905 unter Putz wieder entdeckte – romanische Portal. Ein modernes Bronzeportal bietet mit der leichten Öffnung und dem goldenen Hintergrund den Gestorbenen, die heute hier aufgebahrt werden, schon einen Blick in den goldenen Himmel.

Handwerkskunst außen und im Innenraum

Danach sollte der Besucher durch den Friedhof auf die Ostseite der Kirche gehen und die drei noch vorhandenen Apsiden bewundern. Die Rundbogenfriese sind mit fröhlichen Köpfen in den Rundungen und an den Konsolen versehen. Es sind wohl die Seligen, die schon im Osten das himmlische Jerusalem erblicken. Die große Schar wird an drei Stellen von Rinderköpfen unterbrochen. Diese könnten Symbole für die noch wenigen Menschen jüdischen Glaubens sein, die auf den Messias warten, der den Christen bereits mit Jesus Christus begegnet.

Danach taucht man beim Betreten der Kirche in einen Saal mit strahlender Rokoko-Ausstattung ein. 1756 brach der Eichstätter Baumeister Giovanni Domenico Barbieri die romanischen Gewölbe ab, entfernte die Säulen und brach zur Demonstration des Kreuzes die Längsmauern auf, um Querschiffe in bescheidenen Ausmaßen anzubauen. Dann schufen bis dahin noch nicht besonders bekannte Künstler innerhalb von nur drei Jahren ein Wunderwerk an Dekoration und Ausstattung im Rokoko-Stil.

Alles ist auf das Kreuz bezogen. Die während einer Sonnenfinsternis verdunkelte Kreuzigung im Hochaltar findet im Deckenfresko die Fortsetzung. Die römische Kaiserin Helena sucht und findet das Kreuz in Jerusalem. Im Hauptfresko des Kirchenschiffs bringt der byzantinische Kaiser Heraklius im Jahr 629 das von den Persern geraubte Kreuz wieder nach Jerusalem zurück. Über der Orgelempore halten musizierende Engel das Bergener Schaugefäß mit der Reliquie des Heiligen Kreuzes jubelnd empor. Der Maler von Haupt- und Seitenaltären im Kirchenschiff und Freskant war Johann Wolfgang Baumgartner. Die Seitenaltäre sind der Heiligen Familie gewidmet. Im nördlichen Querhaus richteten sich die Jesuiten ihren eigenen Altar ein und im Süden widmeten sie den Altar den Benediktinern, deren weiblicher Zweig das frühere Kloster betrieb. Die Skulpturen schuf der Dillinger Bildhauer Johann Michael Fischer. Der prächtige Raum sollte Besucher einladen, sich auf eine Bank zu setzen und in diesem „Himmel auf Erden“ einige Zeit mit den Augen und Gedanken spazieren zu gehen.

Zur geistlichen Erbauung gehört auch das leibliche Wohl

Danach lenkt ein Gitter neben den Altarstufen zu einer Tür, die in die Unterkirche führt. Die dreischiffige Krypta versetzt wieder in das Hohe Mittelalter der ersten Erbauungszeit um 1090. Nach der barocken Fröhlichkeit umfängt den Gast die Mystik der Romanik. In einer Stele steht das Ostensorium mit dem Kreuzpartikel und weiteren Herrenreliquien als spirituelles Zentrum, das zur inneren Einkehr einlädt.

Bevor der zum Pilger gewordene Wanderer wieder seinen Rückweg nach Gietlhausen antritt, sollte er in einer der Wirtschaften einkehren, die schon einst die Behausung der Kapläne oder die Herbergen der Wallfahrerinnen und Wallfahrer waren.

Die Führungen mit Veit durch die Heilig-Kreuz-Kirche, seit Kurzem sogar wieder ein Münster, finden am 17. Juni und am 15. Juli statt. Beginn ist um 15 Uhr. Der Treffpunkt ist in Bergen vor dem Kirchturm. Die Gebühr beträgt sieben Euro pro Person und wird zum Unterhalt der Kirche gespendet.

DK

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