Das Theater als Irrenhaus

29.11.2009 | Stand 03.12.2020, 4:27 Uhr

Kostprobe aus dem Theateralltag: Heike Susanne Daum ist als Primadonna Corilla Sartecchi in Donizettis Oper zu erleben. - Foto: Zenna

München (DK) Der junge Gaetano Donizetti erlebte, wie sein Lieblingsbariton sich gegen Lärm im Publikum durchsetzte, indem er ins grelle Falsett wechselte – und Beifall erhielt. Als die Sopranistin daraufhin wütend von der Bühne ging, zog der Bariton ihr zu enges Kostüm an, sang ihre Arien – und wurde begeistert gefeiert.

Dies und dahinter stehenden "convenzioni teatrali", die Bräuche und Missbräuche am Theater, bewogen wohl den Komponisten, daraus und darüber eine zweiaktige Oper zu machen – und seit 1831, speziell aber seit der 1969 in München entstandenen deutschen Bearbeitung rettet "Mamma Agata" immer wieder in irgendeiner Theaterklitsche die Premiere: Dort scheitert nämlich ein Opernmonster namens "Romulus und Ersilia" an Querelen zwischen Dramaturg, Regisseur und Theaterdirektor, aber auch an Rivalitäten und Eitelkeiten zwischen Primadonna und Tenor sowie zweiter Sopranistin. Hinzu kommen noch technische Probleme und ein verschlampter Chor – fertig ist das Probenchaos, getreu dem Satz aus dem 18. Jahrhundert: "Das Theater ist ein Irrenhaus – und die Oper die Abteilung für Unheilbare!"

All das kennt die zweitklassige Sängerin, die als "Mamma Agata" die Bühne in Besitz nimmt: Erst will sie nur ein zusätzliches Rondo für ihre Tochter, die zweite Sopranistin. Doch als eine Sängerin genervt hinschmeißt, übernimmt sie deren Rolle. Dann greift sie in die Regie ein. Schließlich tanzt, spielt und singt sie sich in die Hauptrolle. Doch angesichts der kochenden Gerüchteküche zieht die Stadtverwaltung die Gelder zurück. Ein chaotisches Ende naht. Doch mit ihrem Schmuck als Pfand rettet Mamma Agata die Aufführung, ihre Tochter, die eigene Hauptrolle – und letztlich das ganze Theater, denn sie ist ein Theatervollblut.

Donizetti hat noch eins draufgesetzt: Diese "Mamma" wird von einem Bassbariton verkörpert und gesungen – und das steigert den Spaß durch Mann-Frau-Klischees noch einmal beträchtlich. Besonders, wenn man ein Theatervollblut wie Stefan Sevenich auf der Bühne des Gärtnerplatz erleben kann: ein echter Singschauspieler mit prächtiger Stimme, dazu noch tänzerisch begabt bis hin zum bejubelten Spagat. Regisseurin Nina Kühner ließ ihn am Gärtnerplatztheater mal dem Affen Zucker geben, aber auch eine träumerisch stille Erinnerungssequenz zu Videofilmchen als Primaballerina, als Starsängerin, als Liebende und als Mutter spielen.

Alles begann schon gezielt schön chaotisch damit, dass Direktor und Regisseur nicht ans imitierte Regiepult in der 7. Reihe konnten, mit dem Publikum rumnörgelten und drängelten. Dann ließ Regisseurin Nina Kühner samt Ausstattungsteam diese Herren eine grässlich komische Imitation schlechtesten Regietheaters vorführen: Antikes im Science-Fiction-Ambiente – samt Unarten von Choristen, Technik und vor allem Sängerinnen und Sängern, dazu eine Menge aktueller, lokaler Anspielungen, alles locker getragen von Dirigent Ariel Zuckermann.

Über Donizettis musikalisch freche Zitate hinaus sang dann noch Sopranistin Stefanie Kunschke die Tenorarie aus dem "Liebestrank" – ein klangschöner, quasi ironischer Vorgriff auf die Staatsopernpremiere am morgigen Dienstag – dazu noch eine "Money, Money, Money"-Einlage aus "Cabaret" undundund.

Theatervergnügen wie von Altmeister Jerome Savary stellte sich ein: mal derb, mal fein – belohnt mit ungetrübtem Jubel für das ganze Team. Ein früher Faschingshit am Gärtnerplatztheater!

Weitere Vorstellungen am 4., 8. und 16. Dezember, Karten unter Telefon (0 89) 21 85 19 60.

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