Einmaliges Konzept

Berufsschule Eichstätt verzahnt technische und kaufmännische Aspekte

22.05.2022 | Stand 20.05.2022, 16:56 Uhr

Das Plusprogramm der Staatlichen Berufsschule Eichstätt vereint technische und kaufmännische Bereiche. Projektleiter ist Stefan Plank (links). Tobias Berner absolviert die noch junge Ausbildung (Mitte) bei der Firma Weitner in Eichstätt, hier vertreten durch Geschäftsführerin Michaela Weitner. Foto: Tamm

Von Christian Tamm

Eichstätt – Die Staatliche Berufsschule Eichstätt bietet ein bayernweit einzigartiges Ausbildungskonzept an. Es verzahnt technische und kaufmännische Inhalte. Die Initiative geht auf Unternehmen zurück, die immer häufiger Fachkräfte benötigen, die beide Welten verstehen. Das Modell könnte bundesweit Schule machen.

Tobias Berner ist Auszubildender in Eichstätt – gut, soweit nichts besonderes. Bemerkenswerter ist da schon, dass er sich nach dem Gymnasium gegen den Besuch einer Universität entschieden hat. „Es stand für mich eigentlich immer fest, dass ich nicht zum Studieren gehen möchte“, meint er. Und richtig spannend wird es, wenn man einen genaueren Blick auf die Ausbildung wirft, die er gewählt hat.

Der junge Mann durchläuft nämlich eine Doppelqualifizierung, die von der Staatlichen Berufsschule Eichstätt angeboten wird und bayernweit einmalig ist. Dabei geht es um die Verzahnung technischer und kaufmännischer Aspekte. Basis ist die Ausbildung zum Industriemechaniker, welche zusätzlich um kaufmännische Inhalte erweitert wurde. Dabei überwiegen die technischen Bereiche etwas. Die Ausbildung dauert dreieinhalb Jahre. Wer sie erfolgreich hinter sich gebracht hat, hat sich dann das Recht erworben, direkt und ohne weitere Fortbildungen den IHK-Weiterbildungsabschluss zum „Berufsspezialist Technischer Kaufmann“ abzulegen.

Die Initiative ging von örtlichen Unternehmen aus

Tobias Berner ist seit drei Jahren dabei und wird bei der Firma Weitner in Eichstätt ausgebildet. Er gehört also zu den ersten Menschen, die diese noch recht junge Ausbildung bald abschließen werden. Und die Werner Weitner GmbH – ein Entwicklungs- und Maschinenbauunternehmen aus dem Automotive- und Medizintechnik-Bereich – gehörte einst zu den ersten Firmen, die an dem Vorhaben beteiligt waren. Denn, so berichtet Stefan Plank von der Berufsschule Eichstätt, die Initiative sei von Unternehmen ausgegangen. Der Berufsschullehrer ist einer der maßgeblichen Köpfe hinter dem sogenannten Plusprogramm und berichtet: „Eine Firma hat das Thema an uns herangetragen. Sie brauchte Mitarbeiter, die technisches und kaufmännisches Wissen zugleich haben. Das haben wir dann aufgenommen und uns umgehört, ob dieser Bedarf vielleicht in der Fläche vorhanden ist.“

Und das war er. Inzwischen sind mehrere Firmen aus verschiedenen Teilen Bayerns dabei. Bis dahin war es aber ein weiter Weg, wie sich Plank und Schulleiter Wendelin Ferstl erinnern: „Herr Plank hat einen immensen Aufwand bei der Akquise betrieben. Ohne diesen Einsatz wären wir heute nicht hier“, sagt Ferstl. Kaum zu zählende Telefonate und Briefe habe es gebraucht.

Und die Unternehmen haben − neben der Industrie- und Handelskammer (IHK) sowie dem bayerischen Kultusministerium – bei der Entstehung des Ganzen eine wichtige Rolle für die Berufsschule Eichstätt gespielt. „Wir haben Einfluss nehmen können. Es wurde bei der Entwicklung auf die Bedürfnisse der Firmen eingegangen. Ich habe auch in meinem Betrieb gesehen, dass es Bereiche gibt, wo technisches wie auch kaufmännisches Wissen wichtig sind. Die Lösung konnte also nur in einer kombinierten Ausbildung liegen“, ist Heinz Weitner, Geschäftsführer der Werner Weitner GmbH, sicher.

Vorteile für die Firmen und ihre Auszubildenden

Der Vorteil sei, dass die Auszubildenden alle Bereiche des Betriebs kennenlernen und sofort nach der Ausbildung im ganzen Haus einsetzbar seien, ergänzt Michaela Weitner, ebenfalls in der Geschäftsführung tätig und Heinz Weitners Tochter. „Aufgrund der engen Verzahnung beider Bereiche war es zudem problemlos möglich, dass Tobias Berner bereits in der Ausbildung eigene Projekte übernehmen konnte.“

Doch auch für die Auszubildenden birgt das Programm jede Menge Vorzüge. Aufgrund ihrer Qualifikation dürften sie auf dem Arbeitsmarkt gefragt sein. Zudem wird der „Geprüfte Berufsspezialist Technischer Kaufmann“ unter DQR (Deutscher Qualifikationsrahmen) 5 eingestuft – und damit höher als eine „klassische“ Ausbildung. Das kann sich wiederum positiv auf die Entlohnung auswirken. Zudem kann man sich laut Plank später in beide Richtungen weiterbilden – also zum Meister oder Betriebswirt.

Berner jedenfalls ist vollauf zufrieden. Ihn hat das Konzept von Anfang an überzeugt. „Das war genau, was ich gesucht hatte. Und dabei habe ich durch einen Zufall davon erfahren“, sagt er. Ein klassischer Flyer sei an der Schule umgegangen. Er wird bei Weitner eine Stelle bekommen, welche genau an der Schnittstelle zwischen technischen und kaufmännischen Aufgaben liegt – also seine Ausbildung widerspiegelt.

Idee könnte bundesweit Schule machen

Bis zu 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer wären laut Berufsschule Eichstätt derzeit problemlos möglich. Die Voraussetzung zur Zulassung ist ein mittlerer Bildungsabschluss, um allgemeinbildende Anteile niedrig halten zu können. Ziel sei es, das Konzept in die Fläche zu bringen, meint Schulleiter Ferstl. Plank schildert, es habe schon Anfragen aus Hamburg gegeben. Eine Hoffnung ist, dass sich vielleicht mehr junge Menschen bei solchen Angeboten für die Ausbildung und gegen ein Studium entscheiden. Berner jedenfalls betont, das Programm sei noch besser als zuvor erhofft.

DK

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