Auf den Spuren eines ungeklärten Mordes

05.05.2009 | Stand 03.12.2020, 4:59 Uhr

 

Waidhofen (SZ) Es ist das Hinterkaifeckjahr schlechthin: Zwei Kinofilme, eine Fernsehdokumentation – der ungeklärte Mordfall ist 2009 omnipräsent. Manchen reicht das nicht. Eine Internet-Gemeinschaft forscht tagtäglich nach Hintergründen des Verbrechens. Einige von ihnen trafen sich jetzt am Tatort.

Sie wollen Licht ins Dunkle bringen. Sie heißen AngRa, Badesalz, Bernstein, Hula, Tatverdacht, Urus oder Topfsecret. Ihre Identität halten sie geheim. Nur unter Pseudonym treten sie für gewöhnlich im Internet mit selbst geschaffenen Alter Egos an die Öffentlichkeit, mit dieser einen Ausnahme: Beim Foren-Treffen an diesem Wochenende in Waidhofen lüfteten einige der Hinterkaifeck-Forscher ihre Identität – allerdings fast ausnahmslos nur untereinander.
 
An die 30 Internet-Forscher waren es, die an diesem Wochenende zum zweiten Forentreffen zusammenkamen. Normalerweise ist das Internet ihre Spielwiese; diesmal bewegten sie sich hinaus aus der künstlichen Anonymität des Netzes ins reale Leben am realen Tatort.
 
Was die Hinterkaifeck-Community in den vergangenen Jahren alles ermittelt hat, fasziniert mittlerweile auch andere: Regisseur Kurt Hieber, der gerade fürs ZDF einen Film dreht, war in Waidhofen ebenso als Gast mit von der Partie, wie die Schrobenhausener Heimatforscher Barbara und Bernhard Rödig.
 
"Wir haben einige neue Dokumente ausgegraben", erzählt der Mann, der sich Bernstein nennt, ein groß gewachsener, bulliger Franke mit schlohweißem Bart, der im wahren Leben bei einer EDV-Firma arbeitet. Nach wie vor sei man auf der Suche nach einem Bild von Viktoria Gabriel.
 
Auf Bildersuche
 
Über die Dame des Hauses wissen die Internet-Forscher mittlerweile einiges mehr als in den Peter-Leuschner-Büchern, den Kaifeck-Standardwerken, geschrieben steht: dass sie nicht nur eine echte Schönheit gewesen sein muss, sondern dass sie den Spitznamen "Lerche von Hinterkaifeck" trug. "Wir sind sicher, dass es Bilder von ihr gibt", sagt Bernstein.
 
Von ihrer ebenfalls ermordeten Tochter Cäzilia gibt es ein Bild, aber die Identifizierung ist nicht abgeschossen: "Wir haben ein Klassenfoto, wir wissen nur noch nicht, wer auf dem Bild Cäzilia ist", sagt Bernstein, "aber wir sind ganz nah dran." Noch eine Entdeckung haben die Forscher am Wochenende in Waidhofen gemacht: Sie bekamen das Original eines Aquarells zu sehen, das der Wandermaler Max Binder offenbar als Auftragsarbeit am Tag vor dem Abriss des Hofes im Februar 1923 gemalt hat – das letzte Bild des Tatorts.
 
Luftaufnahmen
 
Wo der Hof stand, soll bis heute nichts wachsen, sagen manche Waidhofener. Die Luftaufnahmen von Google-Earth im Internet scheinen das zu belegen; die Internet-Forscher machten am Wochenende selbst Luftaufnahmen, schickten einen mit Kamera ausgestatteten Modell-Hubschrauber los – eine spannende Aktion. Den Mörder indes kennen sie noch nicht; so wird wohl munter weiter geforscht, und ein weiteres Treffen der Hobby-Kriminogogen aus ganz Deutschland wird es sicherlich bald wieder geben, selbstverständlich wieder anonym und unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

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